„Wir misstrauen den anderen.“

Manche Menschen könnten Sportwagen fahren, haben aber nicht mal eine Geschirrspülmaschine. Der Verhaltensökonom und BWL-Professor Ingo Balderjahn erklärt im Interview, was genügsame Menschen antreibt. Und warum es trotzdem schwer fällt, immer zu verzichten.

  1. Interview: Rebecca Sandbichler
Ein Mann hält im Supermarkt Äpfel in der Hand und stellt sich vor, einer wäre ein Engelchen und einer ein Teufelchen.
Soll es der teurere Bio-Apfel sein oder doch ein konventioneller?

Herr Balderjahn, warum kaufe ich doch hin und wieder den billigen Kaffee im Wegwerfbecher, obwohl ich eigentlich fair und ökologisch konsumieren will?

Sie verhalten sich als Mensch grundsätzlich egoistisch: Der billige Kaffee ist zwar weder sozial noch ökologisch, aber lohnt sich finanziell und vielleicht auch zeitlich für Sie. Ein fair gehandelter Bio-Kaffee liefert vor allem ethische Vorteile, im Produkt selbst steckt wenig zusätzlicher Nutzen. Das ethisch Richtige ist uns nicht immer den Aufpreis wert. Hinzu kommt unser Misstrauen.

Gegenüber wem?

Gegenüber allen anderen. Wenn man Menschen auf der Straße fragt, ob sie auf die Umwelt achten, sagen sehr viele: ‚Ja klar, tue ich.‘ Und wenn man dann fragt: ‚Glauben Sie, Ihre Nachbarn leben auch umweltbewusst?‘ – dann sieht das plötzlich ganz anders aus. Viele denken: Die anderen kaufen ohne Rücksicht zu günstigen Preisen ein. Warum sollte ich der Dumme sein?

Aber ist Umweltschutz nicht das oberste gesellschaftliche Anliegen?

Ehrlich gesagt nicht mehr. In den frühen Neunzigern war die Umwelt in Deutschland den Menschen viel wichtiger, heute beschäftigen sie eher soziale Themen. Man schätzt, dass nur etwa vierzig Prozent der Deutschen hinsichtlich der Nachhaltigkeit ansprechbar sind, die Mehrheit berührt das Thema nicht.

„Das Richtige ist uns nicht immer den Aufpreis wert.“

Nehmen wir mal jemanden, der jeden Cent umdrehen muss und beim Discounter den billigsten Wurstaufschnitt kauft: Leben solche Menschen nicht trotzdem oft ökologischer als so mancher Bio-Käufer?

Billigfleisch ist für sich eine ganz große Umweltbelastung und bringt ethische Probleme mit sich. Gerade ärmere Menschen fliegen aber nicht in den Urlaub, haben kein Auto und können sich auch sonst weniger Dinge leisten. Von daher ist deren Klimabilanz – notgedrungen – womöglich besser als die vom Stammkunden im Bioladen. Das ist in unserer Forschung gerade ein sehr spannendes Thema, da wir untersuchen, was die freiwillig Genügsamen mit ihrem übrigen Geld machen.

Die freiwillig Genügsamen?

Das sind immerhin etwa 15 Prozent der Deutschen. Die haben zwar ein überdurchschnittlich hohes Einkommen, besitzen aber zuhause oft eine Geräte-Ausstattung die kaum besser ist wie jemand, der mit viel weniger Geld auskommen muss. Sie kaufen bewusst weniger ein, um die Umwelt zu schonen, und wählen sozialverträgliche Produkte zu höheren Preisen aus. Aber noch wissen wir nicht, wie sie insgesamt ihr Leben gestalten. Manche reduzieren auch ihre Arbeitszeit, um besser leben zu können. Wenn sie aber fünfmal im Jahr einen Fernflug machen würden oder ihr Geld in wenig ethischen Investments anlegen, wäre die ganze Nachhaltigkeit natürlich hinüber.

In der BWL gehört der Potsdamer Professor Ingo Balderjahn zu den weltweit am häufigsten zitierten Autoren. Er erforscht nachhaltigen Konsum und die ethische Verantwortung von Unternehmen.

Beschummeln wir Ökos uns vielleicht alle nur selbst?

Die Möglichkeit besteht, dass es so genannte Rebound-Effekte gibt, wir also auf der einen Seite sparen aber an anderer Stelle Geld für mehr Konsum oder wenig umweltverträgliche Produkte ausgeben. In vielen Bereichen zeichnet sich aber eine Veränderung ab. Das eigene Auto ist zum Beispiel längst nicht mehr das Statussymbol, das es mal war. Das Konzept des Teilens verbreitet sich dafür mehr. Und einige Unternehmen haben auch verstanden, dass sie nicht nur auf billig, billig und viel, viel setzen müssen. Stattdessen bieten sie langlebige Produkte an, die hochwertig und dafür teurer sind. Damit kann man genauso gut verdienen.

Was können wir als Konsumenten noch tun, außer weniger einzukaufen?

Immer, wenn eine Haltung zum Trend oder zur Norm wird, wie etwa bei der veganen Ernährung, werden kluge Unternehmer das erkennen und dafür etwas anbieten. Auch öffentlicher Druck schafft erkennbare Bewegungen bei Unternehmen, wenn man sich zum Beispiel die Textilbranche anschaut. Konsumenten sind heute viel besser organisiert als früher. Man kann sich also zusammentun und auch den direkten Austausch mit den Anbietern suchen. Das kann viel verändern.

Rebecca Sandbichler
Die Tiroler Journalistin hat ihr ökologisches Gewissen erst spät entwickelt: 20 Jahre lang eine Liebhaberin von Fleisch, Käse und Co., wurde sie durch eine vegane Woche mit Studienfreunden moralisch bekehrt. Zumindest vorübergehend. Heute sind die seltenen tierischen Produkte in ihrem Fünf-Personen-Haushalt aber immerhin Bio. Mehr ...

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