Gechillt vegan: Warum Jenni nur selten diskutiert

Jennifer Hauwehde ist eine entspannte Veganerin – von aggressiven Debatten mit Omnivoren hält sie nicht viel. Allen Kontroversen zum Trotz hat die Food- und Lifestylebloggerin hinter „Mehr als Grünzeug“ einen charmanten Weg gefunden, sich für ein veganes Leben einzusetzen.

  1. Interview: Daniela Nickel
  2. Fotos: Jennifer Hauwehde

Jenni, in deinem Instagram-Profil bezeichnest du dich selbst als „relaxed vegan“. Inwiefern hilft dir diese Einstellung auf deinem Weg?

Zugegeben: Zu Beginn fiel es mir schwerer, die Angelegenheit so zu betrachten – ich wollte gleich 100 Prozent geben. Aber ich habe schnell gelernt, dass niemandem damit geholfen ist, wenn ich Parolen schwingend jedes gemeinsame Essen verderbe oder mich selbst in den unsinnigsten Situationen zwanghaft einschränke. Vegan und bewusst zu leben, ist keine Bestrafung, sondern eine bewusste Entscheidung, die Freude bereiten soll. Heute hilft es mir sehr, die Dinge locker anzugehen und zu bewerten – sowohl für mich selbst als auch für alle anderen Menschen um mich herum.

 

Auf deinem Blog „Mehr als Grünzeug“ hast du dich bereits intensiv mit der Kontroverse zwischen Veganern, Vegetariern und Omnivoren auseinandergesetzt und bedauerst, dass die Diskussion meist aggressiv und abweisend geführt wird.

Ja, das ist ein Thema, das mir sehr zu schaffen macht, muss ich sagen. Ich bin ein sehr friedliebender Mensch, der zwar gerne diskutiert und auch mit Leidenschaft, der es allerdings nicht verstehen kann, wenn die Debatte die sachliche Ebene verlässt und ausschließlich emotional geführt wird. Dass Emotionen gerade bei so einem Thema immer mit von der Partie sind, liegt in der Natur der Sache – und es wäre eine utopische Forderung und aus meiner Sicht auch nicht wünschenswert, sie völlig auszuschließen. Doch ich beobachte immer wieder, dass viele Menschen sich dem Unbekannten generell verschließen und sofort auf Abwehrhaltung gehen – auch wenn man offen und vorsichtig auf sie zugeht und nicht die Moralkeule schwingt. Da setzt dann irgendwie ein Automatismus ein. Den ich andererseits auch verstehen kann: Essen ist ein Teil unserer Identität – und wir mögen es nicht, wenn diese infrage gestellt wird. Und es kann extrem unangenehm sein, einen so elementaren Vorgang wie die Nahrungsaufnahme zu reflektieren.

„Vegan und bewusst zu leben, ist keine Bestrafung, sondern eine bewusste Entscheidung, die Freude bereiten soll.“

Wie könnte deiner Meinung nach eine friedliche und fruchtbare Debatte aussehen?

Ich habe bisher die besten Erfahrungen damit gemacht (so doof das klingt), die Menschen nicht mit dem Veganismus zu überfordern und beim Bequemsten anzusetzen: gutem Essen. Einfachen, leckeren Gerichten, die nicht das Veganismus-Siegel tragen – bunte Salate mit Linsen, Hülsenfrüchten; Gerichte, die so vielfältig und spannend sind, dass man gar nicht nach dem ethisch-ideologischen Impetus fragen muss.

Und wenn man dann in die Diskussion kommt, gilt dasselbe wie bei jeder anderen Unterhaltung, sie soll fruchtbar sein: den anderen oder die andere ausreden lassen, offen und freundlich bleiben, keine personenbezogenen Angriffe – eben der Kriterienkatalog für den konstruktiven Dialog. Wenn Menschen merken, dass du ja gar nichts von ihnen willst, sind sie eher bereit, dir zuzuhören und sich mit dir auszutauschen. Und vielleicht über das Gesagte nachzudenken.

Es gibt aber auch Situationen, in denen das nicht funktioniert – manche Menschen bekommen schon die Krise, wenn sie das Wort „Veganerin“ nur hören und blockieren sofort. Dann ist es nicht meine Aufgabe, gewaltsam die Blockade aufzubrechen, denn damit richte ich nur mehr Schaden an als alles andere, und ich ziehe mich vorerst zurück. Vielleicht ergibt sich eine andere Gelegenheit für eine offenere Unterhaltung, vielleicht wenn man sich besser kennt.

Du schreibst auf deinem Blog, dass du selbst schon Opfer hassgeladener Kommentare in den Sozialen Medien wurdest. Wie bist du damit umgegangen?

Ich habe freundlich geantwortet und wenn der- oder diejenige weitergestänkert hat, habe ich mich aus der Diskussion ausgeklinkt. Diese Menschen hatten dann offenbar nicht das Ziel, sich konstruktiv auszutauschen, sondern lediglich zu provozieren und mich persönlich zu attackieren. Auf sowas habe ich keine Lust und das muss ich mir auch nicht bieten lassen.

Viele Hersteller veganer und vegetarischer Produkte ahmen Fleischprodukte nach. Inzwischen gibt es sogar vegane Metzgereien. Wie stehst du zu veganen Varianten von Salami, Hackfleisch und Co?

Puh, Glatteisgefahr.

Ich denke, wie man diese Alternativen bewertet, kommt stark darauf an, aus welcher Motivation man vegan wird. Aus ethischer Perspektive würde ich sagen, dass das eine hervorragende Alternative zum Fleischkonsum ist und alles, was Tierleid verhindert, positiv betrachtet werden sollte – gerade wenn es sich zu einem gesellschaftlichen Trend mit einem großen Echo entwickelt.

Aus gesundheitlicher Perspektive würde ich Abstand davon nehmen – ganz einfach weil viele dieser Ersatzprodukte ellenlange Zutatenlisten aufweisen, von denen ich die Hälfte der Ingredienzien nicht identifizieren kann. Ob es sinnig ist, mich von sowas zu ernähren, und ob ich das möchte, ist dann die Frage. Ich persönlich habe mich dagegen entschieden.

Auch der ökologische Aspekt ist mir in diesem Zusammenhang wichtig: Wenn ich nicht möchte, dass mein CO2-Fußabdruck sich durch Fleischkonsum rapide erhöht und insgesamt darauf achte, möglichst nachhaltig zu leben, stoßen mir die Plastikverpackungen natürlich sauer auf, die mir gerade bei den Ersatzprodukten begegnen.

Versuchst du diese Produkte zu vermeiden oder hast du gute Alternativen gefunden, die alltagstauglich sind?

Genau: Ich versuche, diese Produkte zu vermeiden, und mache möglichst viel selbst. Generell ernähre ich mich nahezu ausschließlich von unverarbeiteten Lebensmitteln, was den Plastikverzicht deutlich erleichtert: Obst, Gemüse und Co. bekomme ich nahezu überall lose, mittlerweile ja auch immer mehr in Bioqualität. Ich kaufe viel auf dem Markt und im Unverpacktladen ein, wo ich auch die restlichen Lebensmittel ohne Plastik bekommen kann. Das ist mir sehr wichtig.

Natürlich kaufe ich mir ab und zu einen Sojajoghurt, wenn ich es nicht schaffe, ihn selbst herzustellen – oder mein Ergebnis einfach nicht an das Produkt heranreicht, das ich gewohnt bin – und ich liebe geräucherten Tofu, den ich mir dann auch in Plastikverpackung ein- oder zweimal im Monat gönne. Wie gesagt: Mein Lebensstil ist keine Bestrafung, sondern soll mir Freude bereiten. Wer es übrigens nicht auf den Markt schafft, kann sich auch informieren, ob die örtlichen (Bio-)Landwirte eine Gemüsebox anbieten – ich bekomme etwa einmal die Woche frisches, saisonales Gemüse ohne Verpackung geliefert. Das macht das Kochen ohne Ersatzprodukte leichter und man isst automatisch mehr Grünzeug.

Auf Mehr als Grünzeug teilt Jenni köstliche Rezepte und inspirierende Gedanken zu Veganismus, Nachhaltigkeit und Müllvermeidung. Ihre wundervollen Bilder findet ihr außerdem bei Instagram.  

Daniela Nickel
Daniela ist unsere Online-Redakteurin mit waschechter Berliner Schnauze. Wenn sie nicht gerade mitten in einem groß angelegten Bastelprojekt steckt, wuselt die leidenschaftliche Naschkatze wahrscheinlich beim Backen in der Küche herum. Mehr ...

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