Sinn und Unsinn hinter unserm genormten Leben

Alles ist geregelt. Für die Bio-Gurke ebenso wie für den Schlosser. Und wer ist schuld daran? Leo hat nach Antworten gesucht und zumindest eine gefunden: Die EU war’s nicht.

  1. Autor: Leo Frühschütz
  2. Illustration: Thomas Pötschick
eine gerade Gurke wird mit einem Lineal vermessen

Da liegen sie im Regal. Bio-Gurken, eine so schön grün und gerade wie die andere. Wie genormt sehen sie aus – und sie sind es auch. „Praktisch gerade“ sollen Gurken der Handelsklassen Extra und Klasse I sein. Und dieses „gerade“ ist bürokratisch genau definiert: „Die Höhe der inneren Krümmung darf nicht mehr als 10 mm auf 10 cm Länge der Gurke betragen.“ Auch eine einheitlich Länge ist vorgegeben, maximal fünf Zentimeter Abweichung sind erlaubt. Also diese regelungswütigen EU-Bürokraten haben doch alle einen Schlag weg ...

Stopp, stopp, stopp: Diese Norm kommt gar nicht aus Brüssel und erfunden hat sie auch kein EU-Bürokrat. Die Gurken sind gerade geworden, weil die Handelskonzerne das so wollten. Denn gerade und gleich lange Gurken lassen sich viel besser in Kisten packen, vereinfachen den Transport und schauen im Regal gut aus. Auch für den holländischen Gurkengärtner wird das Leben einfacher, wenn sich französische, deutsche und britische Supermärkte nach derselben Norm richten. Eine Gurke für alle.

Gerade Gurken – älter als die EU

Deshalb entwickelte die in Genf ansässige UNO-Wirtschaftskommission für Europa (ECE) schon in den 60er-Jahren Handelsklassen-Normen für diverses Obst und Gemüse. In vielen EU-Staaten gab es nationale Gesetze, die solche Qualitätsnormen verbindlich vorgaben. Die gerade Gurke war also schon längst erfunden und eingeführt, als die EU-Staaten daran gingen, ihre Agrarmärkte zu vereinheitlichen. Dabei erhoben sie auch die ECE-Gurken-Norm in den Rang einer für alle verbindlichen Verordnung mit der Nummer 1677/88.

Beschlossen haben das übrigens nicht gesichtslose EU-Bürokraten. Die dürfen nämlich nichts entscheiden, sondern können nur Vorschläge machen. Beschlossen werden EU-Verordnungen von den direkt gewählten EU-Parlamentariern und dem Ministerrat. Darin sind die jeweiligen Fachminister der Mitgliedstaaten vertreten. Doch ob der Minister für eine bestimmte Verordnung die Hand hebt oder sie ablehnt, erfahren die Menschen nur selten. Als die Gurken-Verordnung beschlossen wurde, hieß der deutsche Landwirtschaftsminister Ignaz Kiechle und gehörte zur CSU.

Es waren auch seine Parteifreunde, die bei jeder Gelegenheit mit den krümmungsgenormten Gurken auf die EU-Kommission einprügelten, bis es dieser schließlich zu dumm wurde. Auf ihren Vorschlag hin wurde die Verordnung 2009 wieder abgeschafft, ebenso wie die Regeln für Bohnen, Zucchini und weitere 22 Obst- und Gemüsesorten. Übrigens gegen massiven Protest der Bauernverbände.

Geändert hat sich dadurch für die Gurke nichts. Denn immer noch gilt die „UNECE-Norm FFV-15 für die Vermarktung und Qualitätskontrolle von Gurken“, aus der die Zitate am Anfang des Textes stammen. Krumme Gurken verkaufen Supermärkte nur gelegentlich zur Imageverbesserung. „Wir tun was gegen Lebensmittelverschwendung“, lautet dann die Botschaft. Sie gilt aber nur für die Aktionswoche. Den Rest des Jahres hat die Gurke gerade zu sein.

