Wwoofen bei Wahnsinnigen

Gefühlte Bedrohung statt idyllisches Landleben: Beim Freiwilligeneinsatz auf einer Pferdefarm in Südengland steckte Maximilian Vogelmann mit Verrückten im Schlamm fest.

  1. Autor: Maximilian Vogelmann
  2. Illustrationen: Florian Bayer

„Was für eine bescheuerte Art zu sterben“, schießt es mir durch den Kopf. Ein metallenes Monster pflügt auf mich zu, Matsch spritzt in alle Richtungen. Ich starre in die Scheinwerfer, in ihrem Licht glitzern Regentropfen. Noch fünf Sekunden, dann quetschen die mannshohen Reifen mich in eine Weide irgendwo in Devon, Südengland. Der Schlamm saugt an meinen Gummistiefeln. Es gibt nur noch mich und Chris, einen betrunkenen Briten in seinem Traktor. Um uns herrscht Dunkelheit.

Vorteil: Die Farm liegt einsam in einem kleinen Tal. Nachteil: Eine Heizung gibt es nicht, dafür handtellergoße Löcher im Fenster. Die Homepage sah so nett aus: wehende Perdemähnen, weite Wiesen. Die Farm danach auszuwählen war ein fataler Fehler.
Vorteil: Die Farm liegt einsam in einem kleinen Tal. Nachteil: Eine Heizung gibt es nicht, dafür handtellergoße Löcher im Fenster. Die Homepage sah so nett aus: wehende Perdemähnen, weite Wiesen. Die Farm danach auszuwählen war ein fataler Fehler.

Wie konnte ich in diese Situation geraten? Landlust ist die Antwort. Meine Freundin Isa und ich hatten uns überlegt, mal was mit den Händen zu machen und nicht immer nur auf den Bildschirm zu starren. Durch Freunde hatten wir von „Wwoof“ gehört, den „World wide opportunities on organic farms“ – weltweite Möglichkeiten auf Bio-Bauernhöfen. Die Idee: Ein paar Stunden am Tag auf einer Farm helfen, dabei etwas über nachhaltige Landwirtschaft lernen, bei freier Kost und Logis. Manche Farmen bieten Jobs nur für ein Wochenende an, andere für ein ganzes Jahr. Wir wählten eine Woche.

Woofen auf dieser Farm: ein Fehler

Einen Meter vor mir kommt Chris zum Stehen und stellt den Motor ab. Mein Atem löst sich in einer grauen Wolke. Regen ditscht auf meine Kapuze. Neben mir steht Isa und lächelt mir zu. Neben ihr blickt ein Franzose namens Guillaume finster drein, das tut er meistens, auch er ist ein „Wwoofer“. Und irgendwo stiefelt der 70-jährige Farmer Michael herum und sucht die Pferde, die er von der Weide in den Stall bugsieren will. Als Mauer aus Mensch und Maschine sollen wir dabei helfen. „Come, come, come“, ruft Michael nun leise, es klingt wie ein Mantra.

Plötzlich eine Bewegung im Dunkeln. „Hush, be quiet“, zischt er. Wie Geister kommen sie den Hügel herunter, langbeinig, im Licht der Traktorscheinwerfer leuchten ihre Augen, der Schlamm schluckt das Geräusch ihrer Hufe. Sie bleiben stehen, schauen, schnauben. Michael wechselt die Tonlage, statt zu schmeicheln, befiehlt er nun: „Come on, come on!“ Er scheucht sie mit den Armen voran, und die Pferde verschwinden ohne einen Mucks im Stall.

Mit Pferden umgehen, das kann Michael. Mit Menschen nicht so. Auf uns warte viel Arbeit, hatte er gebrummt, als er uns am selben Abend aus Exeter abholte und zwei Stunden lang in seinem alten Jeep immer schmaler werdende Straßen entlang preschte. Wir freuten uns darauf, die Pferdchen zu füttern, zu striegeln und auf ihrem seidigen Rücken die frühlingshafte Küste zu erkunden. Für Michaels Farm hatten wir uns entschieden, weil seine Homepage so nett aussah: wehende Mähnen, weite Wiesen, weiche Fohlen mit ihren Müttern. Ein Fehler.

Erst Tee mit Milch am Kaminfeuer,
dann mit Gummistiefeln ab in den Schlamm

So wie früher sei es nicht mehr, raunzte Michael. Wegen der Krise. Und der Migranten. Und die Homepage, die stimme nicht so ganz, wir würden schon sehen. Bei unserer Ankunft sahen wir erst mal gar nichts, denn es war dunkel. Vor einem prasselnden Kaminfeuer gab es Tee mit Milch, wir lernten auch Chris kennen, den benachbarten Rinderfarmer mit einer üblen Fahne und toten Augen, dann drückte Michael uns Gummistiefel in die Hand und schickte uns in den Schlamm.

