Auf die Tiegel, fertig, los!

Ö schickt Autoren auf die Suche nach ökologischen Lösungen für globale Probleme. Diesmal pflegt Rike Uhlenkamp sich ausschließlich mit Naturkosmetik – aus eigener Herstellung.

  1. Autorin/Fotos: Rike Uhlenkamp

Alles ist startklar: Die kleine Schüssel steht neben mir auf dem Badewannenrand, warmes Wasser fließt aus dem Duschkopf. Doch ich kann mich nicht überwinden. Mit dieser hellbraunen Matsche soll ich mir tatsächlich die Haare waschen? Ich zweifle, mein Blick wandert zu meiner alten Shampooflasche. Dann gebe ich mir einen Ruck, schmiere die erste Hand voller Roggenmehl-Wasser-Gemisch in meine Haare und starte damit meinen Selbstversuch.

Zehn Tage mit „No-Poo“

Zehn Tage lang will ich auf alle gekauften Kosmetika verzichten und mir stattdessen meine kompletten Pflege- und Kosmetikprodukte wie Duschgel, Zahnpasta, Make-up und Mascara selbst anrühren – aus möglichst natürlichen Zutaten. Der Mehl-Schlamm erfüllt diese Voraussetzung. Drei Esslöffel Bio-Roggenmehl mit lauwarmem Wasser vermengen, einige Stunden stehen lassen – fertig ist das „No-Poo“ Haarwaschmittel. Das Internet quillt über mit Berichten begeisterter Nutzerinnen. Das Haar sei nach einigen Wochen der Umgewöhnung gesünder, glänze mehr und fette weniger. Zumindest von der Anwendung bin auch ich positiv überrascht: Das Mehl-Gel lässt sich besser verteilen als gedacht und die Angst, dass ich es nie wieder aus den Haaren bekomme, ist unbegründet. Es fehlt nur der gewohnte Schaum und der frische Geruch. Jahrelang an ihn gewöhnt, glaube ich nun: Ohne sind die Haare nicht wirklich sauber.

Abhilfe schafft der leicht süßliche Duft meines Natur-Lockenschaums, das wohl wichtigste Kosmetikprodukt in meinem Leben. Ich schütte mir eine große Schüssel Honig-Wasser über die gebürsteten, nassen Haare und knete drauflos. Zu meiner Überraschung sind die getrockneten Locken griffig und definiert. Ganz ohne die Chemie konventioneller Schaumfestiger.

Ein Blick auf die Inhaltsstoffe der Produkte im eigenen Badezimmerschrank macht klar: Auch in Cremes, Make-up, Mascara und Co. verstecken sich oft Chemikalien. Und deren Ruf könnte wahrlich besser sein. Silikone und Paraffine lassen Haut und Haare zwar geschmeidig erscheinen, sie verstopfen aber die Poren und behindern die natürliche Hautregeneration.

Künstliche Konservierungsstoffe verlängern die Haltbarkeit von Pflegeprodukten, können jedoch Allergien auslösen. Tierversuche haben gezeigt, dass einige von ihnen außerdem negative hormonelle Wirkung, wie eine eingeschränkte Fortpflanzungsfähigkeit, haben. Ist Kosmetik – die uns verwöhnen, uns pflegen, uns gut tun soll - in Wirklichkeit ungesund und gefährlich?

Die Küche als Kosmetik-Labor – viele Zutaten sind sogar essbar.
Die Küche als Kosmetik-Labor – viele Zutaten sind sogar essbar.
Zimt und Kakao sind gut für den Teint: Hier wird Make-up gemixt.
Zimt und Kakao sind gut für den Teint: Hier wird Make-up gemixt.

Mein Selbsttest beginnt mit Verzicht

Während sich Hersteller, Verbraucherschützer und andere Experten über die tatsächlichen Gefahren der chemischen Inhaltsstoffe streiten, möchte ich sie komplett aus meiner DIY-Kosmetik verbannen. Von mir ausgesuchte, natürliche Zutaten, statt Chemiecocktail für Gesicht, Haar und Körper – das ist der eine Grund für meinen Selbst-Rühr-Versuch. Die Unmengen Plastikmüll, die bei den gekauften Kosmetika anfallen, der andere.

Doch bevor ich mich über Töpfe und Tiegel beuge, stromere ich stundenlang durch Buchhandlungen und Bibliotheken, blättere in Zeitschriften, besuche Blogs, rede mit Freundinnen. Das Ergebnis: 16 Rezepte und ein drei Seiten langer Einkaufszettel. Ohne ihn wäre ich im Angebot des Biomarkts, in der Apotheke und zwischen den Regalen des Reformhauses verloren. Birkenzucker für die Zahnpasta, Kakaopulver und Kardamom für Make-up und Lidschatten, Sheabutter, Jojoba-Wachs und ätherische Öle – nach und nach füllt sich mein Rucksack. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis, dass Plastik, Karton und Folie leider auch zu diesem Einkauf gehören. Das verpackungsfreie Sortiment im Lädchen „Twelve Monkeys“ in St. Pauli ist für meine Zwecke zu klein. Lediglich die Kräuter für meine Haarspülung kann ich mir im Reformhaus um die Ecke in Gläser abfüllen. Noch etwas fällt auf: Sich mit einer Grundausrüstung an Ölen, Fetten, Pulvern und Wachsen einzudecken, ist teuer. Am Ende meines Experiments werde ich fast 300 Euro ausgegeben haben.

Das Naturkosmetik-Shopping kostet Zeit, nicht alle Zutaten bekomme ich auf Anhieb, muss sie bestellen. Wollte ich an Tag eins meines Versuchs eigentlich immerhin die Kosmetik-Basics wie Tagescreme und Deo herstellen, schaffe ich abends nur noch das Zahnpulver aus Ingwer und Birkenzucker, dessen Rezept ich im Buch „Biokosmetik“ der Naturpädagogin Gabriela Nedoma finde. Mein Selbsttest beginnt mit Verzicht.

Am Mittag des zweiten Tages stehe ich endlich in der Küche. Eine Freundin ist vorbeigekommen. Zusammen zerkleinern, wiegen, schmelzen und mischen wir. Fehlte es dem Shampoo vom Vortag an Duft, riecht es in der Küche nun umso mehr. Ätherische Öle, Kakaobutter und Rosenwasser verbreiten ihre Aromen. Gespannt bin ich auf mein neues Deo von „The Glow“. Die ehemalige Journalistin Anita Bechloch hat, auf der Suche nach Alternativen zur industriell hergestellten Kosmetik, eigene Rezepte entwickelt und sie in einem Buch veröffentlicht. Auf der „The Glow“-Internetseite kann man die Zutaten einzeln oder als Sets bestellen. Mein Deo-Baukasten kommt – hübsch eingepackt in Jute – per Post. Der frische Limetten-Salbei-Geruch des Deos, das ohne die häufig kritisierten Aluminiumsalze auskommt, überzeugt mich. Auch die Rezepte für meine neue Body-Lotion und den Augen-Make-up-Entferner finde ich im Buch „The Glow“.

Zwischen Interviewterminen und Deadlines für Artikel vermenge ich in den nächsten Tagen immer wieder Fettiges mit Pulvrigem, zähle Öltropfen ab, quetsche frische Aloe-vera-Blätter aus, rasple Rote Beete und werfe den Mixer an. Zwar sind die einzelnen Rezepte meist unkompliziert, doch auf einen Schlag alle Produkte im Bad mit neuen zu ersetzen, ist aufwendig. Auch unsere Spülmaschine hat mit den vielen benutzten Schüsseln und Löffeln ordentlich zu tun.

Großeinkauf: 300 Euro investiert Rike in die Kosmetik-Bestandteile.
Großeinkauf: 300 Euro investiert Rike in die Kosmetik-Bestandteile.
Sie rührt und rührt und rührt: Rike beim Lippenpflege-Kochen.
Sie rührt und rührt und rührt: Rike beim Lippenpflege-Kochen.

Risiken und Nebenwirkungen für Finger und Küchenzeile

Da wäre es schon einfacher, zur Naturkosmetik zu greifen. Die Auswahl an grüner Pflege ist mittlerweile enorm. Neben alt bekannten Marken wie Dr. Hauschka tummeln sich Produkte zahlreicher Anbieter in den Regalen. Kein Wunder: Mit zweistelligen Zuwachszahlen und Umsätzen von über einer Milliarde Euro pro Jahr boomt der deutsche Naturkosmetikmarkt. Doch wo Natur drauf steht, ist nicht zwingend nur Natur drin. Naturkosmetik ist kein geschützter Begriff und den Überblick zwischen den vielen Siegeln zu behalten, nicht einfach. Künstliche Zusatzstoffe können sich auch in vermeintlich grünen Cremes und naturnahen Shampoos verbergen. Da kommt es auf die richtige Information und Beratung im Bioladen an.

Wer Öle, Pflanzenbutter und Kräuter selbst zusammenrührt, der weiß, was in den eigenen Beauty-Produkten steckt. „Für Menschen mit unkomplizierter Haut ist selbst hergestellte Kosmetik kein Problem“, versichert mir die Kosmetikerin meiner Mutter. Bei sehr unreiner, extrem trockener oder älterer Haut sei es ratsam, vorher eine Fachfrau draufschauen zu lassen. Bedenklich könnte am Selbst-Rühren lediglich sein, dass viele Menschen auch auf natürliche Inhaltsstoffe wie ätherische Öle allergisch reagieren: „Zu sagen: Ich nehme einfach ein paar Tropfen davon und davon, kann dann schon schiefgehen.“ Ich habe Glück und vertrage meine Produkte, doch auch bei mir klappt nicht alles sofort: Beim Umfüllen des heißen Mascara-Gemischs verbrenne ich mir die Finger und die Aktivkohle-Öl-Masse landet auf der Küchenzeile, statt im Wimperntuschenröhrchen.

„In den Kulturbeutel passen meine 2,5 Kilo schweren Kosmetika nicht.“

Hinzu kommt, dass man selbst gemachte Kosmetik möglichst schnell verbrauchen sollte, da in ihr die Konservierungsstoffe fehlen. Doch „The Glow“-Gründerin Bechloch rechnet vor, dass Produkte mit ätherischen Ölen, Wachsen und Pflanzenbutter bis zu einem Jahr halten. Mit Wasser, frischen Kräutern oder Früchten verkürzt sich die Haltbarkeit. Auch die Hygiene bei der Herstellung bestimmt, wie lange die Produkte genutzt werden können. Um sicherzustellen, dass nicht schon bei der Herstellung Keime in Cremes und Lotionen gelangen, desinfiziere ich meine Arbeitsfläche und Utensilien mit 70-prozentigem Alkohol.

Am Mittag des fünften Tages ist endlich das letzte Gefäß gefüllt. Gerade noch rechtzeitig. Mitten in meiner „Zehn-Tage-Challenge“ ist eine Wochenend-Reise mit Freunden geplant. Glücklicherweise haben wir uns für den Wanderurlaub im Harz und nicht für einen Städtetrip inklusive Flug entschieden. In den Glastiegeln, Fläschchen und Einmachgläsern sieht meine Pflegelinie zwar hübsch aus, doch in meinen Kulturbeutel passen die über 2,5 Kilogramm schweren Kosmetika nicht mehr.

Das sagt der Zahnarzt

Hilft Birkenzucker gegen Karies? Stefan Zimmer von der Universität Witten/Herdecke sagt: Nein. Dem Leiter des Lehrstuhls für Zahnerhaltung und Präventive Zahnmedizin fehlt in meinem selbst angerührten Ingwerzucker-Zahnpulver das Fluorid: „Allein der täglich, zweimalige Kontakt der Zähne mit Fluorid in Zahnpasten, die man hinterher wieder ausspuckt, kann Karies um mehr als 40 Prozent hemmen.“ Birkenzucker ist also beim Experten durchgefallen. Etwas positiver steht Zimmer dem Natron in meinem zweiten Zahnpasta-Rezept gegenüber. Ich müsste den Natron-Anteil allerdings erhöhen. In sehr hoher Konzentration (60-70 Prozent), könne es dann wirksam gegen Karies sein, eine positive Wirkung auf das Zahnfleisch haben und auch gegen Verfärbungen helfen.

Siegel für Naturkosmetik

Was zählt zur Naturkosmetik und was nicht? Für eine BDIH-Zertifizierung müssen Kosmetika ohne synthetische Duft- und Farbstoffe, Silikone, Paraffine und Rohstoffe von toten Wirbeltieren auskommen. Das NaTrue-Label unterscheidet je nach Anteil der Inhaltsstoffe aus kontrolliert biologischer Landwirtschaft noch zwischen „Naturkosmetik“, „Naturkosmetik mit Bio-Anteil“ und „Bio-Kosmetik“. Icada vergibt seine Zertifizierung nur an Firmen mit überzeugender Naturkosmetikphilosophie. 

Chemie-Nachhilfe

Ethylhexyl Methoxycinnamate, Cera Microcristallina – hinter diesen Wort-ungetümen verbergen sich chemische UV-Filter und Paraffinwachse. Nur, wer soll das wissen, bei den komplizierten Begriffen? Apps, wie Tox-Fox vom BUND und codecheck.info helfen auch Chemie-Laien zu verstehen, was wirklich in der Kosmetik steckt. Einfach Barcode scannen und schon weisen einen die Apps auf bedenkliche Stoffe hin.

Im Harz bekomme ich das schönste Kompliment meines Selbstversuchs: So toll wie jetzt hätten meine Locken noch nie ausgesehen! Auch der Friseur, der mir an Tag acht die Spitzen schneidet, ist begeistert, wie gut „No-Poo“, Kräuter-Spülung und Honig-Festiger meinen Haaren tun. Um wieder etwas Duft auf den Kopf zu bringen, schlägt er vor, Rosenwasser, Zitronensaft oder frische Minze unters Mehl zu rühren.

Auch am elften Tag nutze ich all meine Kosmetika weiter. Meiner Haut, den Haaren und Lippen gefällt sie, und als Bonus gibt es ein gutes grünes Gewissen. Zwar ist der Wechsel zu Beginn kostspielig. Aber einmal gekauft, reichen Pflanzenbutter, Heilerde und Öle häufig für mehrere Rezepte. Meine Lieblingsprodukte erneut anzurühren, in Büchern und Blogs nach neuen Ideen zu stöbern – das kann ich mir sehr gut vorstellen. Aber nicht alle Produkte werden einen festen Platz in meinem Badezimmerschrank bekommen – das Make-up ist mir zu deckend, die Duschmilch zu kurz haltbar und die Lippen sind zu farblos. Für den Alltag okay – aber für die nächste Party sollen sie bitte ganz unnatürlich feuerrot leuchten!

Ihre zehn Lieblings-Rezepte für DIY-Naturkosmetik verrät euch Rike übrigens hier.

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