Danke für nix

Fasten macht glücklich. Der zeitweilige Verzicht auf Gewohntes motiviert Körper und Geist zu ungeahnten Höhenflügen. Wieso eigentlich? Unsere Autorin hat es ausprobiert.

  1. Autorin: Nicole Pollakowsky
  2. Illustration: Florian Bayer
Eine Frau im dicken Wollpulli, der sich langsam auflöst.

Die Aufschrift auf der bunten Schachtel verspricht Großes: „Chaos lichten, die Stimmung heben, auf dem Königspfad wandeln“ – all das soll demjenigen möglich sein, der diesen Tee trinkt. Klingt super. Ab damit in den Einkaufswagen. Viel liegt bisher noch nicht drin: Zwei Flaschen Saft, ein Becher Buttermilch, ein Bund Suppengemüse – und jetzt noch der Chaos-lichtende-Königspfad-Tee. Das ist mein ganzer Vorrat für die kommenden fünf Tage. Ich werde fasten.

Mein Leben ist eine Baustelle und ich will sehen, ob die Essens-Auszeit mir hilft, das Durcheinander zu sortieren. Das hat in der Vergangenheit schon gut funktioniert. Auch wenn es sich erstmal gar nicht so anfühlt.

Fastentag Nummer eins:
Ich bin schlapp.

Mein Körper hat noch nicht verstanden, wieso da plötzlich keine Energie mehr nachgefüllt wird. Auf Diskussionen oder Erklärungen habe ich wenig Lust und rede daher nicht über mein Experiment.

Außenstehende, die nichts mit Fasten am Hut haben, tun sich schwer mit der Vorstellung tagelang nichts zu essen, sondern nur zu trinken. Die Reaktion ist immer die gleiche: „Das hast du doch gar nicht nötig.“ Und: „Das kann doch nicht gesund sein!“

Ist es aber doch – das ist mittlerweile erwiesen. Amerikanische Studien belegen, dass alle Organismen, wenn sie regelmäßig fasten, weniger anfällig sind für Zivilisationskrankheiten wie etwa Rheuma, Bluthochdruck oder Diabetes. Auch bei der Krebsbehandlung setzen Forscher seit Kurzem Hoffnung ins Fasten.

Als den „einzigen Neustartknopf, den wir haben“ bezeichnete der Berliner Mediziner und Fastenforscher Professor Andreas Michalsen jüngst in der Zeitschrift „Geo“ den freiwilligen Nahrungsverzicht auf Zeit. Das Fantastische: Diesen Reset-Schalter tragen wir in uns selbst, zum Nulltarif. Wir müssen ihn nur umlegen.

Von einem Neustart kann bei mir
am bösen Fastentag Nummer zwei
noch keine Rede sein.

Der Kopf tut weh, mir fehlt mein Morgenmilchkaffee. Nach einer Runde an der frischen Luft steht fest: Den Königspfad habe ich noch nicht erreicht. Also noch eine Kanne Anti-Chaos-Tee und ab an den Schreibtisch. Aber schon nach kurzer Zeit lässt meine Konzentration nach.

Mein Kopf ist am Limit. Vor allem die „Ich muss noch schnell“-Punkte auf der To-do-Liste erscheinen als riesiger Stressfaktor. Ich nehme mir die Freiheit, sie zu ignorieren. Trotzdem: Vielleicht war es nicht so schlau, mein Fasten-Experiment in eine ganz normale Arbeitswoche zu legen?

Das Fasten aktiviert die Zellverdauung, Autophagie. Als zellinterne „Müllabfuhr“ räumt sie gründlich auf – und macht auch vor dem Handy nicht Halt.

„In großen Lebenskrisen hat sich das Fasten für mich als Lösungsbringer bewährt“

„Stress beim Fasten ist Gift“, bestätigt Andrea Chiappa. Der Ökotrophologe bildet an der Fastenakademie in Bad Homburg Fastenleiter aus und führt auch selbst Fastengruppen durch die Tage des Nahrungsverzichts. Seine Erfahrung: „Fasten, Bewegung und Entspannung – das passt zusammen.“

Er zieht sich zum Fasten zurück, beispielsweise in ein Kloster, um seine Gedanken zu ordnen. „In großen Lebenskrisen hat sich das Fasten für mich als Lösungsbringer bewährt“, so Chiappa. Na, bitte!

Tag drei meiner Fastenwoche bricht an:
Ich fühle mich bärenstark.

Tschacka! Seit halb sieben bin ich glockenwach, kurz vor acht habe ich den Wocheneinkauf für die Familie erledigt und stehe nun in der Schlange an der Kasse. Erstaunlich, was hier um diese Zeit schon los ist.

Gefühlt die Hälfte der Kunden kenne ich. Fluch des Landlebens – so viel Sozialkontakt so früh am Tag ist eigentlich gar nicht mein Ding. Aber heute kann ich selbst den anstrengendsten Zeitgenossen fröhlich einen guten Morgen wünschen. Und schau an, sie lächeln zurück!

Der Tag ist mein Freund – kein Wunder. Mein Körper hat sich umgestellt – von Zucker- auf Fettstoffwechsel – und ernährt sich quasi aus sich selbst. Dass das funktioniert, ist wohl evolutionär bedingt. Seit jeher gehören Zeiten der Nahrungsknappheit zum Leben. Und vermutlich wären wir heute nicht hier, wenn der Neandertaler nach drei Tagen ohne Essen nur noch apathisch in seiner Höhle gehockt hätte.

„In Bezug auf den Energiestoffwechsel ist Fasten ein gutes Training, vergleichbar mit einem passiven Marathonlauf“, sagt Andrea Chiappa. Und auch der Kopf spielt das Spiel mit: Verstärkt werden stimmungsbeeinflussende und schmerzhemmende Substanzen ausgeschüttet. „Endorphine wirken entspannend, die gesteigerte Serotoninwirkung macht uns happy“, nennt der Fastenleiter zwei Beispiele.

Tag vier –
und ich bin im Flow.

Pausenbrote schmieren und selbst nichts naschen? Eine meiner leichtesten Übungen! Depri-Wetter mit Nieselregen? Mir doch egal. Erstaunlich ist, wie viel Zeit man durchs Nicht-Essen gewinnt. Zeit, in der aufgeschobene Entscheidungen reifen können – und endlich getroffen werden.

Bahnbrechend auch die Erkenntnis: Die Welt dreht sich weiter, obwohl ich alles einen Ticken langsamer angehe und des Öfteren auf dem Sofa eindöse.

„Die positive Verzichtserfahrung ist für Menschen sehr wertvoll“, sagt Andrea Chiappa. Die psychologische Dimension des Fastenerlebnisses sei nicht zu unterschätzen: „Wer sich selbst bewiesen hat, dass er ein Stück weit autark leben kann, gewinnt Vertrauen in die Fähigkeit des eigenen Körpers und in sich selbst.“

Experten sprechen von einer Selbstwirksamkeitserfahrung. Diese sei nicht auf den Nahrungsverzicht beschränkt. Auch wer es schafft, eine Zeitlang aufs Auto, auf Alkohol oder aufs Internet zu verzichten, könne ähnliche Effekte erzielen.

Heile, heile fasten

Von (Schul-)Medizinern lange belächelt, rückt das Fasten als Heilmittel in den Fokus der Wissenschaft. Großes Interesse gilt dem intermittierenden Fasten. Dabei wechseln normale Essenszeiten mit mehr oder weniger langen Pausen ab. Die Effekte scheinen vergleichbar mit denen bei mehrtägigem Nahrungsverzicht. Aufmerksamkeit erhielt das Fasten jüngst durch die Verleihung des Medizin-Nobelpreises 2016 an den Japaner Yoshinori Oshumi, der den Autophagie-Mechanismus in Zellen erforscht. Autophagie (Selbstverdauung) bezeichnet eine Art zellinterne Müllabfuhr. Zellabfall wird dabei zerstückelt und recycelt, der Prozess soll Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson entgegenwirken. Fastenperioden können helfen, die Autophagie zu aktivieren.

Ich bin dann mal off

Tipps von Anni Roolf für eine digitale Auszeit: „Sinnvoll ist es, Tageszeiten zu definieren, an denen der Rechner aus ist. Auch das Handy phasenweise bewusst weglegen oder den Ton abschalten. Fortgeschrittene können sich ein Offline-Wochenende vornehmen – oder vielleicht sogar ein paar komplett medienfreie Tage. Um nicht ständig durch Impulse von außen getrieben zu sein, hilft es, den digitalen Arbeitstag zu strukturieren: Am besten noch bevor der Rechner eingeschaltet ist, handschriftlich eine To-do-Liste erstellen. E-Mails und soziale Medien nur zu fest­gelegten Zeiten checken. Und regelmäßig überprüfen: Wie viele Programme und Dokumente habe ich eigentlich gleichzeitig geöffnet? Meist sind es viel zu viele.“  
Mehr Tipps: facebook.com/analogschule

„Modefasten ist ein Weg, reduzierter mit Kleidung umzugehen.“

„Der beste Zeitpunkt Verzicht zu üben ist, wenn man nicht mehr genießen kann“, sagt Chiappa. Gut jeder zweite Deutsche hat das schon mindestens einmal für mehrere Wochen ausprobiert – das geht aus einer Forsa-Studie im Auftrag der Krankenkasse DAK von 2016 hervor. Fasten-Favoriten sind demnach die Klassiker Alkohol und Süßigkeiten.

Aber auch andere Verzichtsformen erobern sich ihren Platz in den Köpfen. So ruft die Kampagne Modeprotest seit 2012 immer während der christlichen Fastenzeit vor Ostern im Internet zur Aktion „Klamottenkur“ auf. Wer teilnimmt, reduziert den Inhalt seines Kleiderschrankes 40 Tage lang auf 50 Kleidungsstücke – Jacke, Schuhe, Unterwäsche inklusive.