Brüssel ist nicht an allem schuld

Die Gurken-Geschichte zeigt zweierlei: Die Brüsseler EU-Beamten sind nicht an allem schuld – selbst dann nicht, wenn EU draufsteht. Und: Es sind Hersteller und Händler, die auf einheitliche Normen drängen. Denn sie erleichtern die Arbeit und fördern die Vermarktung.

Die ersten Normen entstanden im Zuge der industriellen Revolution, als Maschinen nicht mehr einzeln, sondern in Massen gefertigt wurden. Damit die einzelnen Bauteile zusammenpassten und problemlos ausgetauscht werden konnten, mussten sie genaue Maße einhalten. Mit dem von dem britischen Ingenieur Joseph Whitworth 1841 eingeführten Zoll-Gewinde werden noch heute Wasserrohre verschraubt und Gasherde angeschlossen.

Später einigten sich Branchenverbände auf einheitliche Standards, und schließlich gründeten sich in den meisten Industriestaaten nationale Normungs-Organisationen. In Deutschland feiert das Deutsche Institut für Normung (DIN) 2017 seinen 100. Geburtstag. Doch viele Normen werden in unserer globalisierten Wirtschaft längst auf europäischer Ebene (EN) oder weltweit (ISO) entwickelt (siehe Infoboxen).

„Sogar unser Abschied aus dieser Welt ist genormt: Die DIN EN 15017 für Bestatter regelt das Abholen, Waschen und Aufbahren von Leichen.“

Diese Organisationen haben inzwischen unser ganzes Leben genormt: Als Baby kauen wir auf einem Schnuller nach DIN EN 1400 herum und schlafen in einem nach DIN EN 716 hergestellten Kinderbett. Später sitzen wir auf einem Bürostuhl (DIN EN 1335), bedrucken DIN-A4-große Blätter, schalten auf der Heimfahrt das Autoradio an (ISO 10599) und spielen zu Hause noch eine Runde Tischtennis (DIN EN 14468). Sogar unser Abschied aus dieser Welt ist genormt: Die DIN EN 15017 für Bestatter regelt das Abholen, Waschen und Aufbahren von Leichen.

Ein solches genormtes Leben hat seine Vorteile: Normen machen Geräte sicherer oder verhindern, dass Häuser wie Zunder brennen. Man kann auch im Urlaub bedenkenlos Benzin und Diesel tanken, weil es überall gleich ist. Und der Kopfhörer passt bei jedem Rechner in die Klinkenbuchse. Das Gegenteil von Normung ist der Adapter – das weiß jeder, der in London sein Handy aufladen will.

Das ist Norm

Das Deutsche Institut für Normung (DIN) ist ein privatwirtschaftlich organisierter Verein, in dem vor allem Firmen und Verbände Mitglied sind. Deren Experten erarbeiten in ­Fachausschüssen nach einem genau fest­gelegten Prozedere nationale Normen.

Das DIN vertritt Deutschland in der Europäischen Normungsorganisation CEN. Die dort entstandenen Normen müssen die Mitgliedstaaten übernehmen und abweichende nationale Normen zurückzuziehen. Die deutschsprachigen Ausgaben dieser Normen werden mit DIN EN abgekürzt.

Vom Traktor gefallen

35 Jahre lang hatte die EU in der Richtlinie 78/764/EWG umständlichst formuliert die Details von Traktorsitzen geregelt – zur Freude von Kabarettisten und EU-Kritikern. Gefordert hatte diese 2013 abgeschaffte EU-einheitliche Norm einst die bayerische Staatsregierung. Der Grund: Ein bayerischer Bauer war von seinem Traktor gefallen und hatte sich verletzt. Die Versicherung weigerte sich zu zahlen, weil der Bauer auf einem ausländischen Traktor saß, dessen Sitz nicht den Vorschriften für deutsche Traktorsitze entsprach.

