„Wer etwas wegwirft, ändert nichts“

Ein Leben ohne Müll ist möglich – aber gar nicht so einfach. Nicole Pollakowsky hat bei Zero-Waste-Queen Bea Johnson nachgefragt und festgestellt: Ohne Planung, Konsequenz und Hartnäckigkeit geht gar nichts.

  1. Interview: Nicole Pollakowsky
Foto: Didriks/flickr

Bea, der Müll, den Sie und Ihre Familie im Jahr 2015 produziert haben, passt in ein Einmachglas. Wie funktioniert das? Geht in Ihrem Haushalt nichts kaputt?

Wir leben minimalistisch und besitzen schlichtweg viel weniger als die meisten Leute. Je weniger man hat, desto weniger muss man auch reparieren oder wegwerfen. Wir teilen uns beispielsweise zu dritt ein Auto.

Was ist, wenn das Auto einen Schaden hat, der nicht behoben werden kann – dann wird es eng im Einmachglas, oder?

Wenn das Auto oder auch ein Handy oder der Computer kaputt gehen und man nichts mehr reparieren kann, verkaufen wir die Einzelteile als Ersatzteile.

Aber manche Einzelteile will niemand haben.

Letztes Jahr ist der Motor unserer Spülmaschine kaputtgegangen. Ein Plastikteilchen ist gebrochen, deshalb musste der ganze Motor ersetzt werden. Ich hätte den alten Motor wegwerfen können. Aber wer etwas wegwirft, ändert nichts. Deshalb habe ich ihn stattdessen an den Hersteller zurückgeschickt mit der Aufforderung, künftig Motoren zu bauen, die besser konstruiert sind und länger halten. Ich nenne das „active discard“ (Red.: etwa „aktives Wegwerfen“). Schließlich sind die Hersteller verantwortlich für die Geräte, die sie bauen, und auch für deren Wiederverwertung. So habe ich die Verantwortung wieder an den Hersteller zurückgegeben. Wenn alle so handeln und die Hersteller an ihre Verantwortung erinnern würden, kämen wir schneller voran.

Bea Johson: Die Wahl-Kalifornierin lebt seit 2008 mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen nach dem Zero-Waste-Prinzip: Im Haushalt der Familie fällt nur noch ein Minimum an Müll an. Beas Credo sind die fünf R: Refuse, Reduce, Reuse, Recycle, Rot.

Sie leben seit acht Jahren müllfrei. Gab es auch schon Momente, in denen Sie sich gesagt haben: „Bis hierher und nicht weiter“?

Anfangs gab es keine Anleitungen und keine Ratgeber zu dem Thema, deshalb musste ich sehr viel ausprobieren, auch Extremes. Zum Teil bin ich auch zu weit gegangen.

Womit zum Beispiel?

Eine Zeitlang habe ich mir die Haare nur mit Apfelessig gewaschen. Aber mit meinen feinen Haaren hat das überhaupt nicht funktioniert, ich kam mir vor wie ein Hippie. Nach sechs Monaten habe ich damit wieder aufgehört. Jetzt benutzen wir eine Seife für alles – zum Duschen, zum Haarewaschen und mein Mann und meine Söhne benutzen sie auch zum Rasieren.

Wie haben Sie Ihre Familie von Zero-Waste überzeugt, speziell Ihre Kinder?

Meine Söhne haben das anfangs gar nicht wahrgenommen. Wir hatten schon sechs Monate lang nichts Verpacktes mehr im Schrank, ehe sie das registriert haben. Da ich für unseren Haushalt einkaufe, war ich es auch, die entschieden hat, lose oder unverpackte Ware zu kaufen und weniger zu konsumieren.

Und es gab kein Gezeter?

Meine Beobachtung ist: Kinder haben einfache Bedürfnisse. Es sind die Eltern, die daraus etwas Kompliziertes machen. Als wir mit Zero-Waste gestartet sind, habe ich meine Söhne mit in den Unverpackt-Laden genommen und gesagt, sucht euch die Kekse und die Frühstücksflocken aus, die ihr mögt. Sie haben etwas gefunden, das ihnen geschmeckt hat und alles war gut.

Wie kostspielig ist Zero Waste?

Ich höre immer wieder die Befürchtung, dass Zero Waste teurer sein könnte. Mein Mann glaubte das auch. Aber ein Vorher-Nachher-Vergleich der Kontoauszüge hat gezeigt, dass wir mit Zero Waste viel weniger ausgeben. Zum einen kaufen wir eben lose Ware und sparen dadurch den Preis für die Verpackung – das kann bis zu 15 Prozent ausmachen. Zum anderen konsumieren wir heute insgesamt viel weniger als früher. Wenn wir etwas kaufen, dann nur, wenn etwas ersetzt werden muss. Ein T-Shirt, das zu klein ist, oder einen Turnschuh, der ein Loch hat. Und was wir kaufen, kaufen wir Second Hand. Außerdem haben wir alle Einwegprodukte ersetzt durch wiederverwendbare Alternativen.

Wie schafft man es, nicht nach jedem Einkauf im Verpackungsmüll zu ersticken? Nicht jeder hat ja einen Unverpackt-Laden um die Ecke und nicht überall werden mitgebrachte Gläser oder Dosen akzeptiert.

Auch bei uns in Kalifornien gibt es nicht viele Unverpackt-Läden und auch Gläser oder Dosen füllen zu lassen, ist nicht selbstverständlich. Aber trotzdem leben hier wie auch in Deutschland tausende von Leuten müllfrei. Dass man beim Einkaufen so oft zurückgewiesen wird, liegt daran, dass die Verkäufer häufig unsicher sind. Viele wissen zum Beispiel nicht, wie sie abwiegen sollen und das Einfachste für sie ist es, sich dann auf Hygienevorschriften zu berufen. So entledigen sie sich des Problems.

Wie reagiert man am besten? Haben Sie einen Tipp?

Es kam immer wieder vor, dass Verkäufer angefangen haben, mit mir über das „Warum“ zu diskutieren. Irgendwann habe ich gemerkt, dass die beste Antwort ist: „Weil ich keinen Mülleimer habe.“ Wenn Sie ein Geschäft gefunden haben, das unverpackt abfüllt, können Sie auch anderswo darauf verweisen. Oft heißt es dann: „Ach, die machen das? Dann machen wir es auch.“ Und noch ein Tipp: Schauen Sie den Verkäufern nicht in die Augen. Wenn Sie Ihren Behälter zum Füllen über die Theke reichen, fragen Sie nicht erst höflich nach, sondern tun Sie so, als hätten Sie Ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Sie werden sehen, das funktioniert. Ich habe das auch in Deutschland ausprobiert. Es hat nie jemand nein gesagt.

„Wir sind Aktivisten, klar, aber das bedeutet nicht, dass wir zornig sind oder mit jemandem im Streit liegen. Kämpfen muss man nur, wenn man keine Lösung hat. Aber wir haben ja eine Lösung gefunden: ein Einmachglas voll Müll pro Jahr.“

Würden Sie sagen, Sie befinden sich in einem Kampf gegen den Müll?

Nein. Sich im Kampf befinden, das bedeutet für mich, wütend zu sein. Wir sind Aktivisten, klar, aber das bedeutet nicht, dass wir zornig sind oder mit jemandem im Streit liegen. Kämpfen muss man nur, wenn man keine Lösung hat. Aber wir haben ja eine Lösung gefunden: ein Einmachglas voll Müll pro Jahr.

Gibt es auch Momente, in denen Sie frustriert sind?

Wer sich für ein Leben ohne Müll entscheidet, wird verschiedene Phasen durchlaufen. Ganz zu Anfang ist man euphorisch. Man will etwas verändern und beginnt etwas Neues, von dem man überzeugt ist. Irgendwann kommt der Moment, in dem einem bewusst wird: Ich habe zwar mein Verhalten geändert, aber alle anderen machen so weiter wie bisher. In dieser Phase war ich richtig sauer auf meine Mitmenschen. Aber irgendwann habe ich mein Gleichgewicht wiedergefunden. Ich habe festgestellt: Mit meiner Art zu leben kann ich ein Beispiel geben. Ich höre immer wieder den Einwand, der Einzelne allein könne ja doch nichts ändern. Aber das stimmt nicht. Meine Familie und ich sind der beste Beweis dafür: Wir haben eine weltweite Bewegung angestoßen. Die Hersteller produzieren nur, was auch verlangt wird – wir, die Konsumenten, haben es in der Hand, das zu steuern.

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