Mehr Freizeit wagen

Kürzer arbeiten, länger frei haben. Für viele Angestellte ist sogenanntes „Downshifting“ ein Traum. Für viele Arbeitgeber eher ein Alptraum – aber es gibt Ausnahmen.

  1. Autorin: Eva Heidenfelder
Kurz nach eins und das Büro schon leer? Das passiert vor allem in kleinen Kreativunternehmen. Die Regel ist es aber auch dort nicht.
Kurz nach eins und das Büro schon leer? Das passiert vor allem in kleinen Kreativunternehmen. Die Regel ist es aber auch dort nicht.

Im Sommer 2014 lassen die Gründer von „Bike Citizens“ ihre Mitarbeiter abstimmen. Die Anbieter einer Navigations-App für Fahrräder Andreas Stückl und Daniel Kofler wollen wissen, ob alle damit einverstanden sind, die wöchentliche Arbeitszeit von den in Österreich üblichen 38,5 auf 36 Stunden pro Woche zu reduzieren – eine entsprechende Gehaltskürzung inklusive.

Zudem könnten die Mitarbeiter des Grazer Start-up ihr Arbeitspensum künftig an vier Tagen pro Woche ableisten, damit der Freitag seinem Namen alle Ehre machen, sprich frei sein würde. Drei Monate Testphase haben die damals 15 Angestellten bereits hinter sich, in denen sie das neue Modell austesten konnten. An jenem Sommertag stimmen alle dem Vorschlag zu.

Das „Downshifting“ beschert zwar weniger Gehalt, dafür aber mehr Freizeit.

Den freien Freitag zum Standard erheben wie die Bike Citizens, davon träumen viele Arbeitnehmer. Vor allem der Generation Y, den zwischen 1980 und 1999 Geborenen, wird nachgesagt, großen Wert auf ein ausgewogenes Verhältnis von Arbeit und Privatem zu legen.

Viele dieser Generation würden demnach gern ihre Wochenstunden reduzieren – und längst nicht nur die mit Kindern. Das „Downshifting“ beschert zwar weniger Gehalt, dafür aber mehr Freizeit. Und das setzt die Generation Y mit mehr Lebensqualität gleich.

In Zahlen lässt sich dieser angebliche Trend zur Arbeitszeit-Reduzierung bislang allerdings kaum gießen. Ganz allgemein steige zwar in Deutschland der Wunsch nach mehr Freizeit und flexibleren Arbeitszeiten, heißt es in der Studie „Kompass Neue Arbeitswelt“ des Webportals Statista von 2015: In einer Umfrage unter 4000 Arbeitnehmern aus allen Berufs- und Altersklassen gaben mehr als 70 Prozent an, weniger als die üblichen rund 40 Stunden pro Woche arbeiten zu wollen – im Schnitt gerne 35.

Traum und Wirklichkeit liegen allerdings vielerorts noch weit auseinander. Denn bei steigenden Lebenshaltungskosten gerade in Ballungsräumen muss man es sich erst einmal leisten können, auf einen Teil des Gehalts zu verzichten.

„Wenn ich reduziere, kann ich meine Karriere in dieser Firma vergessen.“

Einer, der es sich leisten könnte, ist Johannes Heumann. Der 30 Jahre alte Ingenieur aus München arbeitet seit knapp vier Jahren bei einem großen deutschen Maschinenbauer, dessen Namen er hier nicht lesen möchte. Zwar hat Heumann eine tariflich geregelte Wochenarbeitszeit von 35 Stunden. Dennoch würde er gerne reduzieren. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Heumann ist Single und nach sechs Jahren Studium hat er endlich genug Geld, sein recht kostspieliges Hobby, das Gleitschirmfliegen, voll auszuleben. Sein Traum: freitags oder montags frei zu haben, um nicht ständig mit anderen Berufstätigen am Berg anzustehen. Sein reduziertes Gehalt würde ihm reichen, solange er weiter in seiner WG wohnen bleibt.

Die Sache hat allerdings einen Haken: „Wenn ich reduziere, kann ich meine Karriere in dieser Firma vergessen.“ Auch Heumann selbst will anonym bleiben, seinen Namen haben wir daher geändert. Denn seiner Erfahrung nach stehen Mitarbeiter, die in Teilzeit arbeiten, in seiner Firma ganz unten auf der Beförderungsliste – egal, wie gut sie sind.

Deshalb möchte er nicht, dass sein Arbeitgeber auch nur Wind von seinem Wunsch bekommt. Denn er mag die Kollegen, betreut interessante Projekte und möchte die Hoffnung noch nicht aufgeben, dass auch bei seinem Arbeitgeber verkrustete Strukturen aufweichen.

