Warum wir das Licht öfter ausmachen sollten

Um uns herum wird es immer heller. Experten sprechen von Lichtverschmutzung. Dabei brauchen Mensch und Natur die Dunkelheit sehr dringend. In einem von Deutschlands zwei Sternenparks suchten wir nach der Schwärze der Nacht.

  1. Autorin: Steffi Unsleber
  2. Fotos: Evelyn Dragan

Wenn die Dunkelheit nach Geba kommt, ist es, als ob jemand die Fernbedienung auf das Dorf richtet und die Farbe aus den Dingen zieht: Die Bäume, die orange leuchten, werden braun, die grünen Wiesen fahl, der stahlblaue Himmel nimmt die Farbe von Schlamm an. Sobald die Landschaft aussieht wie auf einer graubraunen Sepiafotografie, steigt die Schwärze aus dem Tal auf. Sie kommt über die weichen Hügel der Rhön, verschluckt die Straßen, den Himmel, hüllt das Dorf ein. Jede Minute wird sie dichter und fester. Es ist, als ob die Dunkelheit sagt: Das hier ist jetzt mein Reich. Der Tag ist vorbei. Eine neue Zeit ist angebrochen.

In Berlin ist es immer hell

Die Hohe Geba ist einer der wenigen Orte, an denen es in Deutschland noch richtig dunkel wird. Aus den Städten ist die Nacht längst verschwunden. Hier endet der Tag nie. Man kann in Berlin nachts um zwei auf eine Party gehen – oder morgens um elf. Manche fangen um 18 Uhr an zu arbeiten, andere morgens um eins. Der Rhythmus fehlt und damit die andere Zeit: das Gegenstück zum Tag. Und es ist immer hell. In der U-Bahn sowieso, aber auch auf der Straße. So hell, dass man draußen sitzen und ein Buch lesen könnte – und die Lichtglocke der Stadt noch aus zweihundert Kilometern Entfernung sichtbar ist.

„Jedes Jahr wird die Nacht in Deutschland um fünf Prozent heller“

Das Licht dringt durch die Vorhänge in die Schlafzimmer der Menschen und stört ihren Schlaf. Die Bäume, die neben den Straßenlaternen wachsen, behalten auch im Winter ihre Blätter, weil sie die Wärmestrahlung mit einer lauen Sommernacht verwechseln. Die Sterne verschwinden in der grauen Dämmerungssuppe, die früher mal ein Himmel war. Weil mich dieses Lichterdröhnen müde macht und weil ich den Takt der Natur liebe, mache ich mich auf die Suche nach der Dunkelheit. Und stelle fest: So einfach ist das gar nicht mehr.

Wie es wohl der Nacht in fünf Jahren geht? Die Sorge um die Dunkelheit bringt manche um den Schlaf.
Wie es wohl der Nacht in fünf Jahren geht? Die Sorge um die Dunkelheit bringt manche um den Schlaf.
Früher musste man das Licht ausschalten, um Geld zu sparen. Heute lässt man es einfach die ganze Nacht brennen, es kostet ja fast nichts.
Früher musste man das Licht ausschalten, um Geld zu sparen. Heute lässt man es einfach die ganze Nacht brennen, es kostet ja fast nichts.

Die neue Gewerbehalle klaut mir die Milchstraße

Wenn ich dort, wo ich aufgewachsen bin, in den fränkischen Nachthimmel schaue, merke ich, dass ich weniger Sterne sehe als normalerweise. Eine Gewerbehalle, Luftlinie vielleicht zehn Kilometer entfernt, wird neuerdings nachts angestrahlt und klaut mir die Milchstraße.

Jedes Jahr wird die Nacht in Deutschland etwa um fünf Prozent heller. Mit der Weiterentwicklung der LEDs wurde die Beleuchtung günstiger. Früher musste man das Licht ausschalten, um Geld und Strom zu sparen. Heute lässt man es einfach die ganze Nacht brennen, es kostet ja fast nichts.

Der Körper braucht die Dunkelheit

Man nennt das auch einen Rebound-Effekt: Effizienzsteigerungen senken die Kosten – aber statt zu sparen, wird der Konsum erhöht. Das Dilemma der Umweltökonomie. Dörfer strahlen nachts ihre Kirchen an, Tankstellen glühen auf Anhöhen durch die Nacht, die Straßenlaternen werden heller und greller, die Menschen stellen Lampen in ihrem Garten auf und beleuchten die Promenaden entlang von Seen. Sieht ja auch schön aus.

Dabei braucht unser Körper die Dunkelheit, um zur Ruhe zu kommen. Licht in der Nacht verwirrt ihn; die Zirbeldrüse stellt die Melatoninproduktion ein, wenn es zu hell ist. Dadurch schlafen wir schlecht, das Gedächtnis leidet, wir kommen aus dem Takt.

Melatonin beugt Krebs vor, es wirkt antioxidativ. Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine gestörte Melatoninproduktion die Entstehung von Brust- und Prostatakrebs begünstigt. Studien an Schichtarbeitern legen das nahe.

