Der lange Weg zur Null

Zehn Tage lang versucht Jan Bojaryn sich an „Zero Waste“ – und produziert mit Frau und zwei Kindern keinen Müll. Fast keinen.

  1. Autor/Fotograf: Jan Bojaryn

Kurze Denkpause, krause Stirn, dann die Frage: „Aber das geht doch ni, oder?“ An den Mix aus Be- und Verwunderung, den eine Freundin mir in schönstem Sächsisch vorsäuselt, habe ich mich gewöhnt. So reagieren alle. Leben, ganz ohne Müll zu produzieren: das klingt sinnvoll. Aber unmöglich. Nicht einmal die Gallionsfigur der Zero-Waste-Bewegung Bea Johnson schafft das. Nur fast. Der Jahresmüll ihrer Familie passt in ein Einmachglas. Komme ich da ran?

Klingt sinnvoll – aber unmöglich

Nicht nur Freunde und Familie sind skeptisch. Auch zwei Zero-Waste-Verfechter reagieren eher genervt. Ein zeitlich begrenzter Selbstversuch? Kann nicht klappen! Wer ohne Müll leben wolle, der müsse sich dauerhaft und ernsthaft umstellen, so der Tenor.

Strahlend nimmt dagegen Berit Heller vom „Lose“ in der Dresdner Neustadt meine Idee auf. Sie verkauft Produkte ohne Verpackung und ist ein wichtiges Standbein meiner Versuchswoche. Aber auch Berit relativiert. „Alles, was man spart, ist gut“, sagt sie. Ich höre zwischen den Zeilen: Die Null erreichst du nicht.

Jede und jeder muss selbst bestimmen, welche Kompromisse beim müllfreien Leben erlaubt sind. Bea Johnson gönnt sich echtes Klopapier; das tue ich auch. Aber ich will nichts Verpacktes kaufen. Nur Papier und Pappe sind erlaubt, wenn es nicht anders geht.

Zero Waste

Jede und jeder muss selbst bestimmen, welche Kompromisse beim müllfreien Leben erlaubt sind. Bea Johnson gönnt sich echtes Klopapier; das tue ich auch. Aber ich will nichts Verpacktes kaufen. Nur Papier und Pappe sind erlaubt, wenn es nicht anders geht.

„Zero Waste Home“

In ihrem ideenreichen, etwas langatmigen Buch erklärt Johnson ihre Strategie mit 5 Rs: Refuse, Reduce, Reuse, Recycle, Rot. Sie will also Verpackungen und Wegwerfartikel bei jeder Gelegenheit ablehnen, ihr Konsumverhalten hinterfragen und nur das Nötige kaufen, alles Vorhandene möglichst lange verwenden, die Reste richtig in den Wertstoffkreislauf abgeben und den organischen Rest kompostieren. Mein Exemplar des Buches fällt unter „Reuse“: Ich habe es nach dem Lesen verschenkt.

So spare ich Müll

  • Beutel, Gläser und Dosen bereit legen, immer zum Einkauf mitnehmen

  • Wochenmärkte in der Gegend fest einplanen

  • Supermärkte meiden – kleine Läden um die Ecke und auf dem Arbeitsweg merken

  • Leere Verpackungen aufheben und als Behälter benutzen

  • Tagsüber Stoffwindeln für das Baby

Mindestens eine Woche lang will ich versuchen, keinen Müll zu produzieren. Und meine Familie versucht das auch. Ich habe zwei kleine Töchter. Die Ältere geht in den Kindergarten. Ich kann sie für unser Projekt begeistern, aber sie begeistert sich auch für Gummibärchen in kleinen Plastiktütchen. Die Jüngere produziert noch keinen Müll – bis auf den prall gefüllten Windelsack. Meine unerschrockene Frau ist an Bord. Wir teilen uns den Haushalt, in dieser Woche genauso wie sonst auch.

Auf einer Schiefertafel steht eine Einkaufsliste
Einkaufsliste ohne Papier. Ob es alles auch ohne Müll geben wird?

Wer auf Dauer keinen Müll produzieren will, sollte haltbare, recycelbare Materialien bevorzugen. Ich habe in meinem Küchenschrank ein ganzes Fach voller Dosen und Schüsseln, vieles davon aus Kunststoff. Sollte ich mir ein hübsches Set Einmachgläser und Metalldosen zur Vorbereitung holen? Zero Waste heißt auch Konsumverzicht. Also benutze ich, was ich schon habe.

Mein erster Einkaufstrip beginnt ungewohnt: Statt meinen leeren Stoffbeutel zu schultern, stopfe ich Dosen, Gläser und Taschen in meinen Rucksack. Ich brauche Obst, Gemüse, Milch, Brot, Müsli, etwas Brotbelag. Wie schwer kann das schon sein? Ich schaue auf Verdacht unterwegs im Supermarkt vorbei. Hätte ich mir sparen können.

