Nullkommazero!

Alle wollen weniger Müll machen. Aber nicht alle machen mit.

  1. Autorin: Jutta Koch

„Wir sollten auch versuchen, Zero Waste zu leben“, sage ich und finde, das klingt entschlossen.  „Auf gar keinen Fall“, entgegnet mein Mann und Mitbewohner.  So kenne ich ihn gar nicht. Der Kerl hat mal drei Jahre in Folge Urlaub im albanischen Hinterland gemacht. Der ist für alles zu haben! „Darüber hab ich schon vor Jahren einen finnischen Film gesehen“, sagt er düster. „Die Eltern wurden Fanatiker und die Kinder gingen freiwillig ins Heim.“ Ich schlucke. Vielleicht versuchen wir’s mit Quarter Waste für den Anfang?

Klare Kante statt Wischiwaschi

Trifft sich gut, dass ich kurz darauf an einem „Nachhaltigkeitsinnovations-pro-zess“--Workshop teilnehme.  Ziel ist es, den Arbeitsplatz der Zukunft zu gestalten. Einen, der nachhaltiges Tun mit allseitigem Erfolg und Wohlgefühl ermöglicht. Jawoll. Endlich klare Kante statt des alltäglichen Wischiwaschis! Ich bin hochmotiviert.

Vor dem Start gibt’s Hausaufgaben. Jeder Teilnehmer soll seine zuhause gelebte Nachhaltigkeit dokumentieren. Zu diesem Zweck bekommen wir vom Veranstalter eine Papiertüte voller Material. Ich stutze. Darin liegt eine Plastikmappe. Darin: Etliche Farbausdrucke, die man jeweils mit drei bunten Post-It-Zetteln bekleben soll. Die neon-gelben, -roten und -grünen Blöcke sind einzeln in Plastik eingeschweißt. Dazu gibt es einen (in eine Plastikhülle gefriemelten) Filzstift. Untendrunter liegt ein Plastikbeutel mit Reißverschluss. Im Inneren: eine Einwegkamera. Und um das alles herum: eine stabile Plastikbanderole.

Ö…kay! Die Einwegkamera als neue Form der Nachhaltigkeitsinnovation?  Der Veranstalter gibt sich auf Nachfrage zerknirscht: Ja, es gebe gute organisatorische Gründe für dieses Vorgehen. Denn Qualität und Format aller Fotos müssen stimmen. Und die Erfahrung zeige, dass Handybilder beispielsweise öfter unbrauchbar sind. Nein, ökologisch einwandfrei sei das nun nicht… Am Ende des Workshops (für den übrigens keine Einwegkamera benutzt, dafür rund 23 Post-It-Blöcke bekritzelt wurden) steht eine Erkenntnis, die uns alle weiterbringt:  Wir müssen nur wollen. Dann geht’s auch anders.

Die Grenzen des Machbaren

Kollege M. ist auch einer, der unbedingt will. Weil die durchschnittliche Lebensdauer eines To-Go-Bechers gerade mal 15 Minuten beträgt, bringt der Zug-Pendler seine eigene Thermotasse mit zur Bäcker-Bude. Dort bittet er darum, dass er seinen Kaffee nicht im Papp-, sondern im eigenen Becher mitnehmen möchte. Doch auch er stößt an die Grenzen des Machbaren: Ein Verkäufer brühte jüngst das Heißgetränk in einen Pappbecher, kippte den Inhalt schulterzuckend in die mitgebrachte Tasse um – und warf den Becher nach 15 Sekunden in den Müll. In diesem Sinne: Quarter Waste für alle!

Juttas Restmülltonne ist neuerdings halb leer. Aber nicht dank Waste-Disziplin, sondern weil die Kinder windelfrei sind.

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