Was kostet der Wald?

Ein Ökonom hat nachgerechnet und kommt zu einem beachtlichen Ergebnis: Der Wald erwirtschaftet jährlich so viel wie ein Dax-Konzern.

  1. Autor: Andreas Kraft
  2. Illustration: Sharmilla Banerjee
Zeichnung eines jungen Mannes, der durch den Wald wandert.

Der wahre Wert der Dinge wird manchmal erst klar, wenn sie verschwinden. So ging es auch den Menschen im Erzgebirge vor rund 300 Jahren. Bevölkerungswachstum, Erzgruben und Schmelzhütten hatten nahezu das ganze Holz aufgefressen. Sachsen steckte in einer Energiekrise. Da formulierte Hans Carl von Carlowitz – als Leiter des Oberbergamtes Freiberg auch für die Holzversorgung zuständig – als Erster den Gedanken der Nachhaltigkeit: Er kritisierte den Raubbau an den Wäldern und entwarf in Grundzügen eine Forstwirtschaft, die den Wald gleichzeitig nutzt und erhält.

„Der Wald macht gut ein Drittel der Fläche des Landes aus. Daran dürfte sich auch in absehbarer Zukunft wenig ändern.“

„Heute ist der Wald in Deutschland sehr gut geschützt“, sagt der Ökonom Bernd Hansjürgens. „Er macht gut ein Drittel der Fläche des Landes aus. Daran dürfte sich auch in absehbarer Zukunft wenig ändern.“ Aber was ist der Wald eigentlich wert? Hansjürgens hat sich in den vergangenen Jahren als Leiter des TEEB-Projekts (siehe Infobox) intensiv damit beschäftigt. Am einfachsten zu beziffern ist der Wert des Holzes – denn dafür gibt es einen Markt. Rund 3,5 Milliarden Euro erwirtschaftet die Forstwirtschaft jedes Jahr mit dem Verkauf von Holz. „Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist das nicht viel“, sagt Hansjürgens. „In manchen Gegenden, etwa dem Nordschwarzwald, ist Holz aber durchaus ein bedeutender Wirtschaftsfaktor.“

Schwieriger wird es beim zweiten Punkt: dem Wald aus Ausflugsziel und Urlaubsort. Auf der Suche nach Zahlen haben die Forscher Waldbesucher befragt, wie viel sie für einen Besuch im Wald zahlen würden. Zudem haben sie berechnet, was Urlauber ausgeben, um beispielsweise im Bayerischen Wald Ferien zu machen. Den Erholungswert beziffert Hansjürgens mit rund 2 Milliarden Euro im Jahr.

Darüber hinaus dient der Wald als riesiger Filter für unser Trinkwasser und sorgt dafür, dass weniger Schadstoffe im Grundwasser landen. Wie hoch die Einsparungen sind, das kann nur für jedes Stück Wald gesondert berechnet werden. Denn zwischen Nadel-, Laub- oder Mischwald gibt es gravierende Unterschiede. Eine Untersuchung in den Vogesen hat gezeigt, dass ein Hektar Wald die Kosten für die Wasseraufbereitung von einem Kubikmeter Wasser um 138 Euro senkt. In Deutschland gibt es rund 11,4 Millionen Hektar Wald. Die Filterwirkung könnte in die Milliarden gehen.

Der Wald als Speicher von Klimagasen

Einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leistet der Wald als CO2-Speicher. Der Kohlenstoff steckt dabei nicht nur im Holz, sondern auch im Waldboden. Gemäß dem Kyoto-Protokoll kann Deutschland diese Leistung in seiner Emissionsbilanz ausweisen und an anderer Stelle auf die Senkung des CO2-Ausstoßes verzichten. Derzeit wird der Wert auf 91 Millionen Euro im Jahr beziffert. Die tatsächliche Zahl dürfte aber weit höher liegen. Dass deutsche Wälder den CO2-Gehalt der Atmosphäre jährlich um 22,4 Millionen Tonnen senken, kommt letztlich der ganzen Welt zugute. Hansjürgens und seine Kollegen haben errechnet, dass eine Tonne CO2 rund 80 Euro Schaden verursacht. Der deutsche Wald spart also jährlich noch mal rund 2 Milliarden Euro ein.

 

TEEB

Deutschland und die EU haben beim G8-Treffen 2007 den TEEB- Prozess angestoßen. TEEB steht für „The Economics of Eco-systems and Biodiversity“. Unter dem Dach der UN sammeln Forscher weltweit Argumente für den Erhalt der Natur und berechnen, welche Kosten der Verlust oder die Beschädigung von Ökosystemen mit sich bringen. TEEB DE ist das Projekt für Deutschland, angesiedelt am Helmholtz-Institut für Umweltfragen in Leipzig. Professor Bernd Hansjürgens leitet die Studie.

Weitere gut 2 Milliarden Euro bringt er jährlich mit seinem Beitrag zur Biodiversität ein – auch das ist freilich ein hypothetisch berechneter Wert. Dafür wurden Haushalte befragt, wie viel sie für den Erhalt des Waldes als Biotop bereit wären zu zahlen. Was letztlich (noch) nicht zu beziffern ist, ist der Beitrag der Wälder zum Hochwasser- und Lawinenschutz. Ähnlich wie beim Trinkwasser gibt es hier zwar einige lokale Untersuchungen, aber noch lange kein Gesamtbild. Bislang war es schlicht zu aufwändig, das für ganz Deutschland zu berechnen.

Alles in allem kommen – vorsichtig geschätzt – 7,5 bis 10 Milliarden Euro im Jahr zusammen. Mit einer Summe in dieser Größenordnung spielt der Wald unter den DAX-Konzernen auf den vorderen Plätzen mit. Zum Vergleich: 2015 war Daimler das erfolgreichste deutsche Unternehmen mit 13,2 Milliarden Euro Gewinn. Anders als Daimler hat der Wald noch ein Ass im Ärmel: Er produziert Sauerstoff, und das ist letztlich unbezahlbar. Denn ohne den Sauerstoff der Wälder wäre kein Leben möglich

Andreas Kraft
Andreas hat schon als Kind am liebsten im Wald gespielt. Jetzt wünscht er sich, dass sich die Automobilwirtschaft in Sachen Nachhaltigkeit ein Beispiel an der Forstwirtschaft nimmt. Mehr ...

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