Bist du Otto?

Wie nachhaltig lebt eigentlich ein völlig durchschnittlicher Deutscher? Unser Autor hat einen Tag mit Otto Normalverbraucher verbracht – und Einiges über sich gelernt.

  1. Autor: Hendrik Bensch

6.18 Uhr

Ich bin noch im Tiefschlaf, als Otto an meine Tür hämmert. Mein Wecker zeigt 6.18 Uhr und ich frage mich, warum der Typ bloß jeden Tag so früh aufsteht. Und da ist er: Otto Normalverbraucher, der typische Deutsche, gerade aufgewacht.

Ich mache uns einen Kaffee. Otto geht – wie ich – morgens nie aus dem Haus, ohne eine Tasse getrunken zu haben. 650 Stück sind es bei ihm im Jahr. Davon immerhin vier Wochen im Jahr aus nachhaltigem Anbau.

82 Kilogramm Lebensmittel
schmeißt er pro Jahr weg

Otto holt seine Frühstücksfavoriten aus dem Rucksack: Brötchen, Käse, Marmelade, Wurst, Butter und Eier. Davon sind die Eier das Produkt, das er am häufigsten in Bio-Qualität kauft. Brötchen und Brot besorgen er und ich nur gelegentlich beim Bio-Bäcker.

Als wir mit dem Frühstück fertig sind, geht er zum Mülleimer und wirft seine Reste hinein. „Hatte zu viel im Kühlschrank und ’n bisschen den Überblick verloren“, entschuldigt sich Otto. 82 Kilogramm schmeißt er pro Jahr weg. Das sind zwei vollgepackte Einkaufswagen mit Waren im Wert von rund 235 Euro.

8 Uhr

Wir machen uns auf den Weg zur Arbeit. Ich kann mit dem Fahrrad ins Büro radeln. Otto hingegen ist Pendler und fährt 16 Kilometer mit dem Auto. „Ist schon irgendwie schräg“, sagt er. „Ich benutze meine Karre jeden Tag nur eine Stunde, die restliche Zeit steht sie rum.“

Er düst los und treibt den Zählerstand nach oben. Am Jahresende wird dieser bei 14.000 Kilometern liegen. Angesichts der 38 Stunden, die Otto bis dahin insgesamt im Stau steht, bin ich heilfroh, dass ich mir nur ab und zu ein Auto ausleihen muss.

13 Uhr

Wir treffen uns in Ottos Firmenkantine zum Mittagessen. Seine Wahl: Currywurst mit Pommes. Natürlich. „Spaghetti Bolo esse ich aber auch gern“, erzählt er. Auf jeden Fall irgendwas mit Fleisch. Fast 60 Kilo kommen so in zwölf Monaten zusammen. Das sind zwei Kilo weniger als vor fünf Jahren.

60 Becher Mitnahme-Kaffee
kauft er pro Jahr

„Ich werde älter und esse etwas weniger“, erklärt Otto, der inzwischen 46 Jahre alt ist. Außerdem gehe er häufiger ins Restaurant oder kaufe Fertigessen. „Da sind die Fleischportionen kleiner als wenn ich selbst koche.“ Inzwischen liebäugelt er damit, Flexitarier zu werden. Immerhin mache das schon jeder Dritte so.

„Noch’n Käffchen gegen die Mittagsmüdigkeit?“, fragt Otto nach dem Essen. Wir holen uns einen Kaffee zum Mitnehmen und schmeißen den Becher nach dem letzten Schluck weg. Einer von Ottos 60 Bechern pro Jahr. Bei mir selbst sind es vermutlich sogar noch mehr.

17 Uhr

Feierabend. Otto und ich fahren zum Einkaufen. Heute sollen ausschließlich Ottos Bio-Lebensmittel in den Korb wandern. Auf dem Einkaufszettel stehen Eier, Mehl, Gemüse, Milch und Obst. Auf seinem Kassenzettel fürs Gesamtjahr stehen 97 Euro für Bio-Lebensmittel.

„Peter aus der Schweiz bringt’s sogar auf 222 Euro. Ich bin gerade mal auf Platz sieben in Europa“, sagt Otto. „Und bei fair gehandelten Produkten gibt Peter sogar fast fünfmal so viel aus wie ich.“

Seinen Einkauf packt er in eine der 70 neuen Plastiktüten, die er pro Jahr verwendet. „Ich versuche an Baumwollbeutel zu denken, aber oft lasse ich sie doch zuhause liegen“, sagt er. Dennoch schneidet er besser ab als der EU-Durchschnitt – der liegt bei 198 Tüten.

18.30 Uhr

Auf dem Heimweg will Otto noch Klamotten kaufen. Fünf neue Teile sind es pro Monat. „Eins davon trage ich aber so gut wie nie – gefällt mir dann doch nicht“, gesteht er. Alle sechs Monate wirft er deshalb auch Kleidung weg.

In den vergangenen Jahren habe er auch immer mehr Verpackungsmüll entsorgt, erzählt Otto. 220 Kilo sind es pro Jahr. Und immer mehr Papier. „Das liegt daran, dass ich immer mehr im Versandhandel bestelle.“

Otto fliegt doppelt so oft auf Fernreise
wie noch vor zehn Jahren

Als wir in Ottos Single-Wohnung ankommen, stellt er gleich die Waschmaschine an. Etwa 1.500 Kilowattstunden kommen in seinem Haushalt pro Jahr zusammen und etwa ein Viertel des Stroms stammt aus erneuerbaren Energien. Den Strom ziehen vor allem sein Fernseher, seine Audiogeräte und sein Computer, den er jetzt einschaltet, um noch ein paar Flüge zu checken. „Ich würde gerne mal wieder auf Fernreise gehen“, sagt er. Schließlich mache er das heute doppelt so oft wie vor zehn Jahren.

23 Uhr

Ich gehe nach Hause. Muss dringend über Normalverbrauchers Gewohnheiten nachdenken – und über meine eigenen. Otto knipst derweil das Licht aus.

Otto sitzt 2,5 Lebensjahre im Auto. Hendrik glaubt fest daran, dass das selbstfahrende Auto ein Erfolg wird. Mehr ...

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