Altes Denim mit neuem Design

Conny und Lotte vom Label „Bridge & Tunnel“ machen aus alten Denim-Stoffen neue, schicke Unikate – und sie beschäftigen sie Menschen, die sonst kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten. Warum sie das tun, erzählt Conny im Interview.

  1. Interview: Jessica Könnecke
  2. Fotos: Bridge&Tunnel, femtastics, Andrea Heinsohn

Wenn ich bei euch etwas kaufe, kann ich ganz genau nachvollziehen, wie sich der Preis zusammensetzt. Das ist ziemlich spannend, aber auch sehr entlarvend. Warum macht ihr das?

Die Fashion-Industrie, aber auch wir Kunden sind mittlerweile völlig preisversaut. Anders kann man es doch nicht erklären, dass Leute sich freuen, wenn sie ein Shirt für 5 Euro ergattern. Ich freue mich auch mal über Schnäppchen von Lieblingslabels, keine Frage, aber ich finde, dass kaum jemand textile Produktion noch richtig wertschätzt. Mit unserem transparenten Pricing möchten wir dagegen ein Zeichen setzen.

Auf unserer Website steht deshalb bei jedem Produkt genau, wie viel des Endpreises in welchen Fertigungsschritt fließt. Deutlich wird dabei auch, dass ein Großteil beim Team verbleibt, während wir in Marketing und Co kaum Budget investieren.

Bridge and tunnel Gründerinnen Hanna Charlotte Erhorn (Lotte) und Constanze Klotz (Conny), Foto: Andrea Heinsohn Photography / Wardrobestories
Hanna Charlotte „Lotte“ Erhorn (links) und Constanze „Conny“ Klotz kennen sich aus Studienzeiten. Bei „Bridge & Tunnel“ ist Lotte die Expertin für Design und Produktion, Conny befasst sich mit Kommunikation, Fundraising und Kooperationen.

Bei euch bekommen Geflüchtete und Langzeitarbeitslose wieder eine berufliche Perspektive.

Genau. Und wir merken jeden Tag aufs Neue, was es für die Frauen und Männer in unserem Team bedeutet, endlich einen eigenen Job zu haben und etwas zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizusteuern. Denn wer arbeitet, lernt Menschen kennen. Und wer arbeitet, fühlt sich gebraucht. Die Wertschätzung, die unsere Mitarbeiter bekommen, erfahren viele von ihnen das erste Mal in ihrem Leben. Das bewegt uns.

„Wer arbeitet, lernt Menschen kennen. Und wer arbeitet, fühlt sich gebraucht.“

Eure Unternehmensphilosophie basiert auf einem „Social Design“. Wie ist das gemeint?

Uns gefällt der Begriff deshalb, weil er das „Mehr“, das unserem Design zugrunde und uns sehr am Herzen liegt, so toll auf den Punkt bringt. In dem Moment, wo Kunden einen Rucksack oder einen Sweater von Bridge&Tunnel erwerben, erhalten sie mehr als nur das Designpiece. Mit jedem Kauf tragen sie dazu bei, dass der soziale Anspruch unseres Unternehmens Wirklichkeit wird.

Wir haben uns ja bewusst dafür entschieden, eine eigene Produktion inmitten Hamburgs aufzubauen, und zwar mit gesellschaftlich benachteiligten Menschen, die es sonst schwer haben in Arbeit zu kommen, die aber handwerklich sehr geschickt sind. Diese Menschen stehen für die soziale Seite unseres Designlabels, denn sie fertigen alle Produkte in unserer Werkstatt. Wir machen also nicht Design um des Designs willens, sondern weil wir etwas verändern wollen in dieser Gesellschaft. Social Design!

Hat man es als soziales Unternehmen nicht schwieriger auf dem Markt?

Wir träumen von einem Designlabel, das unsere Freude an schönen Dingen mit einer Fairness zusammenbringt, die Design nicht nur gut aussehen, sondern auch gut anfühlen lässt.

Wenn man ein Sozialunternehmen gründet, ist das eigentlich so, also würde man zwei Unternehmen auf einmal führen. Denn einerseits möchte man gesellschaftlich wirken, andererseits ist man aber den gleichen Marktherausforderungen ausgesetzt wie rein wirtschaftlich agierende Unternehmen. Leider sind das nur oft zwei völlig verschiedene Welten. Deshalb glaube ich, dass es nochmal deutlich schwieriger ist, als Sozialunternehmen am Markt zu bestehen.

