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Alle reden von versinkenden Südseeparadiesen – und was ist mit den Nordseeparadiesen? Auch sie sind vom Klimawandel bedroht. Wie gehen die Küstenbewohner damit um? Eine Stippvisite auf der Ferieninsel Amrum.

  1. Autorinnen: Christa Roth und Nicole Pollakowsky

Ihrem Ruf vom rauen Meer wird die Nordsee an diesem wolkenlosen, ungewöhnlich warmen Herbsttag auf der Insel Amrum nicht gerecht. Der Wind weht zwar – doch zu mehr als einem lauen Lüftchen reicht es nicht. „Komm, stell dich hier hin“, ruft ein älterer Mann seiner Frau zu. „Das muss ich fotografieren, sonst glaubt uns das keiner. Sieht ja aus wie in der Wüste hier!“ Tatsächlich: Vor den beiden erstreckt sich ein breiter Sandgürtel. Erst ganz dort hinten, in der Ferne, glitzert das Meer.

Kniepsand heißt diese Sandbank, die sich auf fast 15 Kilometern Länge vor der Westküste Amrums erstreckt und die im Sommer als gigantischer Strand fungiert. Bis zu anderthalb Kilometer müssen Badegäste zurücklegen, ehe sie sich in die Wellen stürzen können. Ein weiter Weg. Doch für die Amrumer kann der Kniepsand gar nicht breit genug sein – denn die Sandbank und der sich anschließende Dünengürtel sind so etwas wie die Lebensversicherung der Insel, schützen sie doch das Hinterland von Westen her vor Wind und Wasser.

Die gute Nachricht: Obwohl der Meeresspiegel langsam, aber sicher steigt, wächst der Kniepsand insgesamt. Dennoch: Jedes Jahr im Herbst und im Winter nagt die Nordsee an den Dünen. Das Meer fordert seinen Tribut. Und der wird immer teurer.

Die weiteren Aussichten: Hochwasser und Sturmfluten

Um gut 20 Zentimeter ist der Meeresspiegel in den vergangenen hundert Jahren gestiegen. Durch die Erwärmung der Erdatmosphäre wird sich dieser Prozess vermutlich beschleunigen. Um weitere 80 Zentimeter, so schätzt der Weltklimarat (IPCC), könnte der Meeresspiegel bis Ende dieses Jahrhunderts steigen. Schmilzt das Eis an den Polen und auf Grönland schneller als bisher angenommen, könnte der Anstieg auch rascher gehen und höher ausfallen. Hinzu kommt, dass in Folge des Klimawandels auch extreme Wetterereignisse wie Sturmfluten wahrscheinlicher werden: Klimaforscher gehen davon aus, dass die gefürchteten Hochwasser künftig häufiger auftreten und heftiger ausfallen.

Alle deutschen Küsten sind davon betroffen. Allein in Schleswig-Holstein könnte ohne Küstenschutzmaßnahmen während Sturmfluten ein Viertel der Fläche des Landes überschwemmt werden. Doch sich vom Meer etwas abtrotzen zu lassen, das ist die Sache der Nordlichter nicht. „Keen nich will dieken, de mutt wieken“, heißt es auf plattdeutsch. „Wer nicht will deichen, der muss weichen.“ Ein Sprichwort, das tief im kollektiven Gedächtnis verankert ist, auch auf Amrum.

Jedes Frühjahr wird per LKW und Bagger nachgefüllt, was das Meer sich in den Wintermonaten geholt hat.

„Über 37.000 Kubikmeter Sand haben sie dieses Jahr aufgeschüttet“, erzählt Jasmin Diercks stolz. In Norddorf vermietet die 33-Jährige, die vor elf Jahren als Reitlehrerin auf die Insel kam, Ferienwohnungen und lebt damit wie die meisten der knapp 2.300 Insulaner direkt vom Tourismus. Ihr Mann Ole hilft in der Gemeinde, wenn mal wieder ein Sturm zu heftig an einer Düne gefressen hat. Ein riesiger künstlich aufgeschütteter Sandpuffer schützt die Dünen in Amrums Nordwesten – und den darunter liegenden Deich.

Da der Kniepsand langsam immer weiter Richtung Norden wandert, könnte diese Maßnahme in einigen Jahren die Natur wieder selbst erledigen. Doch noch ist das nicht der Fall. Und so wird jedes Frühjahr per LKW und Bagger nachgefüllt, was das Meer sich in den Wintermonaten geholt hat. Rund 30.000 Euro hat diese Maßnahme 2016 gekostet. 90 Prozent hat das Land Schleswig-Holstein bezahlt, den Rest die Inselgemeinden.

Im Westen ist der breite Kniepsand Amrum vorgelagert, östlich erstreckt sich das Watt.

