Bio-Gemüse aus dem Ausland?

Ist das ökologisch sinnvoll oder völliger Quatsch? Wir klären das für euch.

  1. Autor: Leo Frühschütz
  2. Illustration: Carlo Zilch

Die richtigen Hardcore-Bios – so wie ich – kochen regional und saisonal, also Gemüse von hier und zwar dann, wenn es auf den Markt kommt. So viel zur Theorie. In der Praxis koche ich liebend gern mit rotem Paprika. Den bekomme ich von deutschen Bio-Gärtnern allerdings nur im August und September.

Fahre ich mit dem Auto zum Gärtner,
ist die Bilanz schnell im Eimer.

Den Rest des Jahres kaufe ich importierten Paprika. Der meiste kommt aus Spanien, anderer aus Israel oder aus beheizten niederländischen Gewächshäusern. Was den Klimaschutz angeht, liegt Spanien weit vor den Gewächshäusern, wie der Rat für Nachhaltige Entwicklung am Beispiel Tomaten berechnet hat.

Ein Kilo Bio-Tomaten aus dem geheizten Gewächshaus verursacht 9,2 Kilogramm CO2. Freilandtomaten aus Spanien kommen auf 600 Gramm CO2, regionale Freilandtomaten auf 35 Gramm CO2. Hole ich sie allerdings mit dem Auto beim Gärtner, ist die Bilanz schnell im Eimer: Pro Kilometer Autofahrt blase ich 120 Gramm CO2 aus dem Auspuff, plus Lärm und andere Abgase.

Auf frisches Gemüse
im Winter ganz verzichten?

95 Prozent aller in Deutschland verkauften Bio-Paprika wachsen im Ausland, hat die Agrar-Informationsgesellschaft AMI ermittelt. Bei Tomaten (87 Prozent), Zucchini (81 Prozent) und Gurken (74 Prozent) sieht es nicht viel besser aus. Auch wenn es mehr deutsche Bio-Gärtner gäbe: Wer zwischen Oktober und April knackiges Frischgemüse will, kommt um Importe nicht herum. Ganz darauf zu verzichten wäre ökologisch korrekt, fällt mir aber schwer. Also schraube ich den Verbrauch herunter.

Trotzdem exportiert allein Marokko jeden Winter 3.000 Tonnen Bio-Gemüse nach Deutschland. Bei lagerfähigem Gemüse wie Lauch, Möhren, Zwiebel und Kartoffel wird die inländische Ware erst im Frühjahr knapp. Dann tauchen Kartoffeln aus Ägypten und Zwiebeln aus Argentinien in den Regalen auf – und werden von mir links liegengelassen. Nicht wegen der Klimabilanz. Die ist gar nicht so schlecht, weil die Produkte frisch geerntet per Schiff zu uns kommen. Auch das monatelange Lagern hierzulande verbraucht reichlich Energie.

Bio aus Übersee
kommt mit dem Schiff

Mir gehen die langen Transportwege für den Luxus der ständigen Bio-Verfügbarkeit gegen den Strich. 13.000 Kilometer hat eine Bio-Zwiebel aus Argentinien auf dem Buckel. Außerdem unterstütze ich lieber hiesige Erzeuger. Bei Kartoffeln aus Israel und Ägypten kommt noch der hohe Wasserverbrauch beim Anbau in der Wüste hinzu. Dann besser zwei Monate lang keine Kartoffel. Das steigert nur die Vorfreude auf die neue Ernte.

Besonders groß ist meine Freude bei Erzeugnissen, die es nur kurze Zeit gibt: Bärlauch, Rhabarber oder Spargel. Letzteren zu Ostern aus Peru einfliegen zu lassen, käme mir nie in den Sinn. Außerdem sind Lebensmitteltransporte mit dem Flugzeug ökologisch ein No-Go – und bei Bio-Produkten sehr, sehr selten.

Leo Frühschütz
Auf dem Feld stehen und lernen, wie aus einem Rohstoff ein Lebensmittel wird: Das ist es, was Leo an seinem Beruf am meisten liebt. Für Ö war er sogar bei der Palmölernte in Ghana – was davon bleibt: Gesichter, Gerüche nach Veilchen und Frittenbude und das Wissen, wie viel Handarbeit und Hoffnung in dieser Zutat stecken. Mehr ...

Diese Themen
in der aktuellen
Ausgabe lesen: