Was ist der Regen wert?

Das Wasser fällt einfach vom Himmel. Und ohne es könnte die Menschheit kaum auskommen. Wieviel müssten wir ausgeben, wenn es plötzlich zu Regnen aufhörte?

  1. Autor: Jochen Bettzieche
  2. Illustration: Sharmilla Banjeree

Wir saßen noch im Zug, da verdunkelte sich draußen der Sommerhimmel. Als sich die Türen öffneten, schlug der erste Tropfen auf dem Bahnsteig auf. Und dann der nächste. Himmel und Erde waren plötzlich voller Wasser. Wir zogen die Schuhe aus und liefen durch knöcheltiefe Pfützen nach Hause. Heute sind wir verheiratet. Das ist meine Lieblingsregengeschichte. Und wenn wir schon über Geld sprechen, ist sie unbezahlbar.

Eine Apfelkultur benötigt 700 Liter Wasser
pro Jahr und Quadratmeter.

 

Glücklich macht der Regen auch Hobbygärtner, die im Sommer neben der Regentonne stehen bleiben, um zu sehen, wie sie sich langsam füllt, und Landwirte, die jubeln, wenn die lange Trockenheit ein Ende hat. Denn ohne Wasser gedeihen Obst, Gemüse und Getreide nicht. Eine Apfelkultur benötigt nach Angaben der Agrarmarkt-Informations-Gesellschaft (AMI) rund 700 Liter Wasser pro Jahr und Quadratmeter.

In einigen Regionen Deutschlands reichen die Niederschlagsmengen dafür aus, in anderen müssen die Bauern einen Teil künstlich ausbringen. Klar ist aber: Müssten sie für den gesamten Wasserbedarf bezahlen, wären Äpfel teurer. Denn nach Angaben eines Sprechers der Stadtwerke München erhalten Landwirte keinen Rabatt auf ihren Verbrauch. Für 700 Liter Wasser müssten sie 1,15 Euro bezahlen. Pro Hektar Apfelplantage wären das 11.500 Euro im Jahr.

Wassermangel heizt den Klimawandel an – ein Teufelskreis

Noch heikler wird es, wenn kein Regen fällt und wegen Trockenheit zu wenig Wasser zum Bewässern vorhanden ist. Seit einigen Jahren leidet beispielsweise der US-Bundesstaat Kalifornien unter einer großen Dürre. Berechnungen des Pacific Institute, eines auf Wasser spezialisierten Think Tanks in Oakland, zeigen, wie wertvoll Regenfälle sind. Denn wenn die kostengünstigen Wasserkraftwerke nicht mehr genügend Strom liefern, werden vor allem fossile Brennstoffe eingesetzt, um den Energiebedarf zu decken.

Die Mehrkosten für Strom in den vergangenen sechs Jahren belaufen sich nach Angaben des Pacific Institute auf 2,4 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig stiegen die CO2-Emissionen um acht Prozent und erzeugen indirekt weitere Kosten bei der Bekämpfung der Folgen des Klimawandels.

In manchen Regionen ist Wasser noch kostbarer. Dort, wo Regen selten ist. Und so fördern beispielsweise die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) Forschungsprojekte, die sich mit Wolkenbildung, Wolkenmodifizierung und Wolkenimpfung beschäftigen. Das Fernziel: Über Wüsten und Halbwüsten soll mehr Regen fallen.

Bis zu fünf Millionen US-Dollar verteilen die VAE alle drei Jahre an Forscher. 1,5 Millionen davon erhielt Anfang des Jahres eine Gruppe um den Naturwissenschaftler Volker Wulfmeyer, Leiter des Instituts für Physik und Meteorologie an der Universität Hohenheim. „Wir wissen aus Vorstudien, dass es möglich wäre, Teile der Wüste mit Tröpfchenbewässerung zu begrünen, um die lokale Wolkenbildung zu verstärken“, sagt Wulfmeyer.

Was wäre Romantik ohne Regen?

Aber auch in regenreichen Regionen sind Niederschläge wertvoll. Oberhalb von Berchtesgaden, am Untersberg, liegt 1894 Meter über dem Meeresspiegel das Stöhrhaus, eine Hütte des Deutschen Alpenvereins. Dreieinhalb Stunden benötigen Wanderer mindestens für den Aufstieg aus dem Tal. Und die wollen versorgt werden. Manche bleiben auch über Nacht. Küche, Toilette, Waschraum, überall wird Wasser benötigt, im Durchschnitt 750 Liter pro Tag. Und das liefert der Regen. Vom Dach fließt er in einen 50.000-Liter-Tank.

„Wenn wir das Regenwasser nicht nutzen würden, hätten wir kein Wasser, es müsste dann teuer mit Helikopter eingeflogen werden“, sagt Hüttenwirtin Walburga Gschoßmann. 250 Euro kostet das pro Flug, und der Heli müsste fast täglich kommen. Circa 25 Mal im Monat. 6.250 Euro sind demnach die 22.500 Liter Regenwasser wert, die in dieser Zeit auf der Hütte verbraucht werden.

Regen ist aber nicht nur ein Verbrauchs, sondern auch ein Kulturgut. In etlichen Kinofilmen sind romantische Regenszenen zu finden, ebenso in der Literatur. Und in der Musik spielt der Regen auch schon lange eine wichtige Rolle. Der eine singt gerne im Regen, andere lassen Männer regnen (Halleluja!) und dann war da auch noch der Regen, der sich lila färbt. 1984 gelang Popstar Prince mit dem Album „Purple Rain“ der kommerzielle Durchbruch. Der Nachlass des im April 2016 verstorbenen Künstlers wird auf bis zu 300 Millionen US-Dollar geschätzt.

Jochen Bettzieche
Jochen kennt sich mit Wirtschaft und Finanzen aus. Ihr habt Fragen zur Börse? Er kann sie beantworten. Eigentlich hat er aber Physik studiert und beschäftigt sich schon seit zwanzig Jahren in seiner journalistischen Arbeit mit dem Thema Nachhaltigkeit. Ein Allrounder mit Erklärtalent. Mehr ...

Diese Themen
in der aktuellen
Ausgabe lesen: