„Eine Frage der Haltung“

Fische fangen, Fische züchten, Fische essen – wir haben das Gefühl, man kann es nicht mehr richtig machen oder? Doch, man kann. Ein Interview mit Stefan Bergleiter vom Öko-Landbau-Verband Naturland.

  1. Interview: Steffi Schmitz
  2. Illustration: Catharina Feisst

Ö: Herr Bergleiter, wie können wir dem wachsenden Hunger nach Fisch und Meeresfrüchten in Europa begegnen, ohne die Meere weiter zu überfischen?

Stefan Bergleiter: Wir brauchen verlässliche Vorgaben für die Nutzung wild-lebender Fischpopulationen. Die Naturland-Richtlinien für nachhaltige Fischerei reglementieren für jedes Fischereiprojekt individuell und unter Einbeziehung lokaler Experten wie und mit welchen Geräten Fische zu fangen sind. Auch soziale Rahmenbedingungen gehören dazu. Das Ziel ist immer, die Fischbestände nachhaltig zu nutzen, das umgebende Ökosystem zu schützen und die Lebensbedingungen der Fischer zu verbessern.

Klappt das schon?

Das beste Beispiel ist die Fischerei auf den Nilbarsch am Viktoriasee. Heute nehmen 1.000 Fischerfamilien am Naturland-Wildfischprojekt in Tansania teil, ihre Lebensbedingungen sind deutlich verbessert und die Fischbestände stabil. In Deutschland ist etwa die Heringsfischerei im Greifswalder Bodden an der Ostsee zertifiziert. 26 Fischer erwirtschaften dort ihren nachhaltigen Lebensunterhalt. Die verwendeten Stellnetze schonen den Meeresboden. Durch angepasste Maschenweiten ist der Beifang bei dieser Methode sehr gering.

Stefan Bergleiter leitet die Abteilung Aquakultur bei Naturland. Der Öko-Verband gilt als Pionier in Sachen ökologische Aquakultur und nachhaltige Fischerei.

Mittlerweile wird immer mehr Fisch in Aquakulturen gezüchtet. Bei der ökologischen Aquakultur gilt Naturland als Pionier, weil der Verband schon viel früher als die EU eigene Richtlinien für die ökologische Zucht von Fischen und Meeresfrüchten entwickelt hat. Was machen Sie anders als konventionelle Züchter?

Wir legen Wert auf eine sorgfältige Standortwahl, Schutz von Gewässern und tierartgerechte Besatzdichten. Außerdem fördern wir Biodiversität und verzichten auf Gentechnik und Chemieeinsatz, wie im Ökolandbau. In der Naturland-Aquakultur stammt übrigens auch das Futter aus ökologischer Landwirtschaft und aus Resten der Speisefischverarbeitung. Nur so leistet Aquakultur einen wirklichen Beitrag zur Schonung unserer marinen Ressourcen.

Welche Fischarten eignen sich gut für eine nachhaltige Zucht? Und wie stellen Sie sicher, dass es den Fischen in der Aquakultur verhältnismäßig gut geht?

Das ist eine Frage der Haltung. Die sollte möglichst natürlich sein. Es geht also wieder um die Besatzdichte, also wie viele Tiere auf welchem Raum leben. Außerdem füttern wir die Tiere je nach Art anders. Besonders extensiv, also quasi ohne Zugabe von Futter, können Friedfische wie Karpfen oder auch Shrimps und Muscheln gehalten werden.

„Das Ziel ist immer, die Fischbestände nachhaltig zu nutzen, das umgebende Ökosystem zu schützen und die Lebensbedingungen der Fischer zu verbessern."

Die konventionelle Shrimps-Zucht hat bereits viele Mangrovenwälder zerstört, weil die Bäume den Teichen weichen mussten.

Leider ja. Die ökologisch wertvollen Mangrovenwälder müssen konsequent geschützt und wieder angepflanzt werden. In Ecuador etwa forsteten Naturland-Betriebe von 2001 bis 2015 über 440 Hektar Mangroven auf.

Ökologische Aquakulturen machen nur ein Prozent des weltweiten Gesamtumsatzes auf diesem Sektor aus – wie wollen Sie das ändern?

Verantwortlich für diese Misere ist die Preisgestaltung. Ökologische Produktion geht sorgfältiger mit der Umwelt um, dieser Mehraufwand schlägt sich in den Preisen nieder. Umgekehrt erzeugt ein weniger sorgfältiger Umgang mit der Natur gesellschaftliche und ökologische Mehrkosten. Die trägt jedoch nicht der Verursacher, sondern die Allgemeinheit. Solange das so ist, wird es für die ökologische Lebensmittelerzeugung schwierig, den Großteil der Produktion zu stemmen. Aber wir beobachten, dass mehr und mehr Menschen den Mehrwert ökologischer Lebensmittel erkennen.

Steffi Schmitz
Eigentlich ist Steffi eine Radiotante, aber oft schreibt sie lieber statt zu reden. Privat Gedichte, beruflich viel über Naturkosmetik und Eco-Fashion. Dabei schaut sie auf einen großen Baum und freut sich als Naturschützerin über Stieglitze, Blaumeisen und Eichelhäher, die mitten in der Dortmunder City leben. Mehr ...

Diese Themen
in der aktuellen
Ausgabe lesen: