Was kostet unser Körper?

Der Filmemacher Peter Scharf hat recherchiert, was der Mensch wert ist. Er stieß auf erschreckend
konkrete Zahlen.

  1. Autorin: Inga Schörmann
  2. Illustration: Sharmila Banerjee

Was euer Körper wert ist? Zwei Millionen Euro, plus minus. Vorausgesetzt ihr seid Westeuropäer und befindet euch nicht schon inmitten eures Lebensabends.

Ich habe mir nie Gedanken darum gemacht, was mein Körper kostet. Irgendwann spürte ich aber ständig einen Schmerz unter den Füßen, der immer unerträglicher wurde. Ich rannte von Arzt zu Arzt, von Operation zu Operation. Die Folgen für mich als Selbstständigen, der nicht ordentlich vorgesorgt hatte: Kaum Einkommen, die Aussicht auf Altersarmut und die versäumte Chance, mit meinem Sohn Berge und Bäume zu besteigen. Plötzlich war da die Frage: Wie viel bin ich eigentlich wert? Ich habe mich auf die Suche nach der Antwort gemacht.

Peter Scharf hat 2014 den Dokumentarfilm „Was bin ich wert?“ gedreht, den ihr als DVD im Handel bekommen könnt.

Spermien für 1800 Euro,
100 Gramm Haare für 60 Euro

Einer meiner ersten Wege führte mich zum Blutspenden. Wenn ich das regelmäßig täte und zusätzlich Plasma spenden würde, bekäme ich dafür 705 Euro jährlich, für Spermien etwa 1800. Frauen, die ihr langes Haar verkaufen, bekommen in der Ukraine 50 bis 60 Euro pro hundert Gramm. Teurer sind Organe. In Deutschland kann man die nicht legal kaufen, man kommt auf eine Warteliste. Auf dem Schwarzmarkt kostet ein illegal transplantiertes Organ zwischen 63.000 und 158.000 Euro.

So viel zu den Möglichkeiten, die ich habe, wenn ich meinen Körper spontan zur Geldquelle machen möchte. Aber es geht natürlich auch abstrakter. Es gibt einige Methoden, mit denen man den Wert eines Menschen bestimmen kann. Etwa mit der sogenannten Saarbrücker Formel. Christian Scholz, einer ihrer Erfinder, hat sich aber geweigert auszurechnen, was ich ihr zufolge für ein Humankapital bilde. Denn die Formel bewertet nur den Nutzen einer Person für andere Menschen oder Institutionen – nicht den Selbstwert. Bei den DAX-30-Unternehmen seien es pro Person zwischen 70.000 und 150.000 Euro.

Andere hingegen berechnen den Wert eines Menschen danach, wie viel er selbst bereit wäre auszugeben, um eine Todesgefahr abzuwenden: der sogenannte Wert eines statistischen Lebens (WSL). Mit dieser Methode berechnen etwa Verkehrsministerien, ob es sich lohnt, an einer gefährlichen Kreuzung eine Ampel zu bauen. Und weil ärmere Menschen auch eher weniger Geld ausgeben würden, um Risiken zu minimieren, kann es gut sein, dass eine Ampel in Leipzig nicht gebaut wird, an einer Kreuzung am Starnberger See allerdings schon.

Menschen sind nicht
alle das Gleiche wert

Auch Krankenkassen wirtschaften mit dem Wert von Körpern. In Deutschland gibt es dabei offiziell kein Limit, solange der Arzt die Behandlung für sinnvoll hält. Meine post-operative Krankengymnastik hat die Kasse nach drei Rezepten allerdings nicht weiter bezahlt. In Großbritannien sind die Krankenversicherungen pragmatischer – oder vielleicht nur transparenter. Teure Behandlungen übernehmen sie nur bis zu einem bestimmten Grenzwert, den sie für jeden Patienten einzeln berechnen und dabei Kosten und Nutzen abwägen. Bei perfekter Gesundheit sind es etwa 25.000 Pfund pro noch kommendem Lebensjahr.

Wie lang das Leben wohl noch gewesen wäre, war auch eine der Grundlagen für die Entschädigungen der USA an die Angehörigen der Opfer des Anschlags vom 11. September 2001. Der Anwalt Kenneth R. Feinberg durfte 7 Milliarden Dollar verteilen. Als Basissumme für jeden Toten ging er von 250.000 Euro aus, plus 100.000 für einen Ehegatten und weitere 100.000 für jedes unterhaltspflichtige Kind. Darauf addierte er Schmerzensgeld und das, was die Opfer theoretisch noch erarbeitet hätten. Die durchschnittliche Entschädigungssumme lag bei 2,1 Millionen Dollar, die niedrigste betrug 250.000 und die höchste 7,1 Millionen. Zum Vergleich: Die Angehörigen der Opfer des Zugunglücks in Enschede bekamen je 15.000 Dollar und nach einer Giftkatastrophe in Indien gab es nur 1000 pro Opfer.

Ich hätte ewig weiter recherchieren können, aber mein Film hatte natürlich eine begrenzte Sendezeit. Was mir klar geworden ist: Was unser Körper wert ist, bestimmen wir längst nicht mehr selbst. Von unserer Würde ganz zu schweigen.

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