Natürlich sind die Bio-Gurken sorgsam eingeschweißt, natürlich gibt es keine Milch in Pfandflaschen. Immerhin Honig im Glas. Die nächste böse Überraschung erlebe ich eine Ecke weiter im Bio-Laden. Auch hier steckt der Feldsalat in einer Plastikschale und in Folie – ich lasse ihn liegen. In den Ladenregalen thronen aufwändige Verpackungen. Zwar sehe ich hier mehr Pappe als Plastik. Aber auch Papier will ich sparen, wo es geht. Ich kaufe nichts, nur Milch in der Mehrweg-Glasflasche.

So mache ich mich auf den Weg in die vielen kleinen Lebensmittelläden meines Stadtteils. Hier gibt es Metzger, Käse- und Gewürzlädchen. Und siehe da: Im Sortiment des Gemüsehändlers finde ich unverpackten Salat.

Ein kleiner Lebensmitteleinkauf ohne Plastikverpackungen liegt auf einem Tisch.
Lebensmittel ohne Plastikhülle: Juhu, es geht!

Bei der Bäckerin stehe ich vor meiner ersten Konfrontation: Ich werde in der kommenden Woche immer wieder fragen müssen, ob’s auch ohne Verpackung geht. Das ist eine Überwindung. Ich nerve gestresste Verkäufer nicht gern mit Sonderwünschen. Aber die Bäckerin stopft mir den Brotlaib freundlich lächelnd in den Jutebeutel, als würde das hier jeder Dritte so wünschen. Vielleicht ist das auch so, denke ich auf dem Heimweg. Ich wohne in einem linksalternativen Stadtteil. Wenn Zero Waste möglich ist, dann hier.

Und so geht der erste Einkauf erfolgreich über die Bühne. Aber ein Blick auf die Uhr zeigt mir: Ich war über eine Stunde unterwegs, habe vier Läden abgeklappert. Den Einkauf hätte ich sonst in einer Viertelstunde erledigt. Der Preisvergleich fällt dagegen schwerer.

Ich habe sparsamer eingekauft als sonst, aber die Waren sind teurer. Mein erster Eindruck insgesamt: Zero Waste bedeutet mehr Planung beim Einkauf, lädt aber auch zu einem bewussteren Konsum ein. Ob es wirklich mehr Zeit und Geld kostet, muss die Woche noch zeigen.

Ein großes Problem erwartet mich in meinem Büro. Der neue Computer ist da. Eigentlich eine gute Nachricht, mein altes Arbeitsgerät steht kurz vor dem Kollaps. Was ich aber nicht brauche, ist ein halber Umzugskarton, gefüllt mit Kunststoffpolstern und Plastikfolien. Den alten Computer kann ich verschenken, wenn ich ihn noch einmal startklar mache. Aber das Verpackungsmaterial? Daran hätte ich denken müssen, bevor ich den PC vor ein paar Wochen bestellt habe. Ich lasse den Müllhaufen neben der Garderobe stehen.

Viele Gläser mit Gewürzen stehen in einem Regal.
Lauter Gewürze in Gläsern – Jan ist im unverpackten Himmel.

Am nächsten Tag besuche ich mit meiner großen Tochter den Lose-Laden. Sie liebt es: Hier kann sie Süßigkeiten mit einer kleinen Metallzange aus Gläsern fischen. Konzentriert wählt sie Weingummis in ihren Lieblingsfarben aus. Auch die geräumige Müsli-Abteilung mit Cornflakes in hohen Glaszylindern kommt gut an. Dass ich einzelne Klopapierrollen kaufe, gefällt ihr dagegen nicht. Auf das eng gewickelte Papier sind keine Bilder geprägt. Das bleibt aber der einzige Kritikpunkt.

Der Supermarkt ist eine Galerie des Mülls von morgen.

Auch ich mag den Laden. Ich habe freien Blick auf die eigentlichen Waren – viel sinnlicher als im Supermarkt. Das Gefühl kenne ich sonst nur vom Wochenmarkt. Und ich finde hier etwas, das ich sonst nirgendwo finde: Butter, handgerollt, unverpackt. Im Laden ist immer was los. Berit erzählt, sie sitze seit anderthalb Jahren hier, die Kunden würden beständig mehr. Nicht nur hippe Neustädter, auch Senioren freuen sich über die Wiederentdeckung des Einkaufens ohne sinnlose Umverpackungen.

Der Wochenmarkt entpuppt sich als wirklich wichtig. Hier geht das Einkaufen sogar noch schneller als im Supermarkt.

Beim Einkaufen bekomme ich das Gefühl, Zero Waste sei erreichbar. Aber im Leben dazwischen lauern die Rückschläge. Etwa beim Altpapier: Mein Büro ist zwar papierfrei, ich habe keinen Drucker. In meinem Briefkasten landet auch keine Werbung. Aber was mache ich mit den Pressemustern, die ich als Journalist ungefragt in aufwändig verschnürten Paketen bekomme? Alle abzubestellen ist keine Option, denn ich schreibe über genau diese Bücher oder Videospiele.

Und wie soll ich Kassenbons in kleinen Läden ausweichen? Ich kann sie ablehnen – aber gedruckt werden sie sowieso.

