Verdienen an der Dürre?

Mit Wasserfonds setzen wir als Anleger auf Unternehmen, die im Wassersektor tätig sind. Für Fondsmanager eine Herausforderung: der Spagat zwischen Menschenrechten und Rendite.

  1. Autor: Jochen Bettzieche

Die Wortspiele gehen den Werbern für Wasserfonds nicht aus: Von „sprudelnden Gewinnen“ ist die Rede, „erfrischender Rendite“ und ähnlichem. Denn Wasserfonds sind derzeit so beliebt wie Tattoos und Chiasamen. Allein im vergangenen Jahr flossen ihnen in Deutschland netto fast eine Milliarde Euro zu. Wenn ein Stoff knapp zu werden droht, wird er eben begehrt – und das trifft auf sauberes Trinkwasser weltweit zu. Denn die globalen Süßwasserreserven sind bedroht.

Wasserfonds sind Aktienfonds, die mit dieser Entwicklung arbeiten. Aufgelegt werden sie von Kapitalanlagegesellschaften. Ein jeder kann Anteile daran erwerben und Geld am Geschäft mit Wasser verdienen. Das ist legitim, wenn der Fonds auch den moralischen und ethischen Ansprüchen des Anlegers gerecht wird.

Wasserfonds – was ist das?

Jeder weiß es: Wasser ist für die Menschheit lebensnotwendig. Und dennoch wird mit diesem Gut umgegangen als gäbe es kein Morgen: Die Weltbevölkerung steigt und benötigt mehr Wasser. Der tatsächliche Bedarf eines einzelnen Menschen hängt jedoch stark von den Produkten ab, die er erwirbt. Die Fachwelt spricht in diesem Zusammenhang von virtuellem Wasser.

Nimmt der globale Wohlstand zu, kaufen die Menschen immer mehr und teurere Produkte, die mehr virtuelles Wasser benötigen. Gleichzeitig schmelzen wichtige Süßwasserspeicher wie die Gletscher in den Alpen. Darüber hinaus enthalten unterirdische Wasserspeicher immer mehr Schadstoffe, beispielsweise weil nach jahrzehntelanger Düngung der Felder im Düngemittel enthaltene Stoffe sich in den Speichern anreichern. Zudem sind viele Wasserleitungsnetze marode, sogar in den Industrieländern. Verluste im zweistelligen Prozentbereich sind in Europa in vielen Großstädten die Regel.

Tipps für Anleger

Für potentielle Einsteiger gilt: Zieh los und informiere dich, was in Deinem Wasserfonds drin ist. Klar ist das nicht einfach, aber einfach irgendwo sein Geld hinlegen und Rendite zu kassieren, heißt, keine Verantwortung zu übernehmen. Die Fonds, die schon zehn oder mehr Jahre am Markt sind, haben ihren Investoren im Durchschnitt fünf oder mehr Prozent Rendite pro Jahr gebracht. Im Vergleich zu Sparbüchern und ähnlichen Anlagen ist das gut. Zumal in einzelnen Jahren die Erträge auch zweistellig sein können, im Gegenzug müssen Investoren auch schwache Phasen mit einem Minus aushalten. Das hat nicht nur etwas mit den wirtschaftlichen Aussichten der Unternehmen zu tun, auf die der Fondsmanager gesetzt hat. Auch die allgemeine Lage an den Börsen spielt eine Rolle. Steigen die Kurse anderer Branchen, kann der Sektor mitgezogen werden. Das funktioniert leider auch in die andere Richtung.

Basiswissen Fonds

Durch den Kauf einer Aktie beteiligen sich die Fonds an dem jeweiligen Unternehmen. Die Preise für die Aktien an der Börse, dem Marktplatz für diese Wertpapiere, schwanken, je nach Angebot und Nachfrage. Ist die Nachfrage größer als das Angebot, legt der Preis zu. Der Fondsmanager kann die Aktie dann mit Gewinn verkaufen. Darüber hinaus zahlen manche Unternehmen eine Dividende. Die Aktionäre, in diesem Fall also auch der Fonds, erhalten einen Teil des Gewinns des Unternehmens. Diese zwei Komponenten, steigende Aktienpreise und Dividenden, ergeben die Rendite der Anleger, abzüglich einer Gebühr für die Fondsgesellschaft. Vorsicht, das ganze geht auch andersrum: Fällt der Preis für eine Aktie, entsteht ein Verlust.

Trinkwasser als Menschenrecht

Resolution 64/292 der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet am 28. Juli 2010 mit 122 Stimmen ohne Gegenstimme bei 41 Enthaltungen. Kernaussage des drei Seiten langen Textes:

Die Generalversammlung der Vereinten Nationen (...) erkennt das Recht auf einwandfreies und sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung als ein Menschenrecht an, das unverzichtbar für den vollen Genuss des Lebens und aller Menschenrechte ist;  (...)

Nur 7,5 Prozent des weltweit vorhandenen Süßwassers – das sind 0,25 Prozent des vorhandenen Wassers – gelten als nutzbar und sauber. Diese Zahlen führt die Kapitalanlagegesellschaft Pictet Asset Management in der Präsentation ihres Wasserfonds auf. Es ist der älteste und größte, an dem sich Anleger in Deutschland beteiligen können. Bereits seit dem Jahr 2000 kaufen und verkaufen die Fondsmanager Aktien aus dem Wassersektor. Dabei setzen sie vor allem auf Industrie und Landwirtschaft. Wenn der Fondsmanager in seinem Büro sitzt und die sich ständig verändernden Aktienkurse auf den Bildschirmen beobachtet, dann sind das eben nicht nur die von Wasserversorgungs-Unternehmen. Es kann auch der Hersteller von Sprinkleranlagen für den Ackerbau dabei sein, oder ein Fabrikant von speziellen Rohrsystemen.