Die globalisierte Norm

In der International Organization for Standardization (ISO) arbeiten die Normierungsorganisationen von 163 Staaten zusammen. Verabschiedet werden können Normen mit Zwei-Drittel-Mehrheit und kein Mitglied ist verpflichtet, eine ISO-Norm zu übernehmen. Dennoch haben die 21.000 ISO-Normen in der globalisierten Wirtschaftswelt eine enorme Bedeutung. Viele größere Firmen werben damit, dass sie über ein Qualitätsmanagement nach ISO 9000 oder über ein Umweltmanagement nach ISO 14000 verfügen.

Doch Normen haben auch ihre Schattenseiten. Mein Freund Stefan zum Beispiel darf keine Stahlgeländer und Treppen mehr bauen. Dabei ist er Schlossermeister und hat das 25 Jahre lang gemacht. Doch dann trat die EN 1090 in Kraft. Sie schreibt vor, dass ein Schlosser, der tragende Teile wie Treppengeländer oder Vordächer baut, sich zertifizieren lassen muss. „Allein das Zertifikat hätte mich 8.000 Euro gekostet“, sagt Stefan.

Doch damit wäre es noch nicht getan. „Ich bräuchte ein neues Schweißgerät, das alles mitprotokolliert, für jede Schweißnaht müsste ich ein Protokoll abheften.“ Und er müsste in seinem Ein-Mann-Betrieb eine Schweißaufsichtsperson einstellen, die überprüft, dass er selber ordentlich arbeitet. „Völlig hirnrissig so was“, schimpft Stefan. „Damit drängen die großen Metallbaubetriebe kleine Handwerker vom Markt und für die Kunden werden Schlossereiarbeiten unnötig teuer.“

Vom Schnuller bis zum Sarg – Normen gibt’s für alles

Nun ist eine Norm kein Gesetz, sondern eine freiwillige Veranstaltung. Niemand muss sich daran halten. Doch in der Praxis sind die darin festgelegten Regeln kaum zu umgehen. Sobald Gesetze auf einzelne Normen verweisen, werden diese verbindlich. Öffentliche Aufträge bekommen nur Betriebe, die die Normen erfüllen. „Ohne Zertifikat kann ich für die Gemeinde nicht einmal mehr ein Geländer montieren“, beschreibt Stefan die Folge für seinen Betrieb.

Für private Kunden könnte er auch ohne Zertifizierung weiter Treppengeländer bauen. „Doch wenn ein Kunde hinterher die fehlende Zertifizierung als Mangel rügt, muss er die Rechnung nicht zahlen.“ Und ein zertifizierter Mitbewerber könnte ihn wegen unlauteren Wettbewerbs verklagen. Volles Risiko also. Was Stefan bleibt, sind nichttragende Teile wie Zäune oder Gartentore – und jede Menge Frust.

Eigentlich dürfte so etwas gar nicht passieren. „Normen entwickeln diejenigen, die sie später anwenden“, schreibt das Deutsche Institut für Normung. „Damit der Markt die Normen akzeptiert, sind eine breite Beteiligung, Transparenz und Konsens Grundprinzipien bei DIN.“ Mit Stefan hätte es bei der EN 1090 keinen Konsens gegeben. Aber er saß nicht mit am Tisch, als Experten von Verbänden und Instituten die Norm erarbeiteten. Denn Normungsarbeit ist aufwändig, zeitraubend und kostet Geld. Das leisten sich nur große Verbände und Institutionen. Deswegen geraten vor allem diejenigen unter die genormten Räder, die keine große Lobby haben. Und das sind nicht nur krumme Gurken und kleine Schlosser.

Leo Frühschütz
Auf dem Feld stehen und lernen, wie aus einem Rohstoff ein Lebensmittel wird: Das ist es, was Leo an seinem Beruf am meisten liebt. Für Ö war er sogar bei der Palmölernte in Ghana – was davon bleibt: Gesichter, Gerüche nach Veilchen und Frittenbude und das Wissen, wie viel Handarbeit und Hoffnung in dieser Zutat stecken. Mehr ...

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