Tageslicht bringt uns Serotonin

Tagsüber jedoch brauchen wir Licht: Damit das Melatonin aus unserem Körper verschwindet, wir wach und aktiv werden. Wenn das Licht fehlt, kann eine Depression entstehen. So wie im Winter. Dagegen hilft ein Spaziergang bei Tageslicht. Aus dem Serotonin, das dabei gebildet wird, macht der Körper, wenn es dunkel ist, Melatonin.

Es ist ein gut ausgeklügelter Mechanismus, den wir durcheinanderbringen, wenn unser Tag zu dunkel ist, weil wir nur im Haus herumsitzen, und unsere Nacht zu hell.

Es gibt in Deutschland Flächen, die noch einen natürlichen Nachthimmel haben. Das heißt: weniger als 0,0001 Lux. Ein Vollmondhimmel hat etwa 0,25 Lux, ein Stadthimmel bei Nacht dagegen 1 bis 30 Lux. Seit einigen Jahren versucht man, diese dunklen Flächen zu schützen. Sie werden als Sternenparks ausgezeichnet.

In strukturschwachen Regionen gibt es nicht viel Geld
für öffentliche Beleuchtung

Licht lebt vom Kontrast – wenn es dunkel ist, sieht man die Sterne besonders gut. In Deutschland gibt es zwei Sternenparks. Einer liegt im Westhavelland, 70 Kilometer westlich von Berlin, an der Grenze von Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Dort leben sehr wenige Menschen und es gibt nicht so viel Geld für öffentliche Beleuchtung.

Für die Natur ist das ein Glück: für die Vögel, die Insekten und die Pflanzen, die die Dunkelheit brauchen. Und für die vielen Astronomen, die dorthin fahren, um die Sterne anzusehen.

Der andere Sternenpark liegt in der Rhön, ein Mittelgebirge zwischen Thüringen, Bayern und Hessen. Dorthin fahre ich. Die Hohe Geba liegt in Thüringen. Sie ist der höchste Berg der Gegend. Von dort aus sieht man weit über die Hügel der Rhön. Ungefähr eine halbe Stunde lang fahre ich über Straßen, die gerade so breit sind, dass ein Auto darauf Platz hat. Es geht immer höher und höher. Niemand kommt mir entgegen.

„Lichtschmutz muss so verpönt sein wie Müll im Wald.“

Geba ist der letzte Ort vor dem Gipfel. Es ist kühl hier, ein scharfer Wind weht die gelben Blätter von den Bäumen. Im Winter ist es ziemlich ungemütlich, erzählt eine Frau aus dem Dorf. Denn wenn es schneit, dann richtig. Den Leuten in der Gegend ist der Sternenpark nicht so wichtig, sagt sie. Wenig Licht ist hier kein Zeichen für Fortschritt, sondern für Strukturmangel. Manch einer flucht schon mal, wenn er nachts von der Gaststätte zurücklaufen muss und er stolpert, weil es so dunkel ist.

Manche arbeiten ab 18 Uhr, andere ab 1 Uhr. Der Rhytmus fehlt und damit die andere Zeit: das Gegenstück zum Tag.
Manche arbeiten ab 18 Uhr, andere ab 1 Uhr. Der Rhytmus fehlt und damit die andere Zeit: das Gegenstück zum Tag.
Dörfer strahlen nachts ihre Kirchen an, Tankstellen glühen auf den Anhöhen durch die Nacht, die Straßenlaternen werden heller und greller.
Dörfer strahlen nachts ihre Kirchen an, Tankstellen glühen auf den Anhöhen durch die Nacht, die Straßenlaternen werden heller und greller.

Die Straßenlaternen brennen jetzt, aber das Licht wird nach oben hin abgeschirmt, so wie es in der Pufferzone um den Sternenpark vorgeschrieben ist. Es ist schwieriger, als ich dachte, vom Hellen ins Dunkle zu laufen. Das Dorf ist klein, es hat 78 Einwohner, man hat es schnell durchquert.

Ich schaffe es nicht, ins Dunkel zu laufen

Ich nähere mich der Dunkelheit, die eine schwarze Linie auf dem Asphalt ist. Hinter diesem Streifen gibt es keine Laternen mehr. Ein Hund schlägt an, er muss ganz in der Nähe sein. Ich schiebe meine Füße näher an den Streifen, dann darüber, schiebe mich mit aller Kraft in die Nacht, erschrecke vor so viel Dunkelheit und renne zurück. Eigentlich wollte ich auf den Gipfel laufen, aber ich schaffe es nicht. Mit dem Auto ist es leichter.

Oben blinkt der Sendemast rot und regelmäßig. Es dauert etwa zehn Minuten, bis meine Augen die hellen Autoscheinwerfer vergessen haben. Es ist kurz vor Neumond, also sehr dunkel. Beste Bedingungen fürs Sterneschauen. Leider ist es bewölkt. Ein feiner Nieselregen hüllt mich ein, als ich aus dem Auto steige. Sterne sehe ich keine.