„Wer nicht will deichen, der muss weichen“

Viel Geld und viel Sand. Und doch nur Peanuts verglichen mit der Nachbarinsel Sylt. Rund 1,4 Millionen Kubikmeter Sand wurden dort allein im Jahr 2016 auf den Strand gepackt, um den Ist-Zustand der Insel zu bewahren. Kosten: rund 7,2 Millionen Euro.

Ökologisch sind die Sandvorspülungen umstritten. Meeresbiologen warnen vor fatalen Auswirkungen, die die Saugbagger, die vor Sylt im Einsatz sind, für die im und am Meeresgrund lebenden Organismen haben. Ernsthaft in Frage gestellt werden die Sandvorspülungen dennoch nicht. Denn gäbe es sie nicht, gäbe es vermutlich auch kein Sylt mehr, zumindest nicht in der charakteristischen Form. Und in dieser funktioniert die Insel gemeinsam mit ihren Nachbarn Amrum und Föhr wie ein Wellenbrecher für das Festland.

Ein anderer Grund, weshalb die hohen Kosten für den Erhalt in Kauf genommen werden, ist der Tourismus, der wiederum Geld auch in die Kassen der öffentlichen Hand spült. Auf Sylt genauso wie auf Amrum. Über 335.000 Übernachtungen verbuchte hier allein die Gemeinde Norddorf im Jahr 2015.

Chris Johannsen will seine Insel gegen das steigende Meer verteidigen. Dafür sammelt er Spenden.

Die Idylle „mit Mann und Maus“ verteidigen

Umgerechnet auf die nur rund 560 Einwohner des Ortes ergibt das rekordverdächtige 600 Übernachtungen pro Norddorfer. „Bei uns herrscht eben noch so eine Art heile Welt“, sagt Gastgeberin Jasmin Diercks und liefert damit die Erklärung für die Anziehungskraft, die Amrum auf seine Besucher ausübt: Romantische, reetgedeckte Friesenhäuser, bunte Strandkörbe auf endloser Sandfläche, ein rotweißer Leuchtturm, der sich hinter wogendem Dünengras in den Himmel reckt – so sieht das Urlaubsparadies aus, das die Besucher, darunter viele Stammgäste, erwarten. Für die Inselbewohner, die vom Tourismus leben, ist diese Idylle aus Dünen, Strand und Watt nicht nur Heimat, sondern gleichzeitig auch Lebensgrundlage. Wer wollte ihnen den Wunsch verdenken, sie so lange wie möglich zu erhalten?

Einer, der sein „Öömrang“ – so heißt die Insel auf Amrumer Friesisch – auf jeden Fall und „mit Mann und Maus“ verteidigen will, ist Chris Johannsen. Dass dieser Kampf nicht leichter werden wird, ist ihm klar. „Wir müssen in Zukunft mit einem höheren Wasserstand rechnen.“ Johannsen weiß um die Prognosen der Klimaforscher. Auf Amrum geboren und aufgewachsen bezeichnet sich der 57-Jährige selbst als „echtes Inselkind“. Heute lebt er in Norddorf – unter anderem davon, dass er Gästen auf geführten Touren Amrum und seine Geschichten näherbringt. Ihm zuzuhören ist nicht nur hochinteressant, sondern auch kurzweilig. Mit jedem Satz, der aus seinem Mund kommt, wird deutlich: Chris Johannsen liebt seine Insel. Doch er macht sich auch Sorgen um sie. Speziell um die dem Wattenmeer zugewandte Ostseite.

Warum? Das wird am sogenannten Kliff, dem Küstenabschnitt zwischen den im Südosten der Insel gelegenen Dörfern Nebel und Steenodde, deutlich. Für Johannsen führt hier der „schönste Weg der Insel“ entlang. Doch dem Kliff haben Gezeiten und Sturmfluten der letzten Jahre zugesetzt. An mehreren Stellen reicht die eher notdürftig gesicherte Abbruchkante bereits bis dicht an den Rad- und Spazierpfad heran. „Hier wird der Inselkörper angegriffen“, warnt Chris Johannsen. „Am Kliff wird sichtbar, welche Kraft das Meer hat. Der Deich müsste hier eigentlich erhöht werden“, findet er. Die Landesregierung allerdings sehe diesen Handlungsbedarf nicht, da keine Menschen unmittelbar gefährdet seien, ärgert er sich.

Dietmar Wienholdt vom Umweltministerium Kiel sieht Alternativen zur Deicherhöhung.

Was kann, was muss – Insel und Land sind uneinig

Was kann, was muss und was geht gar nicht? Welche Küstenschutzmaßnahme eilt, welche hat noch Zeit? Was ist überhaupt finanzierbar – und wer muss zahlen? Nicht immer sind sich die Inselgemeinden und das Land Schleswig-Holstein in diesen Fragen einig.

