Was würde Bestäubung ohne Bienen kosten?

Bienen arbeiten für uns – das war lange Zeit selbstverständlich. Jetzt werden sie immer weniger, da stellt sich die Frage: Was ist ihre Arbeit wert?

  1. Autorin: Rebecca Sandbichler
  2. Illustration: Sharmila Banerjee

Sie können viel mehr als Brotaufstrich: Honigbienen, Hummeln und andere Wildbienen sind unersetzbar für unser Überleben. Biologen vermuten, dass etwa 150 unserer Nutzpflanzen in Europa und rund 80 Prozent der Wildpflanzen stark von Bestäubung durch Insekten abhängig sind. Sie tragen Pollen von Blüte zu Blüte und sorgen dafür, dass sich Früchte überhaupt bilden können oder zu genießbarer Größe heranwachsen.

Wirtschaftsforscher aus Montpellier bezifferten im Jahr 2009 den Wert der Nutzpflanzenbestäubung weltweit auf 153 Milliarden Euro. Die Berechnungsmethode ist offen zugänglich und so kann jedes Land in einer Tabelle für sich auflisten, welche bestäubungsabhängigen Nutzpflanzen mit welchem Volumen und zu welchen Marktpreisen geerntet werden. Danach entscheidet sich, wie stark eine Region auf Insekten angewiesen ist und welchen Schaden sie erleiden würde, sollten die Bienen einmal nicht mehr fliegen. Ghana zum Beispiel: Es profitiert stark von der Kakaoproduktion – eine Pflanze, die wiederum zu 90 Prozent von Insektenbestäubung abhängt. Mindestens 700 Millionen Euro würde Ghana pro Erntejahr ohne Bienenbestäubung verlieren.

Forscher, die Bienenflüge zählen,
und Bienen, die überland fahren

Eine experimentelle Herangehensweise wählte die renommierte Bienenforscherin Alexandra-Maria Klein von der Universität Freiburg: Sie untersuchte 23 kalifornische Mandelplantagen und zählte, wie oft einzelne Blüten von wilden Bestäubern angeflogen werden. Klingt kurios, ist aber entscheidend für den globalen Mandelmarkt, wenn man ihrer Doktorandin Yuki Henselek glaubt. „80 Prozent der weltweit verkauften Mandeln kommen von dort.“ Damit die Ernten sicher bleiben, werden Jahr für Jahr die Hälfte aller verfügbaren Honigbienen quer durch die Staaten auf die Plantagen gekarrt. Auch Avocado, Apfel oder Cranberry werden mit den stetig schrumpfenden Bienenvölkern kultiviert – allein in Amerika soll ihr Bestäubungswert 14,6 Milliarden US-Dollar ausmachen.

Bei schlechtem Wetter fliegen die Honigbienen allerdings nicht, ein großes Risiko für die Farmer. Die Umweltökonomin Henselek ermittelt nun anhand der gesammelten Daten, inwiefern wilde Bestäuber als Puffer dienen können, indem sie die jeweilige Ernte pro Baum zum aktuellen Marktpreis für Mandeln hochrechnet. Das vorläufige Ergebnis: Wilde Bestäuber senken das Risiko für unsichere Erträge um bis zu 20 Prozent. Sie hätten also für die Farmer einen in Zahlen messbaren „Versicherungswert“, sagt Henselek. Und das ganz ohne Miete.

Warum muss eigentlich alles einen ökonomischen Wert haben, um geschützt zu werden? Es hilft, findet die Umweltökonomin. „So kann ein Bauer sich zum Beispiel überlegen, ob es sich lohnt, eigene Bienenvölker zu züchten“, sagt Henselek. „Oder mit welchen Maßnahmen er seine Plantage für wilde Bestäuber optimieren kann.“ Plantagen mit einem dichten natürlichen Lebensraum in der Nähe werden nämlich öfter von wilden Bestäubern angeflogen. Lässt man den geflügelten Blütenbesuchern etwas Natur, kann das Früchte tragen.

Wie viel würde es nun kosten, Bienenbestäubung zu ersetzen?

Wie viel würde es uns also kosten, wenn Bienen nicht mehr unsere Nutzpflanzen bestäuben würden? In einigen nördlichen Provinzen Chinas ist das keine rhetorische Frage mehr: Bei einem stündlichen Mindestlohn von etwa 1,50 Euro klettern dort Tagelöhner in Apfelbäume, um den Pollenstaub von Hand aufzupinseln. Denn es fliegen kaum noch Bienen, seit Mao die Felder mit Pestiziden hat einsprühen lassen.

Aber selbst mit solchen Erfahrungswerten ist es nicht einfach, den Wert von Insekten-Bestäubung zu beziffern, wenn wir sie tatsächlich ersetzen müssten. Bienen übernehmen das ja beispielsweise längst nicht nur auf kommerziell genutzten Feldern. Sie bestäuben auch die Pflanzen in unseren Gärten und die Gräser, von denen sich Tiere ernähren.

Dennoch haben sich Forscher rund um Mike Allsopp heran gewagt und anhand von tatsächlichen Daten zum Obstanbau im südafrikanischen Westkap aus dem Jahr 2005 berechnet, was es allein in dieser Region kosten würde, sollten alle Honigbienen sterben und Blüten tatsächlich von Hand bestäubt werden. Das Ergebnis variiert je nach angewandter Forschungs-Methode zwischen 77 und 433,8 Millionen US-Dollar. Auch wenn dazwischen ein erheblicher Spielraum liegt, bedeutet das in jedem Fall: Es wäre zu teuer.

Rebecca Sandbichler
Die Tiroler Journalistin hat ihr ökologisches Gewissen erst spät entwickelt: 20 Jahre lang eine Liebhaberin von Fleisch, Käse und Co., wurde sie durch eine vegane Woche mit Studienfreunden moralisch bekehrt. Zumindest vorübergehend. Heute sind die seltenen tierischen Produkte in ihrem Fünf-Personen-Haushalt aber immerhin Bio. Mehr ...

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