Aus dem Sinn

So süß, das Kälbchen! Und so lecker, der Döner! Wenn wir Fleisch essen, verdrängen wir, dass dafür Tiere sterben müssen. Die Fleischindustrie macht sich dies zunutze – mit erheblichen Auswirkungen.

  1. Interview: Anke Helène
  2. Fotos: iStock
Sigrid Møyner Hohle ist Psychologin am Simula Research Laboratory in Oslo. Gemeinsam mit Jonas R. Kunst hat sie 2016 gezeigt: Wenn wir ein Fleischgericht mit dem Tier in Verbindung bringen können, sinkt unsere Lust, es zu essen.

Ö: Ich war überrascht, dass du und dein Kollege Jonas nicht vegan lebt – immerhin zeigt ihr, dass Menschen ihr Mitgefühl und ihren Ekel unterdrücken müssen, um überhaupt Fleisch essen zu können. Wie seid ihr auf die Idee zu der Studie gekommen?

Sigrid Møyner Hohle: Jonas und ich haben über das Fleisch-Paradoxon diskutiert: Die meisten Menschen lieben Tiere und möchten sie nicht verletzen – die meisten Menschen essen aber auch Tiere. Wie ist das überhaupt möglich? Klar ist: Wir müssen dissoziieren, um Fleisch essen zu können – wir verdrängen, dass es sich um ein Tier handelt. Und das wird uns leicht gemacht: Denn im Supermarkt erinnert kaum mehr etwas an das lebendige Tier, von dem das Fleisch stammt. Mit unserer Studie haben wir gezeigt, dass viele von uns die Dissoziation zur Strategie machen, um mit dem Fleisch-­Paradoxon klarzukommen.  

Viele Aktivisten und Philosophen haben schon über das Thema Dissoziation gesprochen, aber noch niemand hat es so experimentell bewiesen wie ihr. Eure Studie fand online statt, wie kann ich mir das vorstellen?

Insgesamt haben wir sechs Experimente mit 1226 Teilnehmern aus Norwegen und den USA gemacht. Wir haben den Gruppen unterschiedliche Bilder von Fleischgerichten gezeigt, manche mit und manche ohne das zugehörige Tier. Also etwa Lammkotelett-Werbung einmal mit und einmal ohne Lamm. Die Teilnehmer sollten angeben, wie viel Mitgefühl sie mit dem Tier haben, wie groß die Lust auf das Fleischgericht ist und ob sie eine vegetarische Alternative in Erwägung ziehen würden.

Zu süß zum Essen: In der Fleisch-Vermarktung sehen wir nur selten Tiere.

Wann war das Mitgefühl am größten?

In allen Versuchen hatten die Teilnehmer mehr Mitgefühl, je deutlicher zu erkennen war, dass das Gericht von einem Tier stammt. Wir haben etwa in zwei Versuchen Bilder von einem gegrillten Schwein gezeigt – es war dasselbe Bild, nur bei einem hatten wir mit Photoshop den Kopf entfernt. Die Gruppe, die das Bild mit Kopf sah, gab an, mehr Mitgefühl für das Tier zu haben. Sie empfand Ekel und wollte es weniger gerne essen. Sie hätte, wenn angeboten, sich eher für eine vegetarische Alternative entschieden als die Gruppe, die das gegrillte Schwein ohne Kopf sah.

Das kennen wir aus dem Supermarkt: Beim ordentlich zerkleinerten und abgepackten Fleisch denke ich zumindest nicht an die Kuh auf der Weide.

Das Dissoziieren wird uns leicht gemacht, ja. Und in der englischen Sprache gibt es außerdem viele Begriffe, die es uns noch einfacher machen, Fleisch zu essen. In den USA ist von „harvesting animals“ die Rede, also vom Ernten statt vom Schlachten der Tiere. Auch die Bezeichnung des Fleisches ist sehr abgegrenzt von dem Tier, von dem es stammt. So lange das Schwein lebt, ist es ein Schwein („pig“), aber wenn es tot ist, wird es zu „pork“.

Vergleichbar damit, dass wir Deutschen „Rindfleisch“ sagen, aber Rinder auf der Weide in aller Regel als Kühe bezeichnen. Wir nutzen die weibliche Form, gerade so als würden sie alle nur Milch geben und nicht geschlachtet.

Stimmt. Als wir die Tiere in unserem Experiment auf Speisekarten direkt benannt haben, hatten die Teilnehmer plötzlich viel mehr Mitgefühl mit ihnen, ekelten sich teilweise und wollten die Fleischgerichte weniger gerne essen.