Zum Showdown kam es zuletzt 2014: Um den unzureichenden Hochwasserschutz für die Orte Wittdün und Stenodde zu verbessern, präsentierte der zuständige Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) einen Plan, der Chris Johannsen noch heute in Rage bringt, wenn er davon erzählt. Die Idee der Küstenschützer: ein Überlaufdeich, hinter dem ein bestimmter Bereich als kontrollierte Überflutungsfläche eingeplant werden sollte. Bei hohen Wasserständen oder bei Sturmfluten wäre das Wasser durch einen Durchlass im Deich in die Niederung dahinter eingeflossen. Für Dietmar Wienholdt, Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft, Meeres- und Küstenschutz im Kieler Umweltministerium, eine gute Alternative zu einer Deicherhöhung: Bei einer Jahrhundertflut könnte ein Überlaufdeich den Druck auf das Land reduzieren.

Bekämpfen, anpassen oder zurückziehen

Wie umgehen mit dem steigenden Meer? Schutz, Anpassung oder Rückzug lauten die drei Alternativen. Schutz vor den Fluten bieten Mauern und höhere Deiche. Der Nachteil: Inseln, die einbetoniert sind, haben keine Chance, mit dem Meer zu wachsen. Anpassen bedeutet, sich mit dem höheren Wasser zu arrangieren statt dagegen anzukämpfen. Im Zweifelsfall heißt das aber auch: Teile des Landes dem Meer überlassen. Den Rückzug planen derzeit die Bewohner des pazifischen Inselstaates Kiribati – ihre Heimat wird im Meer versinken.

Sichere Prognosen gibt es nicht

Sämtliche Messdaten zum Anstieg des Meeresspiegels bieten für die Zukunft nur Schätzwerte, auf die „Wenn-dann“-Szenarien folgen – keine  verlässlichen Prognosen. Erstmals im Dezember 2015 bei der Weltklimakonferenz haben alle 195 Regierungen den Klimawandel offiziell als die größte Herausforderung der Zukunft anerkannt. Dabei wird seit den 60er-Jahren international darüber diskutiert. Einigkeit über den Umgang mit dem steigenden Meer gibt es trotzdem nicht.

 

„Noch ist Zeit“, heißt es immer wieder

Die niedriggelegenen Felder würden dann zwar überschwemmt, darüber hinaus könnte das Hochwasser jedoch kaum Schaden anrichten. Ein weiterer Vorteil laut Wienholdt: „Salzwiesen würden neu entstehen und könnten als Ausgleich für andere Küstenschutzmaßnahmen genutzt werden.“

Für die Landesvertreter wäre das interessant, da jede Landversiegelung in einem Naturschutzgebiet, etwa durch den Bau eines neuen Deiches, eine Ausgleichsfläche erfordert. Der Behördenansatz hätte eine noch nie dagewesene geplante Überflutungsfläche an der Nordsee nach sich gezogen. Und er hätte einen Schritt weg vom Verteidigungsmodus bedeutet. Hin zu einer Anpassung an die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels.

„Wir hoffen, dass in den nächsten zehn Jahren noch keine große Sturmflut kommen wird.“

Doch ihre Insel dem Meer überlassen, und sei es nur zeitweise – das kommt für die Amrumer nicht in Frage. „Wir müssen den Inselkörper schützen. Überfluten würde bedeuten, dass die Insel irgendwann zerschnitten wird“, ist Chris Johannsen überzeugt – er fürchtet unabsehbare Folgen für Amrum selbst und das nahegelegene Festland. Statt „wieken“ will er wie die Mehrheit der Insulaner „dieken“, sprich den Deich erhöhen und zwar auf stattliche 4,60 Meter. Diese Variante allerdings wurde von der Landesbehörde als zu teuer verworfen. Eine Einigung? Gibt es bisher nicht.

„Noch ist Zeit“, ist ein Satz, den man im Zusammenhang mit dem Meeresspiegelanstieg immer wieder zu hören bekommt. Der Klimawandel ist ein schleichender Prozess. Ein Prozess, den man auch auf Amrum im normalen Alltag noch ganz gut ignorieren kann. Und die Zukunft? Ist für viele noch weit weg.

Auch Chris Johannsen kann nicht vorhersehen, was sie für seine Insel bringen wird, aber er will gewappnet sein und sich nicht nur auf die Küstenschutzbehörde verlassen. Als Vorsitzender engagiert er sich deshalb in der Küstenschutz-Stiftung Amrum. Mit ihrem Geld will die Stiftung den Inselgemeinden unter die Arme greifen bei Schutzmaßnahmen, die das Land nicht finanziert. Knapp 140.000 Euro an Spenden haben er und seine Mitstreiter bisher eingesammelt. Noch keine Summe, mit der sich Großes bewegen lässt. Doch auch Johannsen setzt darauf, dass noch Zeit ist und dass der Betrag noch wachsen kann. Er sagt: „Wir hoffen, dass in den nächsten zehn Jahren noch keine große Sturmflut kommen wird.“

Christa Roth
Christa war für Ö auf Amrum und erstaunt, wie weit der Weg bis zum Meer auf der schmalen Insel stellenweise ist. Mehr ...

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