Licht verschmutzt die natürliche Nacht

Die Nacht ist jetzt nicht mehr schwarz, sondern grau. Ich sehe die Bäume, die weiß bemalte Wegesschranke, in der Ferne das Leuchten der Städte. Es ist leicht, sich zu orientieren.

Ich habe mich hier oben zu einer Sternenwanderung angemeldet. Weil es aber keine Sterne zu sehen gibt, erklärt ein Physiklehrer, wie die Mondphasen entstehen. Er verwendet dazu eine Taschenlampe. Sobald mich das Licht trifft, werden meine Pupillen wieder enger und ich sehe meine Umgebung nicht mehr.

Die Straßenlaternen leuchten zu grell

Es gibt den Begriff der Lichtverschmutzung, der von Nachtaktivisten verwendet wird: Licht verschmutzt die natürliche Dunkelheit der Nacht. Hier oben, endlich im Dunkeln, verstehe ich den Begriff. Licht ist etwas Künstliches, das nicht hierher gehört. Es scheint allerdings schwer zu sein, die Dunkelheit auszuhalten.

Während die Sternenwanderer über den Gebaberg laufen, schaltet einer nach dem anderen seine Taschenlampe ein. Eine ist so grell, dass ihr Strahl wie ein Discostrahler den Nachthimmel zerschneidet. Die Männer vergleichen ihre Lampen. Ich lasse mich hinter der Gruppe zurückfallen. Und sehne mich danach, wieder mit der Dunkelheit alleine zu sein.

Als ich später im Auto sitze und alle abgefahren sind, ist aus dem Nieseln ein kräftiger Regen geworden. Er trommelt auf das Dach. Ich schaue lange in die Nacht und denke an nichts. Zurück im Dorf kommen mir die Straßenlaternen zu grell vor.

„Wenig Licht ist hier kein Zeichen für Fortschritt,sondern für Strukturmangel.“

Die Taschenlampe eines Wanderers ist so grell, dass ihr Schein wie ein Discostrahler den Nachthimmel zerschneidet.
Die Taschenlampe eines Wanderers ist so grell, dass ihr Schein wie ein Discostrahler den Nachthimmel zerschneidet.

Vermeintliche Effizienz

Ungefähr ein Siebtel des Gesamtstroms in Deutschland wird für Beleuchtung verbraucht. Im Jahr 2014 waren das 282 Petajoule. Zum Vergleich: Das Atomkraftwerk Brokdorf erzeugt pro Jahr etwa 40 Petajoule. Man braucht also sieben Atomkraftwerke, um Deutschland in der Nacht zu beleuchten.

In kleinen Gemeinden wird manchmal die Hälfte der Stromkosten für die Beleuchtung ausgegeben. Einige Orte schalten deshalb nach Mitternacht die Straßenbeleuchtung aus, um Geld zu sparen.

Wenn alte Straßenlaternen renoviert und mit LEDs ausgestattet werden, kann der Stromverbrauch um die Hälfte reduziert werden. Manchmal sind sogar 90 Prozent möglich. Leider führen diese Einsparungen dazu, dass einige Gemeinden die Straßenlaternen länger oder die ganze Nacht über anlassen und deren Helligkeit oft noch erhöhen. Dadurch wird weniger Strom und Geld gespart, als eigentlich möglich wäre – und die Natur leidet.

Pflanzen und Tiere leiden

Der Tag-Nacht-Rhythmus ist einer der grundlegenden Rhythmen des Lebens. Wird er gestört, wirkt sich das auf Flora und Fauna aus; die Brut-, Ruhe- und Jagdzeiten der Tiere kommen durcheinander. Einige Arten leiden besonders: Nachtaktive Insekten beispielsweise werden von Straßenlaternen angezogen und sterben oft an den heißen Lampen. Viele Fledermausarten dagegen meiden das Licht und finden im Dunkeln weniger Nahrung, da die Insekten Richtung Licht geflogen sind. Zugvögel, die sich an den Sternen orientieren und am Magnetfeld der Erde, das sie über Photorezeptoren wahrnehmen, werden vom künstlichen Licht abgelenkt. Vor allem bei Nebel und schlechtem Wetter kann das dazu führen, dass Scharen an Zugvögeln zusammenstoßen und abstürzen. Es gibt bisher nur wenige Studien zu diesem Thema, aber die vorhandenen legen nahe, dass die Artenvielfalt bei künstlicher Beleuchtung abnimmt.

Steffi Unsleber
Steffi kommt aus einem kleinen Dorf in Unterfranken und ist damit aufgewachsen, dass „Öko“ als Schimpfwort galt. Als sie nach Berlin zog, wurde ihr aber klar, dass ihre Eltern mit ihrer Solaranlage und der Wärmepumpe selbst die allergrößten Ökos waren. Ihr erreicht sie unter: steffiunsleber@taz.de Mehr ...

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