Für ein paar Cent mehr

Fast alle Menschen wollen besseres Fleisch. Doch bezahlen wir auch dafür? Wer das Schweinesystem ändern will, muss den Preiskampf aufgeben.

  1. Autorin: Rebecca Sandbichler
  2. Fotos: plainpicture

Das Ferkel ist oft gerade mal zwei, höchstens aber sieben Tage alt, als ein Mensch es von seiner Mutter trennt, ihm ein Schmerzmittel spritzt und es in Rückenlage in einem Gestell aus Edelstahl fixiert. Dann erlebt es bei vollem Bewusstsein, wie jemand seinen Bauch ein Stück aufschneidet, seine Hoden hervorholt und sie mit einer Zange abquetscht.

2 Euro und 60 Cent entscheiden in diesem Moment über Leiden oder Nicht-Leiden. So viel würde es nach neuen Berechnungen der Bundesregierung nämlich mindestens kosten, ein Ferkel wirkungsvoll zu betäuben, bevor man ihm diese schmerzhafte Prozedur zumutet. Die Branche ging bisher eher von 5 Euro pro Tier aus.

Was früher praktisch war,
ist heute unmoralisch

 

Jahrhundertelang haben sich Schweinehalter solche Kosten gespart und jahrhundertelang haben deutsche Fleischesser kein großes Problem damit gehabt. Doch ab 1. Januar 2019 wird die betäubungslose Kastration in Deutschland verboten sein. Wie das Verbot genau umgesetzt wird, ist aber lange nicht klar. Und so wird es das Gewissen der Fleischkunden womöglich mehr beruhigen als die betroffenen Ferkel.

„Tierschutz in der Landwirtschaft“ ist nämlich für zwei Drittel der Konsumenten ein wichtiges oder sehr wichtiges Thema, wie eine Studie der Universität Göttingen gezeigt hat. Und acht von zehn Menschen waren sich einig: Wenn wir Tiere schon essen, sollen sie vorher gut gelebt haben. Nur: Was heißt das im Stall oder auf der Weide konkret? Wer bezahlt denn nun die 2,60 Euro oder gar 5 Euro für eine Betäubung? Über solche Fragen kriegen sich Verbraucher, Bauern und Politiker regelmäßig in die Wolle.

„Kunden und Bauern verstehen oft nicht dasselbe unter dem Begriff ,Tierwohl‘“, sagt die Agrarökonomin und Tierschutz-Expertin Angela Bergschmidt, Forscherin vom staatlichen Thünen-Institut. „Laien sehen Ferkel und Sauen im Freiland und finden das wunderbar. Ein Bauer denkt sich: Da überleben jetzt weniger Ferkel als im Stall!“  Ein Landwirt habe mehr die Gesundheit der Tiere im Blick und schränke dafür eher ihre Freiheiten ein.

Ein Mastschwein wiegt zuletzt 110 Kilo, wächst auf 0,75 m² heran und kommt niemals raus.
 

Am Kühlregal werden
wir zu Rechnern

Die meisten von uns mussten niemals ein totes Ferkel aus dem Stall tragen, das von seiner eigenen Mutter zerdrückt wurde. Für Züchter ist das Berufsalltag – und gewinnmindernd. Landwirte freuen sich, wenn Sauen durchschnittlich 0,3 Ferkel mehr werfen oder der Kraftfutter-Preis auf dem Weltmarkt sinkt und so das Kilo Schlachtgewicht 5 Cent mehr einbringt.

Konsumenten ist diese Art zu rechnen meist nur so lange fremd, bis sie am Kühlregal den Kilopreis für Koteletts vergleichen. 90 Prozent der Deutschen würden laut der Universität Göttingen für 250 Gramm Schweineschnitzel aus tiergerechter Haltung immerhin 50 Cent aufzahlen. Doch nicht einmal jeder Zehnte möchte den Einsatz verdoppeln und zu Bio-Fleisch greifen. Es hat einen Marktanteil von unter 2 Prozent.