Diese Hachse stammt von einem Lamm. Ohne Bild leicht zu vergessen.

Wenn wir Tiere selbst schlachten müssten, würden wir sie noch essen?

Man kann aus unserer Studie herauslesen, dass Menschen, die gesehen haben, wie das Tier geschlachtet wird, mehr darüber nachdenken, ob sie es tatsächlich essen wollen. Sie wären vielleicht auch besorgter darüber, wie es den Tieren geht und wie sie aufgezogen werden. Mein Eindruck ist, dass das für viele Verbraucher sowieso wichtiger geworden ist: Sie wollen wissen, woher ihr Fleisch stammt, besuchen Bauernhöfe und möchten sichergehen, dass das Tier, das sie essen, ein gutes Leben hatte.

Wenn man die Ergebnisse eurer Studie weiterdenkt, müssten Tierbilder auf Verpackungen dazu führen, dass wir weniger Fleisch kaufen.

Zumindest bei manchen Menschen könnte es diesen Effekt haben. Und es gibt Studien, die sich darum drehen, wie Fleisch beworben wird. Bei Produkten, für die Tiere nicht direkt umgebracht werden, wie Milch, werden Tiere sehr viel in der Werbung eingesetzt. Man sieht Kühe friedlich auf Wiesen grasen. Aber bei Fleischprodukten, wenn das Tier also tatsächlich geschlachtet wurde, ist das nicht üblich. Oft sind die Abbildungen dann nur abstrakte Zeichnungen. Manche Tiere lachen sogar. Als wären sie glücklich darüber, gegessen zu werden.

Raucher sollen mit Ekelbildern auf Zigarettenpackungen abgeschreckt werden. Würden Schlachthaus-Bilder auf Verpackungen auch Billigfleisch-Käufer abschrecken?

Ich denke, das könnte durchaus viele Verbraucher davon abhalten, Fleisch zu kaufen. Zumindest anfangs. Das Problem ist nur: Wer wäre interessiert daran, diese Bilder auf die Ver­packungen zu drucken? Fleischproduzenten bestimmt nicht.

„Wenn viele um
uns herum
Vegetarier werden,
fällt es uns leichter
mitzumachen.“

Warum hören wir Menschen nicht einfach auf Fleisch zu essen, statt das Wissen zu unterdrücken, dass es von einem Tier stammt?

Kein Fleisch mehr zu essen, ist für viele eine wirklich große Entscheidung. Essen ist so wichtig für uns, es ist Teil unserer Identität. Es ist wie mit dem Klimawandel: Wir wissen eine Sache – und machen trotzdem die andere. Wir sehen einfach die Folgen nicht gleich und müssten unsere Art zu leben komplett ändern. Da ist es einfacher, nicht darüber nachzudenken. Wer aber den ersten Schritt gemacht hat, merkt oft, dass es gar nicht so kompliziert ist. Wir sind auch sehr von unserer Umwelt und unseren Mitmenschen geprägt. Wenn viele um uns herum zu Vegetariern werden, fällt es uns leichter mitzumachen.

Die amerikanische Psychologin Melanie Joy spricht von Karnismus, dem „Glaubenssystem, das Menschen darauf konditioniert, bestimmte Tierarten zu essen“. Habt ihr euch mit der Frage, warum wir Hunde streicheln, aber Schweine essen, in eurer Studie beschäftigt?

Sie war eine große Inspiration für unsere Studie. Ich erinnere mich gut an den starken Beginn ihres Buches. Sie beschreibt dieses leckere Essen bei Freunden und als die Gäste fragen, was die Lasagne so besonders macht, sagt der Gast­geber, es sei das Golden-Retriever-­Fleisch. Schon beim Gedanken daran schüttelt es mich auch heute noch. Hätten wir in der Studie die Teilnehmer nach ihrer Meinung zu Hundefleisch gefragt, hätten sie vermutlich nicht mal ein Hundebild gebraucht, um zu entscheiden, dass sie es keinesfalls essen würden.

Anke Helène
Online-Journalistin, Bloggerin, vegane Familienmama. Schreibt privat und beruflich über Ernährung, Gesundheit und Nachhaltigkeit. Probiert die Welt jeden Tag ein Stück besser zu machen – sei es durch verpackungsfreies Einkaufen oder 20 km tägliches Lastenradfahren. Färbt sich auch mit 30 die Haare noch knallorange und verschiebt das Erwachsenwerden auf Morgen. Alltagseinblicke und was bei der veganen Familie auf den Teller kommt: Mehr ...

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