Der Grillabend am Wochenende stellt mich vor neue Probleme. Die Metzgerin packt die Würstchen unbeanstandet in meine Dose. Aber zum Abwiegen legt sie der Hygiene wegen ihr Wachspapier auf die Waage, dann wickelt sie es um die Waren. Ob ich ihr nächstes Mal einen Ersatz für das Wachspapier mitbringen dürfe? Sie schüttelt grinsend den Kopf. Fleisch kaufe ich recht selten, aber ich finde in meiner Woche niemanden, der es mir ganz ohne Müll anbietet. Auch Kräuterbutter finde ich nicht ohne Verpackung. Die kann ich immerhin selber machen. Aber unverpackte Maiskolben?

Nach einer Stunde gebe ich meine Suche auf. Resigniert sitze ich am Abend da und schaue meinen Freunden zu, wie sie ihr Grillgemüse in Alufolie auf meinen Rost legen. Beim Essen höre ich dann wieder dieselben Sprüche: Zero Waste klingt spannend. Aber unmöglich! Dann werfen meine Gäste die zerknüllte Folie in die gelbe Tonne im Hof.

Ein Baby mit Stoffwindel liegt auf einem Wickeltisch.
Die Stoffwindeln sind überraschend auslaufsicher.

Unverhoffte Fortschritte machen meine Frau und ich mit Stoffwindeln. Die hatte ich schon bei meiner größeren Tochter ausprobiert und abgeschrieben: Die Modelle saßen entweder am Bein zu locker oder hinterließen rote Druckstellen. Bei meiner Kleinen klappt es auf Anhieb besser. Die Windeln müssen ungefähr doppelt so oft gewechselt werden, weswegen wir nachts bei Wegwerfwindeln bleiben. Aber tagsüber nutzen wir die wuchtigen bunten Buchsen – ohne Zwischenfälle.

Der Wochenmarkt entpuppt sich als wirklich wichtig. Hier geht das Einkaufen sogar noch schneller als im Supermarkt. Es gibt Obst, Gemüse, Käse, Brot, Fleisch und Fisch in großer Auswahl. Ich merke, wie sehr ich das in den letzten Tagen vermisst habe – höchstens die üppige Müsli-Abteilung im Lose-Laden kann sich mit den Regalmetern eines Supermarktes messen. Vor Begeisterung vergesse ich die längst antrainierte Frage, ob ich den Käse ohne Verpackung haben kann. Da wird er mir schon in einem Papierbeutel entgegen gestreckt.

Und der Barista im Kaffeewagen reagiert demonstrativ genervt, als ich ihm meinen Thermobecher reiche. „Der ist aber zu hoch.“ Glücklicherweise gelingt es, den Becher schräg unter seine Maschine zu halten. Alles ist gut. Bis auf den Käse.

Jemand quetscht einen Putzlappen über einem Eimer aus.
Putzen mit selbstgemachter Lösung. Kein Problem.

Der Müllverzicht greift tief in meinen Alltag ein. Aber ich wittere auch Probleme, wo keine sind. Ein Ausflug mit Kindern? Der Proviant kommt überraschend gut an. Paprikastücke im Glas und Butterbrot in der Dose ersetzen die Pommes, ohne dass Protest laut wird. Putzen? Mit dem Lose-Laden im Rücken könnte das nicht einfacher sein. Bad-, Glas- und Kloreiniger fülle ich ab. Auch kompostierbare Lappen und Schwämmchen kann ich hier kaufen. Beim Putzen macht das am Ende kaum einen Unterschied; ich vermisse angesichts meiner roten, verschrumpelten Finger höchstens die Gummihandschuhe.

Den größten Aha-Effekt erlebe ich am Ende der Woche. Der Restmülleimer ist nicht leer geblieben – aber fast! Und die Verpackungstonne ist tatsächlich leer. Allein das Altpapier stapelt sich wie eh und je. Mit diesem Rückenwind schiebe ich einen achten Tag ein.

Der Damm bricht an Tag neun, als ich gestresst mit meiner Tochter in den Supermarkt gehe: Sie will ihren Lieblingspudding in der extra unsinnigen Zwei-Kammer-Plastikschachtel. Ich gebe nach und ärgere mich. Und ich merke, dass sich mein Blick geändert hat. Der Supermarkt ist eine Galerie des Mülls von morgen.

Ganz verkneifen werde ich mir das Einkaufen hier nicht. Dass Zero Waste Zeit sparen soll, wie Bea Johnson behauptet, kann ich nämlich nicht behaupten. Der bewusste, maßvolle Konsum schafft Lebensqualität. Aber ich muss mehr planen, weitere Wege zurücklegen, mich öfter nach Alternativen umschauen. Ganz ohne Müll werde ich in Zukunft nicht leben. Aber mit weniger. Der Weg zur Null ist weit. Aber jeder Schritt bringt uns weiter.

Jan Bojaryn
Jan Bojaryn schreibt am liebsten über das Wesentliche: über Videospiele. In seiner Freizeit geht er mit seinen zwei Töchtern an die frische Luft. Früher hat ihn seine Mutter auf Demos gegen Umweltverschmutzung mitgenommen, heute kauft er saisonales Gemüse auf dem Wochenmarkt und grübelt in der Schlange über die Zukunft nach. Mehr ...

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