„Je mehr Tiere Sie halten, desto geringer sind Ihre Ausgaben pro Tier – und desto besser der Ertrag.“

Der allgemeine Strukturwandel der Fleischbranche ist eine Folge des Preisdrucks: Zwei Drittel aller Schweine stehen in Ställen mit über 1000 Tieren. Denn sogenannte Skaleneffekte bestimmen die Branche, sagt die Agrarökonomin Bergschmidt: „Je mehr Tiere Sie halten, desto geringer sind Ihre Ausgaben pro Tier – und desto besser der Ertrag.“ In dieser Logik wird ein Schwein von einem Individuum schnell zu einer Produktionsgröße, die man optimieren kann.

Für rund 27 Millionen konventionell gemästete Schweine bedeutet das deshalb nicht gerade ein optimales Leben: Ein ausgewachsenes Mastschwein bis zu 110 Kilogramm wächst gesetzlich auf 0,75 Quadratmetern Stallfläche heran und kommt nie nach draußen. Darum muss der Züchter die Ferkel nicht nur kastrieren, sondern ihnen auch die Ringelschwänze abzwicken – sonst kauen die Tiere sie sich später vor Langeweile gegenseitig ab. Weil neun von zehn Schweinebetrieben kein Heu einstreuen und nicht ausmisten, stehen die Tiere auf einem Spaltenboden aus Beton, durch den sie ihren Urin und ihren Kot durchtrampeln. Aber wehe, die Abluftanlage fällt einmal aus: Sie ist nötig, um die entstehenden Ammoniak-Gase abzusaugen – plus ein Alarmsystem, falls die Lüftung nicht funktioniert. Hin und wieder geht trotz der besten Technik etwas schief, dann ersticken Hunderte Schweine auf einmal: Im Herbst 2016 verendeten 500 Tiere in einem Stall im fränkischen Himmelkron, weil das Meldesystem versagte. Der Landwirt hatte seine Anlagen regelmäßig gewartet und wurde in einem technischen Gutachten von jeder Schuld freigesprochen. Schuld hatte in diesem Fall ein anonymer Übeltäter: das System.

In einem Offenstall lebt ein Schwein auf 1,5 m², hat Stroh zum Wühlen und frische Luft.

Wie unbeweglich dieses System ist, weiß Bert Mutsaers von der Initiative Offenstall.com. „Die heute gängige Mast kann man eigentlich keinem Verbraucher zeigen“, findet er. „Trotzdem wird immer noch in genau diese Haltung investiert. So kann es doch nicht weitergehen.“ Mutsaers ist kein vegan lebender Tierrechtsaktivist, sondern der Geschäftsführer der Wurstmanufaktur Bedford in Osnabrück. Mit gleichgesinnten Landwirten und Wissenschaftlern will er die Mauern der konventionellen Schweinemast einreißen. Und zwar tatsächlich. Denn in „Offenställen“ oder „Pigports“ ist zumindest eine Seite ganz frei, sodass die Luft zirkulieren kann. Die Tiere erleben alle Jahreszeiten und spüren Sonne, Wind oder Regen auf der Haut. Bei großer Hitze versprühen Sprenkler kaltes Wasser, denn Schweine können ihre Körpertemperatur nicht regulieren.

Und wenn es friert, ziehen sie sich in gedämmte Liegebereiche zum Kuscheln zurück. Ein Schwein lebt in so einem Offenstall auf geradezu luxuriösen 1,5 Quadratmetern und behält meist auch seinen Ringelschwanz. „Die Tiere haben Stroh zum Wühlen und schnuppern frische Luft, so wird ihnen nicht langweilig“, sagt Mutsaers.

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Rebecca Sandbichler
Die Tiroler Journalistin hat ihr ökologisches Gewissen erst spät entwickelt: 20 Jahre lang eine Liebhaberin von Fleisch, Käse und Co., wurde sie durch eine vegane Woche mit Studienfreunden moralisch bekehrt. Zumindest vorübergehend. Heute sind die seltenen tierischen Produkte in ihrem Fünf-Personen-Haushalt aber immerhin Bio. Mehr ...

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