Gerade Mal zehn Prozent des sauberen Trinkwassers verbrauchen die Menschen direkt. Die restlichen neunzig Prozent benötigen Industrie und Landwirtschaft. Deren Verbrauch ruft immer wieder Nichtregierungsorganisationen auf den Plan. So nennt der Lebensmittelkonzern Coca-Cola einen Bedarf von 300 Milliarden Litern für das Jahr 2015. Das sei so viel wie der Jahresverbrauch von Ghana, einem Land mit einer Bevölkerung von 26 Millionen Menschen, beklagen Wasseraktivisten. Die Kritik hat die Wasserfonds erreicht. Kaum noch einer investiert in Unternehmen aus der Lebensmittelindustrie wie Nestlé, Danone und Unilever.

Sauberes Trinkwasser ist Menschenrecht
– dürfen wir damit handeln?

Ob es überhaupt richtig ist, mit der Versorgung der Menschheit mit sauberem Wasser Geld zu verdienen, darüber kann man streiten. Schließlich hat die Generalversammlung der Vereinten Nationen den freien Zugang zu sauberem Trinkwasser erst 2010 zum Menschenrecht erhoben (siehe Kasten). Eigentlich sollten Menschen nicht dafür zahlen müssen, sagen die einen. Aber dieser Standpunkt ist selbst bei NGOs umstritten. Denn kostenloses Wasser kann zu Verschwendung führen. Außerdem kosten Transport, Rohrleitung, Brunnenbau und alle weiteren Maßnahmen rund um die Wasserversorgung Geld. Selbst wenn ein neuer Brunnen im südlichen Afrika durch Spendengelder finanziert wird, so sind benötigte Bohrer, Leitungen und Pumpe nicht umsonst. Und genau in die Aktien der Hersteller dieser Produkte investieren einige Wasserfonds.

Tatsächlich befinden sich – Menschenrecht hin oder her – sogar zahlreiche Quellen im Besitz von Wirtschaftsunternehmen, auch aus der Biobranche. Denn die Resolution der Generalversammlung schließt die Privatisierung des Wassersektors nicht aus. Sie sagt auch nichts darüber aus, wie viel Wasser jedem Menschen pro Tag zur Verfügung stehen sollte. Das haben die Vereinten Nationen erst im Nachgang präzisiert und sprechen von 50 bis 100 Litern.

„Insbesondere in den Industrieländern darf es kein Recht auf kostenloses Wasser geben, sonst fördert man die Verschwendung.“

In Wasserfonds investieren
– ja oder nein?

Sollte man also in Unternehmen investieren, die Menschen mit Trinkwasser versorgen? Da wird es heikel, denn den Fonds muss der Spagat zwischen Menschenrecht und Marktrecht gelingen. Immer wieder tauchen in den Fonds die Aktien von Wasserversorgern auf. Maria Wiggerthale sieht solche Unternehmen kritisch. Sie ist Referentin für Welternährung und globale Agrarfragen bei Oxfam und fordert: „Es muss eine öffentliche Wasserversorgung geben.“ Denn die öffentliche Hand hat ein Interesse daran, die Bürger sauberem Wasser zu versorgen, auch, wenn sie nichts daran verdient. Private Unternehmen wollen nicht nur einen Gewinn erzielen, in der Regel wollen sie ihn auch maximieren. Und dann bleiben unter Umständen notwendige Investitionen, beispielsweise in marode Infrastruktur, zu lange aus.

Andererseits spiegelt der derzeitige Preis für Wasser in zahlreichen Ländern nicht das Verhältnis von Angebot und Nachfrage wider. So argumentieren die meisten Manager der Wasserfonds: Das kostbare Nass ist zu billig. „Insbesondere in den Industrieländern darf es kein Recht auf kostenloses Wasser geben, sonst fördert man die Verschwendung“, sagt Sebastian Leins, Mitarbeiter im „Sustainability Research“ der Ökoworld und somit auf Nachhaltigkeitsfragen bedacht. Es gibt kein Menschenrecht auf wöchentliches Autowaschen und täglich gesprengten Rasen auf dem Golfplatz. Höhere Preise könnten hier für einen schonenderen Umgang mit dem Rohstoff sorgen.

Doch was, wenn auch Wasser selbst künftig wie Weizen, Kakao und Kaffee an spezialisierten Rohstoffbörsen gehandelt wird?„Die Vision ist, dass es in 25 bis 30 Jahren solche Spotmärkte für Wasser und einen Markt für Wasserfutures gibt, ich finde das bedenklich“, sagt Marita Wiggerthale. Ähnlich wie bei Agrarrohstoffen wie Weizen oder Zucker könnten dann Spekulanten den Preis in Höhen treiben, die nicht durch die Nachfrage gedeckt sind. Das würde womöglich so weit gehen, dass sich viele Menschen das Wasser nicht mehr leisten könnten.

Jochen Bettzieche
Jochen kennt sich mit Wirtschaft und Finanzen aus. Ihr habt Fragen zur Börse? Er kann sie beantworten. Eigentlich hat er aber Physik studiert und beschäftigt sich schon seit zwanzig Jahren in seiner journalistischen Arbeit mit dem Thema Nachhaltigkeit. Ein Allrounder mit Erklärtalent. Mehr ...

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