„Well done“, sagt Michael auf dem Weg zurück. Wir wollen nur noch ins Bett. Es ist elf Uhr nachts. Normalerweise schlafen die männlichen und weiblichen „Wwoofer“ getrennt, aber weil außer uns nur Guillaume da ist und wir ein Paar sind, bekommen wir das Mädchenzimmer im ersten Stock mit Doppelbett. Darin krabbelt ein Tausendfüßler, den ich mitsamt einer fleckigen Decke schnell in die Ecke werfe, bevor meine Freundin ihn sieht.

Auf dem Weg zum Zähneputzen im Bad kommt uns ein Mann in nichts als einem Bademantel entgegen. Er lächelt und stellt sich als „Mike“ vor – also ein zweiter Michael. Er wohne hier seit 13 Jahren, sei Hotelmanager und nehme jetzt ein Vollbad, ob es uns hier gut gefalle, jaja, sagen wir, und huschen zurück ins Zimmer.

Kalte Nächte, lange Tage und die Erkenntnis:
80 Pferde machen viel Mist

Leicht hysterisch schließe ich die Tür ab. Ich finde Michael, Mike, Chris und die Farm weitab der Zivilisation gruselig. Ich will weg, gleich morgen. Isa hingegen will der Farm eine Chance geben. Vor allem den Pferden, die sehr gut gepflegt aussähen. Zuerst aber müssen wir die Nacht überstehen. Wir haben keine Heizung, dafür ein handtellergroßes Loch im Fenster. Es ist Ende April, dennoch schlottern wir am ganzen Körper.

Der Föhn rettet uns. Wir föhnen uns gegenseitig, dann das Bett, und dann wieder uns. „Jetzt ich“, sagt Isa. „Gleich“, sage ich und puste mir noch etwas Lebensluft unter meine zwei Pullis. Nach zehn Minuten gibt das Gerät auf und riecht nach verbranntem Plastik.

Mal etwas mit den Händen machen, das war der Wunsch. Nun gut, Arbeit gibt es auf dieser Pferdefarm genug. Von früh bis spät.

Die Nächte sind kalt, die Tage lang. Die Farm liegt in einem kleinen Tal, nächster Nachbar ist ein Landhotel. Ich lerne viel über Pferde und über das, was hinten aus ihnen rauskommt: Mist schaufeln ist mein Hauptjob. Morgens gibt es Tee, Toast, und die erste Runde Futter für die 80 Pferde und das einäugige Pony, das mich heimtückisch aus der hintersten Ecke seiner Box anstiert.

Wir bleiben die Woche, wie geplant. Ich bin zu erschöpft, um Angst zu haben, ob vor den Hausbewohnern oder dem Tausendfüßler, der sich wahrscheinlich irgendwo im Zimmer versteckt. Und die Pferde sind nett. Die meiste Zeit lassen sie mich nicht spüren, dass ich ein blutiger Anfänger bin, stupsen mich mit ihren Nüstern, drängen sich um mich, wenn ich mit Heu ankomme.

Tiere kennen keine Pause,
kein Wochenende, keinen Urlaub

Die Arbeit hört nie auf. Tiere kennen keine Pause, kein Wochenende, keinen Urlaub. Innerhalb einer Woche kann ich nicht nur gutes Stroh von schlechtem Stroh unterscheiden, sondern werde auch immer besser darin, Mist mit der Gabel auf die Schubkarre zu schleudern.

Wusch, wusch, so habe ich mir das Landleben vorgestellt, körperliche Ertüchtigung im Einklang mit der Natur! Die vollbeladene Schubkarre schiebe ich über jahrhundertealte Pflastersteine zum Misthaufen, wo Hühner und Hähne scharren, gackern und krähen und sich gewaltig freuen, wenn ich mit einer neuen Fuhre ankomme. Sie staksen mir entgegen, manche so gierig, dass sie fast unter der Ladung Mist begraben werden, die ich mit Schwung auf den dampfenden Haufen kippe.

Und immer wieder stehen wir mit weit ausgebreiteten Armen im Nieselregen, warm und wasserdicht eingepackt, um die Pferde als beweglicher Zaun vom Stall auf die Weide oder zurück zu leiten.

Der Farmer schlurft wie ein rastloses Gespenst über den Hof. Er schreit herum, wirkt verwirrt.

Am zweiten Tag dann das Malheur: Ich stehe da und strahle vermeintliche Autorität aus. Da kommen zehn Jungpferde direkt auf mich zu, ich denke: „Huch, die sind ganz schön groß“ und sie traben – an mir vorbei. Wir jagen ihnen nach. Hin und her. Die Pferde haben Spaß. Sie sind fürs Laufen geschaffen. Wir nicht. Endlich grasen sie friedlich auf der Wiese vor dem benachbarten Hotel. Eine nicht abgegrenzte Straße führt daran vorbei – gefährlich für die Tiere.

Wir müssen etwas unternehmen. Ich nähere mich der Leitstute und mache beruhigende Geräusche: „Hoo, Hoo!“ Sie bleibt stehen und guckt erwartungsvoll. Zack, Strick um den Hals, geschafft. Alle anderen laufen ihr nach. Als wir zurückkommen, bin ich stolz wie Bolle – eine ganze Herde mit Hilfe des Leittiers zurückgeführt und vor den Autos gerettet. Michael hingegen freut sich gar nicht, sondern weint vorwurfsvoll.

Arbeit + Vergnügen = Wwoofen

Eine Öko-Bewegung aus dem England der 70er Jahre hat sich zu einem weltumspannenden Netz entwickelt. Ihr Name ist Programm: „Wwoof“, das steht für „World wide opportunities on organic farms“ – weltweite Möglichkeiten auf Biobauernhöfen. Wer will, kann eine Zeit lang auf einer Öko-Farm arbeiten. Für ein paar Stunden am Tag gibt‘s freie Kost und Logis – und einiges über nachhaltige Landwirtschaft zu lernen.

So geht's:

Um als Helfer teilzunehmen, zahlt man der „Wwoof“-Organisation in dem Land, in dem man „wwoofen“ möchte, einen Mitgliedsbeitrag und bekommt dafür die Kontaktdaten der Farmen. Darin stehen die Details: Wo und wie groß ist der Bauernhof, liegt der Schwerpunkt auf Ackerbau oder Viehzucht, was und wie viele Stunden müssen Helfer täglich arbeiten, wo werden sie untergebracht, wie lange sollten sie mindestens bleiben, wie lange höchstens – die Aufenthaltsdauer kann sich von einem Wochenende bis zu einem Jahr erstrecken. Interessierte rufen an an oder schicken eine E-Mail und klären alles Weitere persönlich.

Die Pferde sind gut in Form, aber Michael, der Farmer, ist es nicht. Er schlurft wie ein rastloses Gespenst über seinen Hof. Die Farm hat er von seinem Vater geerbt, der früher viel Geld mit der Zucht von Araberpferden verdient hat. Michael hingegen hat schon lange kein Pferd mehr verkauft, die Farm ist am Ende, seit Jahren schon. Die Tiere fressen ihm seine weißen Haare vom Kopf. Nur durch „Wwoofer“ wie uns hält er den Betrieb am Laufen. Leider scheint er uns nicht für freiwillige Helfer zu halten, sondern für billige Tagelöhner, die keine Ahnung von Pferden haben und die er durchfüttern muss. Wichtig ist den Initiatoren von „Wwoof“ der gegenseitige Austausch: Die Helfer sollen auch etwas lernen und nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden.

Für den Farmer sind „Wwoofer“ billige Tagelöhner

Doch nicht alle halten sich an die Regeln – so wie Michael. Wir arbeiten neun Stunden am Tag statt wie vereinbart fünf. Michael schreit herum, wirkt verwirrt. Kommt er während der Teepause in die Küche, brummelt er: „Oh, you‘re having a cup of tea, well done, well done. Had a shower? Well done!“

Dann nascht er ein Stück Toast mit Marmelade und stößt einen Seufzer der Behaglichkeit aus, als sei alles voll ok. Er tut mir ein bisschen leid. Guillaume, der junge Franzose, hasst ihn, ihm tun die Pferde leid, die ohne uns nicht genug Futter bekämen und in ihrem eigenen Dreck stehen müssten. Er ist deshalb schon seit zwei Monaten hier, obwohl er nur zwei Wochen bleiben wollte.

In der letzten Nacht schließen wir die Tür wieder ab.
Und stellen die gepackten Rucksäcke davor.

Am letzten Tag, bei einer heimlichen Zigarette – wir sollen ja arbeiten – verrät er mir, dass Michael sich für die Reinkarnation des letzten russischen Zaren halte. Mike hingegen, der andere Hausgeist, der entweder nur einen Bademantel trägt oder einen perfekt sitzenden Anzug mit Krawatte, sei der wiedergeborene Rasputin, ein Wanderprediger, der zur selben Zeit am Zarenhof lebte. Im Kaminzimmer hänge ein Bild der Zarenfamilie, in dem das Gesicht des Zaren mit dem von Michael übermalt sei.

Als wir nachgucken, überläuft mich ein Schauer: Es stimmt. Für die letzte Nacht schließen wir die Tür wieder ab. Und stellen die gepackten Rucksäcke davor. Ich bin sehr froh, als wir fahren. Zu viel Landleben ist nicht gesund. Vor allem für den Geist.

Tiere, die größer und stärker sind als er, sind Max suspekt. Trotzdem streichelt er inbrünstig alles, was ein Fell trägt und nicht schnell genug wegrennt. Bislang hat er überlebt.

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