„Modefasten ist ein Weg, reduzierter mit Kleidung umzugehen“, sagt Lenka Petzold, eine der Initiatorinnen. „Man erfährt dadurch ganz intensiv, was man wirklich braucht.“

Weniger die ohnehin Nachhaltigkeits-Bewegten seien es, die bei der Aktion mitmachen, so die Designerin. Sondern eher Leute, die sich bisher nur am Rande mit dem Konsumwahn beschäftigt hätten und nach einem Weg suchten, um aus dem schnell drehenden Modekarussell auszusteigen. „Für manche ist die Hürde, sich auf 50 Teile zu beschränken, zu hoch“, sagt Petzold. „Aber im Kopf wird auf jeden Fall etwas angestoßen.“

„Man kann sich auch an Infos überfressen.“

Raus aus dem Zuviel wollte auch Anni Roolf. Nicht Schoki oder Shoppen waren das Problem der Essenerin, sondern der eigene Medienkonsum. Als freiberufliche Konzeptentwicklerin und Organisationsberaterin ist Anni Roolf eine typische Vertreterin der Spezies „Always on“. Doch ein weltweites Social-Media-Projekt, das sie betreute, brachte sie an die Grenzen ihrer Aufnahmefähigkeit. Das war vor zwei Jahren. „Man kann sich auch an Infos überfressen“, sagt sie.

Schon häufiger hatte sie gefastet und beschloss, das Prinzip des Verzichtens auf die Mediennutzung zu übertragen. „Was beim Heilfasten im Verdauungsapparat abläuft, passiert beim Digitalfasten im Hirn“, so ihre Erfahrung. Nicht kompletter Medienverzicht ist Ziel von Anni Roolf, sondern eine bewusste und selbstbestimmte Nutzung.

„Wir lassen uns zu sehr von digitalen Geräten steuern“, so ihre These. „Wichtig ist, dass wir uns den Werkzeugcharakter der Dinge bewahren. Einen Hammer halte ich ja auch nicht die ganze Zeit in der Hand.“

Tag Fünf:
noch immer in Hochstimmung.

Nicht jedem gelingt dieser Schritt im Alleingang. Anni Roolf berät daher Unternehmen in Sachen Digitalfasten. Andere wie die Berliner Firma Offline bieten auch „Digital Detox“-Seminare für Privatpersonen an. Aber wie ist das eigentlich andersherum? Kann auch das Fasten süchtig machen? Die Hochstimmung nach den ersten Verzichtstagen wird auch als Fasten-High bezeichnet. Und ja: An das Gefühl der Unbeschwertheit, das auch am fünften Tag meines Experiments anhält, könnte ich mich gewöhnen.

„Es muss klar sein, dass nur für einen bestimmten Zeitraum gefastet wird.“

Besteht die Gefahr, dass Menschen gar keine Lust mehr haben, aus dem Fastenmodus auszusteigen, weil sie sich „ohne“ so gut fühlen? Andrea Chiappa hält das für denkbar – und rät Einsteigern daher, nur unter professioneller Anleitung zu fasten. „Entscheidend ist eine gute Vorbereitung. Es muss klar sein, dass nur für einen bestimmten Zeitraum gefastet wird“, sagt der Fastenleiter.

Genauso wichtig sei es, das Ende der Fastenphase regelrecht zu zelebrieren. „Das Fastenbrechen hat seine Berechtigung. Denn nach zehn Tagen ist man der Welt der Essenden schon ziemlich entrückt.“

Geschafft, Ziel erreicht!

Leider – oder zum Glück – kann ich das von mir nicht behaupten. Ich bin mittendrin in der Welt der Essenden. Und immer öfter beschleicht mich doch die schlechte Laune, wenn ich am Esstisch nur dabeisitzen und Brühe schlürfen darf.

Den Rest gibt mir und meiner Standhaftigkeit mein Sohn, der am Nachmittag von Fastentag Nummer fünf beschließt, Kuchen zu backen – mit Mamas Hilfe. Ja, ich bin willensstark, aber kein Übermensch. Ich beende mein Experiment.

Mein ganz persönliches Fastenbrechen zelebriere ich statt mit dem obligatorischen Apfel mit einem frischen, selbst gemachten Bisquit-Törtchen. Mein robuster Magen-Darm-Trakt nimmt mir das erfreulicherweise nicht krumm. Und mich macht dieses Törtchen glücklich.

Geschafft, Ziel erreicht! Ob es der Königspfad war? Vielleicht. Ob die Baustellen in meinem Leben nun alle restlos beseitigt sind? Keineswegs. Aber ich habe sie wieder im Griff und baue jetzt fröhlich weiter. Können wir das schaffen? Yo, wir schaffen das!

Nicole Pollakowsky
Öko-Journalistin Nicole bereichert die Ö-Redaktion seit der Provinz-Ausgabe – und kam damit genau zur richtigen Zeit. In ihrer Wahlheimat auf dem Dorf freut sie sich als Zugezogene bis heute über jeden Gruß, den sie Einheimischen entlockt. Mehr ...

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