Vollzeitbeschäftigte arbeiten im Schnitt mehr als 40 Wochenstunden

Nach wie vor leisten Arbeitnehmer auf einer vollen Stelle in Deutschland eine Wochenstundenzahl von mindestens 40 Stunden und mehr. 2015 waren es laut Mikrozensus im Schnitt 41,5 Stunden. Statt reduzierter Arbeitszeit geht der Trend in Deutschland sogar eher in Richtung Mehrarbeit:  Die Wochenarbeitszeit in Deutschland hat sich seit 2005 für in Vollzeit Beschäftigte um eine halbe, für in Teilzeit Beschäftigte sogar um fast eine Stunde erhöht, wie eine Erhebung des Instituts für -Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im März 2016 ergab.

„Ich habe ziemlich hoch gepokert – und zum Glück gewonnen.“

Eine Selbstverständlichkeit waren kürzere Arbeitszeiten auch bei Viola Conrad nicht. Trotzdem hat sie ihr Wochenpensum reduziert – als Erste in ihrer Firma. „Ich wollte nicht mehr nur für die Arbeit da sein.“ Auch sie möchte ihren echten Namen nicht preisgeben. Denn sie fürchtet Konsequenzen, wenn ihre Vorgesetzten mitbekommen, dass sie mit ihrem Teilzeitmodell hausieren geht. Die sind davon nämlich nicht begeistert und wollen nicht, dass sie bei den Kollegen ähnliche Begehrlichkeiten weckt.

Die 30-Jährige hat ihre Chefs vor die Wahl gestellt: Entweder sie ermöglichen ihr eine Drei-Tage-Woche oder sie geht. „Ich habe ziemlich hoch gepokert – und zum Glück gewonnen.“ Die Münchner Videoagentur, in der sie als Autorin arbeitet, wollte nach vier gemeinsamen Jahren nicht auf sie verzichten.

Das Recht auf Teilzeit existiert bereits

Seit März 2016 arbeitet Conrad nur noch montags bis mittwochs. Das klappt erstaunlich gut. Und bringt auch die erhoffte Wirkung. „Vorher habe ich nur für den Job gelebt.“ Nun schreibt sie etwa an Kurzgeschichten, die sie bald in einem Band -veröffentlichen will. „Andere Interessen und Facetten meines Lebens hatte ich während der Vollzeit völlig links liegen lassen.“

Neben ihrer Arbeitszeit hat sie nun allerdings auch ihre Ausgaben reduziert, denn natürlich musste sie Abstriche beim Gehalt hinnehmen. „Ich komme aber besser zurecht, als ich dachte.“

Logisch: Wer weniger arbeitet, verdient auch weniger – und bekommt später gegebenenfalls auch weniger Arbeitslosengeld und Rente. Wer damit leben kann, kann es Viola Conrad gleichtun. Denn bis auf wenige Einschränkungen hat jeder in Deutschland laut dem Teilzeit- und Befristungsgesetz einen Anspruch darauf, seinen Vollzeitjob in eine Teilzeitbeschäftigung umzuwandeln. Sogar Leute in leitender Funktion.

Selbst Gleitzeit und Arbeitszeitkonten sind in vielen Betrieben noch immer Fremdwörter.

Vor allem kleine Unternehmen aus der Kreativbranche machen Downshifting derzeit möglich. Wie sieht es wohl bei global operierenden Unternehmen aus eher klassischen Branchen aus, in denen 60, 70, ja sogar 80 Wochenstunden keine Seltenheit sind? Was, wenn hier ein Angestellter die Arbeitszeit reduzieren will?

„Der Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten ist sehr stark ausgeprägt. Deshalb haben wir in diesem Punkt ein offenes Ohr für die Bedürfnisse unserer Mitarbeiter“, sagt Dagmar Zippel, verantwortlich für den Bereich Recruiting bei Accenture Deutschland. Accenture ist mit gut 400.000 Mitarbeitern eine der größten Unternehmensberatungen weltweit, der Bedarf an qualifizierten Mitarbeitern ist enorm. Da liegt es nahe, dass man ihnen entgegenkommt.

Äußere jemand den Wunsch nach einem zusätzlichen freien Tag pro Woche oder auch nach einer längeren Auszeit, versuche Accenture, diesen zu erfüllen, so die Personalchefin. „Unternehmen, die als Arbeitgeber attraktiv bleiben möchten, müssen ihren Mitarbeitern in hohem Maß flexible Arbeitszeiten ermöglichen.“

Die Regel ist das noch nicht. Selbst Gleitzeit und Arbeitszeitkonten sind in vielen Betrieben noch immer Fremdwörter. Rund 60 Prozent der Festangestellten in Deutschland haben keinen Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeitszeiten, das ergab eine Auswertung von Daten aus dem Pool von Eurostat, dem Statistischen Amt der Europäischen Union, aus dem Jahr 2015 durch die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung. Zukunftsorientierte Personalpolitik sieht anders aus.

Weniger Überstunden, Krankmeldungen und Fluktuation
– dafür bessere Stimmung

Aber auch bei Weitem nicht jeder wünscht sich einen Teilzeitjob. Vor der Testphase waren auch längst nicht alle Mitarbeiter der Bike Citizens in Graz überzeugt von der Idee, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Manche hatten Angst, ihrer Arbeit nicht mehr Herr zu werden und unter Stress zu geraten.

Nach der Probezeit waren derlei Gedanken allerdings wie weggefegt. Wer seitdem an einem Freitag versucht, das österreichische Unternehmen zu erreichen, landet auf dem Anrufbeantworter. Auch Überstunden gibt es laut Stückl, der das Unternehmen mit Kompagnon Kofler 2011 gründete, keine mehr – ein Wunder, sind die doch in Start-ups oft an der Tagesordnung. Bei Bike Citizens war das zu Beginn nicht anders. „Das war aber völlig ineffizient“, sagt Stückl. Wo soll die Energie für solch ein Pensum auch herkommen? Durch das extralange Wochenende seien nun alle gut erholt und viel motivierter.

Stückl ist sich sicher, dass eine derartige Arbeitseinteilung kein Problem sei, wenn der Unternehmer „seine Hausaufgaben gemacht hat“, sprich: Ein so komprimiertes Arbeitszeitmodell will wohl organisiert sein. „Am Vormittag arbeitet jeder still und konzentriert für sich. Erst am Nachmittag gibt es Meetings.“ Etwas Flexibilität bringt ein Gleitzeitmodell in die recht strammen Neun-Stunden-Tage – Kernzeit ist nämlich nur von 9 bis 15 Uhr.

Für Bike Citizens ist die Vier-Tage-Woche ein einziger Erfolg: weniger Krankmeldungen, weniger Fluktuation, bessere Stimmung. Eindeutig ein Modell zum Nachmachen. Allerdings zeigen Lebensläufe wie die von Johannes Heumann und Viola Conrad auch: Das scheint sich noch nicht bis zu allen Chefs herumgesprochen zu haben.

„Die Arbeitszeit zu verkürzen, ist etwas für Privilegierte“

Dr. Werner Eichhorst ist Direktor der Arbeitsmarktpolitik Europa des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn.
Dr. Werner Eichhorst ist Direktor der Arbeitsmarktpolitik Europa des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit in Bonn.

Herr Eichhorst, Sie erforschen den Arbeitsmarkt. Wie könnte der Wunsch nach weniger Arbeit und mehr Freizeit die Arbeitswelt beeinflussen?

In Bereichen mit hohem Arbeitskräftemangel kann ich mir durchaus vorstellen, dass Arbeitnehmer diesbezügliche Wünsche auf Dauer durchsetzen werden – weil sie natürlich am längeren Hebel sitzen. Das heißt aber noch lange nicht, dass beispielsweise das Konzept der Vier-Tage-Woche ein dominantes Modell sein wird.

Ist das Modell der leicht reduzierten Vollzeit in allen Branchen denkbar?

Generell kann ich mir solche Modelle in allen Branchen vorstellen. Selbst im Schichtdienst sollte es bei entsprechender Organisation möglich sein. Dann müssten eventuell einfach mehr Leute eingeplant, vielleicht sogar mehr Personal eingestellt werden. In manchen Branchen kann es dann allerdings natürlich schwierig werden, genug adäquat ausgebildetes Personal zu finden. Hinzu kommt, dass nicht alle Arbeitgeber -davon angetan sein werden, wenn ihre Personalkosten durch dieses Prozedere steigen.

Wer kann sich so ein Teilzeitmodell überhaupt leisten? Der Familienvater, der am Fließband arbeitet und gleichzeitig ein Haus abbezahlen muss, wohl kaum, oder?

Es sind sicherlich eher die Privilegierten, die sich eine solche Arbeitszeitverkürzung leisten können. Die in einem Unternehmen arbeiten, welches progressive und aufgeschlossene Personalpolitik betreibt. In bestimmten Akademikerkreisen wird sich der Wunsch nach diesem Arbeitszeitmodell vielleicht auch noch stärker etablieren. Aber sicher nicht in der breiten Masse der Bevölkerung – schon gar nicht in den Großstädten, in denen die Lebenshaltungskosten beständig steigen.

Eva Heidenfelder
Eva, Jahrgang 1984, lebt seit 2010 in München. Wegen der unschlagbaren Nähe zu Bergen und Seen will sie dort auch nie wieder weg. Als freie Journalistin schreibt sie vor allem über die Ausbeutung der Ressource „Mensch“ in der Arbeitswelt – und was jeder dagegen tun kann. Mehr ...

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