Mit weniger Zeug noch besser leben

Alle reden über Minimalismus. Wir zeigen euch, welche Ideen dahinterstecken. Und geben Tipps für die neue Freiheit – im Keller wie im Kopf.

  1. Autorin: Svenja Sgodda
  2. Illustration: Julia Krusch

Der Konsum und das Klima

Über die Zusammenhänge von Klimawandel, Konsumgesellschaft, Gesundheit und Umweltverschmutzung klärt die Amerikanerin Annie Leonard mit ihrer Organisation Story of Stuff seit 2007 auf. Mit ihrer 20-minütigen Dokumentation, die mittlerweile in 15 Sprachen übersetzt und von mehr als 12 Millionen Menschen gesehen wurde, beleuchtet die Aktivistin den Lebenszyklus der Produkte, die wir tagtäglich in den Regalen der Einkaufszentren vorfinden und zeigt, inwiefern das eigene Konsumverhalten einen Einfluss auf die Umwelt hat.

www.storyofstuff.com

Mach Platz!

Aller Anfang ist schwer – insbesondere wenn der eigene Besitz sich in den letzten Jahren in allen Ecken und Bereichen des eigenen Zuhauses gemütlich gemacht hat. Beim Ausmisten (also dem Aussortieren von nicht länger genutzten Besitztümern) hilft nicht nur ein langer Atem, sondern ein einfaches System, bei dem drei Kisten zur Hilfe genommen werden: Behalten, Verkaufen/Verschenken und Müll.

Wer also den Inhalt des Kleiderschranks minimalisieren möchte, nimmt jedes Kleidungsstück zur Hand und entscheidet sich für einen der drei Behälter. Ganz konkret helfen bei der Entscheidung folgende Fragen: Mag ich das noch? Wusste ich noch, dass ich es besitze? Benutze ich es regelmäßig? Bringt mich dieser Gegenstand weiter, beziehungsweise hilft er mir? Brauche ich wirklich so viel davon?

Gut gegen Shoppingrausch

Schon längst wird beim Shoppen nicht mehr nur gekauft, was auf dem Einkaufszettel steht. Einkaufen ist zum Vergnügen geworden – dieses Mantra haben wir in den letzten Jahrzehnten verinnerlicht, denn jeder Kauf aktiviert unser Belohnungssystem im Gehirn. So landet schnell wesentlich mehr im Einkaufswagen als wir tatsächlich brauchen und gut für die Umwelt ist.

Um beim nächsten Einkaufstrip einen klaren Kopf zu behalten und Fehl- oder Spontankäufe zu vermeiden, empfiehlt Achtsamkeits-Coach Gabi Raeggel vor dem Kauf kurz innezuhalten und sich die Situation bewusst zu machen: Wo bin ich? Was spüre ich? Wie fühle ich mich? Ist es wirklich das, was ich mag und gerade brauche?

Werbepause

Nervige Werbeprospekte und unerwünschte Kataloge ade – in nur fünf Minuten. Als erstes einen kleinen Aufkleber mit „Keine Werbung“ am eigenen Postkasten anbringen. Um euch vor persönlich adressierten Sendungen zu schützen, könnt ihr euch zusätzlich kostenlos in die sogenannte Robinsonliste eintragen.

www.robinsonliste.de

Schlanke Vorratskammer

Im Alltag verliert man leicht den Überblick über den Inhalt der eigenen Vorratsschränke, kauft lieber einmal zu viel als zu wenig und stellt dann zu Hause fest, dass eigentlich noch genug Shampoo, Mehl und Nudeln da gewesen wären.

Für solche Fälle eignet sich die 20-20-Regel, die sich leicht an die eigenen Gewohnheiten anpassen lässt: Was innerhalb von 20 Minuten oder für weniger als 20 Euro nachgekauft werden kann, sollten wir nur in Ausnahmefällen zu Hause lagern. Das schafft nicht nur Platz im Schrank, sondern schont gerade bei verderblichen Lebensmitteln auch den Geldbeutel.

Spiel ohne Zeug

Die Spielwarenindustrie ist ein Milliardengeschäft, das mit seinen bunten Anzeigen schon bei den Jüngsten bisher ungekannte Wünsche weckt. Spätestens nach Weihnachten oder dem nächsten Kindergeburtstag versinken Kinder schnell in einem Berg aus gut gemeinten, aber oft wenig genutzten Spielzeuggeschenken und das abendliche Aufräumen des Kinderzimmers endet regelmäßig im Chaos.

Brauchen Kinder überhaupt so viel Spielzeug für ein kreatives, fantasievolles Spiel? Einige Eltern sagen ganz klar: nein. Eine Berliner Familie etwa hat das Spielzeugangebot für ihre beiden Kinder drastisch reduziert auf drei Spielsachen pro Kind. Dazu eine Auswahl an Büchern. Wöchentlich dürfen die Kinder neu aus dem bestehenden Vorrat auswählen. Ihre erste Bilanz nach einigen Monaten fällt positiv aus: weniger Aufräumen. Mehr Rollenspiele. Und vermisst haben die beiden Kinder ihr Spielzeug so gut wie gar nicht.

www.spielzeugfreies-kinderzimmer.de

Ein Schrank voller Lieblinge

Kleiderschrank voll und morgens trotzdem nie etwas Passendes zum Anziehen? Die Lösung: weniger ist mehr. Was sich auf einschlägigen Blogs hinter Schlagwörtern wie Projekt 333 oder Capsule Wardrobe versteckt, bedeutet bewusste Reduktion.

Bloggerinnen wie Courtney Carver, Caroline von Un-fancy.com oder Sunray von TheorganizedCardigan.de schwören auf eine kleine Auswahl von 33 bis 45 Lieblingsstücken, die sich umfangreich für alle Anlässe kombinieren lassen. Angenehmer Nebeneffekt: Wer weniger neu kauft, kann sein Budget in fair und hochwertig produzierte Stücke mit längerer Lebensdauer investieren.

Die Pumpipumpe von nebenan

Wenn nicht mehr alle alles besitzen, dann wird Leihen und Tauschen quasi zur Notwendigkeit. Bohrmaschine, Partybänke oder Fahrradanhänger – wäre es nicht hilfreich direkt zu sehen, was die Nachbarn gerne innerhalb der Hausgemeinschaft verleihen? Pumpipumpe, eine Initiative aus der Schweiz, greift diesen Gedanken auf und bietet Aufkleber mit passenden Symbolen an, die gut sichtbar auf dem eigenen Briefkasten angebracht werden können. Für einen einfachen und nachhaltigen Umgang mit Konsumgütern.

www.pumpipumpe.ch

Minimalismus im Gespräch

Auch wenn die Minimalismusbewegung in den letzten Jahren enorm wächst, ist es im Alltag immer noch schwierig, andere Minimalisten kennenzulernen. Michael Klumb hat es sich zur Aufgabe gemacht, Minimalismusbegeisterte und -interessierte im deutschsprachigen Raum zu vernetzen. Eine Möglichkeit dazu bieten offene Stammtischtreffen, die in zahlreichen Städten stattfinden.

www.minimalismus-stammtisch.de

Lass uns tauschen

19 Prozent – so hoch ist der Anteil an Kleidungsstücken in unserem Besitz, der nie getragen wird. Zählt man die selten getragenen Stücke hinzu und rechnet diese Zahlen auf die Bevölkerung zwischen 18 und 69 Jahren hoch, ergibt das laut einer Studie von Greenpeace fast zwei Milliarden T-Shirts, Röcke und Hosen, die ihr Dasein unbeachtet in deutschen Kleiderschränken fristen.

Um diesen oft gut erhaltenen Stücken eine zweite Chance zu geben, haben sich in vielen Städten sogenannte Tauschpartys etabliert. Wer eine bestimmte Anzahl an Bekleidungsstücken mitbringt, darf sich im Gegenzug etwas Neues aussuchen – vollkommen ohne Geld und passend zum eigenen Stil. Und wer lieber im gemütlichen Kreis tauschen mag: So eine Party lässt sich auch prima im eigenen Wohnzimmer mit Freunden veranstalten!

30-Tage-Wunschliste

Geld zu sparen und Käufe überlegt zu tätigen verbinden manche mit Geiz oder Armut, statt mit einem gesunden Konsumverhalten. Wer es sich leisten kann, gönnt sich gerne mal etwas, befriedigt seine Konsumwünsche sofort und hortet so eine Menge Staubfänger für die eigene Wohnung.

Abhilfe schafft hier eine Tradition aus Kindertagen: die Wunschliste. 30-Tage-Wunschlisten helfen, das eigene Konsum- und Wunschverhalten zu beobachten. Notiert wird jeder Wunsch mit Datum – gekauft werden darf erst nach 30 Tagen. Viele der vormals so dringenden Wünsche haben sich dann erfahrungsgemäß bereits in Luft aufgelöst.

Svenja lebt selbst minimalistisch, organisiert die #minimalkon17 und twittert oder instagramt unter anderem unter @apfel_maedchen darüber. Der Verlust ihrer geliebten Ausgabe von Orwells „1984“ ist ihr bisher größter Minimalismus-Fehler.

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