Was heißt das konkret?

Es bedeutet, dass wir nicht mit den Preisen von konventionellen Fast-Fashion-Labels mithalten können, die billig in Fernost produzieren lassen, während wir faire, tarifliche Löhne an unser Team zahlen. Viele Kunden kaufen aber immer noch nach Preis – und natürlich muss das Fashion-Piece gefallen. Wir versuchen deshalb bei Letzterem zu punkten. Denn erst, wenn unsere Produkte vom Style gefallen, sind Kunden bereit, sich auch über unsere besondere Fertigung Gedanken zu machen und im besten Fall den höheren Preis zu bezahlen, den unser Social-Design nach sich zieht.

Wie kann man sich einen typischen Arbeitstag bei euch in der Werkstatt vorstellen, wenn so unterschiedliche Kulturen und Menschen zusammenarbeiten?

Unser Arbeitsalltag ist alles andere als alltäglich. (grinst) Unser Produktionsteam ist mittlerweile sehr gut eingespielt und verbringt den Großteil seiner Zeit an der Nähmaschine, daneben tauschen sich alle auch viel aus und üben dadurch Deutsch. Die verschiedenen Lebenshintergründe empfinden wir als bereichernd, da geht der Gesprächsstoff nie aus.

Es passiert auch relativ häufig, dass wir bei privaten Belangen unseres Teams aushelfen, etwa wenn jemand eine neue Wohnung sucht oder die Behördenpost nicht versteht. Das schweißt zusammen. Am spannendsten ist es aber, wenn ein gemeinsames Fest ansteht. Dann bringen alle Gerichte aus ihrer Heimat mit, das ist eine Gaumenfreude!

Bridge and tunnel Gründerinnen Hanna Charlotte Erhorn (Lotte) und Constanze Klotz (Conny), Foto: femtastics

Ihr stellt eure Produkte ja aus Denim-Stoffen her. Warum habt ihr euch dazu entschlossen, mit diesem Material zu arbeiten?

Uns liegt ein sorgsamer Umgang mit vorhandenen Ressourcen sehr am Herzen. Daher fertigen wir ausschließlich mit sogenanntem Post-Consumer-Waste – also Material, das schon einmal ein Leben hatte – und Pre-Consumer-Waste – Verschnittreste und Überschüsse von der Produktion anderer.

Unser erstes Material ist Denim – und auch nach 1,5 Jahren lieben wir es noch immer sehr! Nicht nur weil die Ressourcen schier endlos sind. Wir sind immer wieder aufs Neue von der Vielfalt der Blautöne begeistert, die sich immer anders miteinander kombinieren lassen. Während Denim in der Herstellung sehr schädlich ist, ist das Material gleichzeitig robust und langlebig – da lohnt es sich besonders, es nochmal zu verwenden.

Seit einer Weile bieten wir auch die Option an, eigene alte Jeans einzuschicken, aus denen wir einen individualisierten Rucksack oder Weekender fertigen. Da bekommt die abgelegte Lieblingshose über unsere Technik des Upcyclings ein zweites Leben und man hat noch länger Spaß daran!

Ich habe auf eurer Webseite gesehen, dass ihr gerade an einem neuen Projekt arbeitet: Upcycling von ausgedienten Schulvorhängen.

Die Schulvorhänge sind toll, allerdings ist hier das Material limitiert. Es stammt aus einer Hamburger Schule, wo die Vorhänge sage und schreibe 40 Jahre lang eine Aula beglückt haben. Es hat einen Canvas-artigen Look. Jetzt machen wir daraus Rucksäcke – für alle, die nicht so auf Denim stehen, wir wir es tun.

Alle Produkte von Bridge & Tunnel gibt es im Onlineshop und in einigen Läden, die ihr hier nachlesen könnt. Außerdem findet ihr nicht ganz perfekte Produkte im Outlet-Shop „Mit Ecken und Kanten“.

Jessica Könnecke
Jessi ist ein Tausendsassa: Bloggerin, Marketing-Profi, Journalistin und Unternehmerin. Zuletzt hat sie ihren eigenen Online-Pup-up-Shop „Mit Ecken und Kanten“ veröffentlicht – und verkauft hier nur nachhaltige Produkte mit kleinen Fehlern, die sonst nicht mehr auf dem Markt gelandet wären. Mehr ...

Diese Themen
in der aktuellen
Ausgabe lesen: