Küss mich! Marie macht die schönste Lippenpflege

In der kleinen Dresdner Naturkosmetik-Werkstatt „Lipfein“ entstehen in Handarbeit natürliche und vegane Lippenpflege-Produkte: vom Schoko-Lippenpeeling bis zur Zitrone-Matcha-Pflege. Herz, kreativer Kopf und starke Hand dahinter ist Marie Herrmann.

  1. Autorin: Lisa Völker
  2. Fotos: Marie Herrmann, lipfein
Marie Herrmann prüft ein Döschen Lipfein, während ihre Kinder im Hintergrund spielen.
Als Mutter praktisch: Marie Herrmann arbeitet auch mal von zuhause aus an ihrer Lippenpflege.

Marie, anders als die meisten Naturkosmetik-Manufakturen, hast du dich nur auf die Lippenpflege spezialisiert. Wie kam es dazu?

Das Ganze hat sich – ganz klassisch – aus einem Eigenbedarf heraus entwickelt. Ich war im Dezember 2015 auf der Suche nach einer richtig guten veganen Lippenpflege, die ausschließlich aus natürlichen Inhaltsstoffen besteht und nicht so schwer wie konventionelle Balsame auf den Lippen liegt. Außerdem hatte ich, damals in Elternzeit, riesige Lust darauf, was Neues auszuprobieren und ein schickes und stylisches Produkt zu entwickeln. Etwas, das man gern kauft und verschenkt.

Marie Herrmann, 30, Gründerin des Unternehmens Lipfein, steht lachend in ihrer Küche
Marie Herrmann, 30, hat aus einem Experiment ihre eigene kleine Naturkosmetik-Linie gemacht. Als studierte Politologin und Mediatorin wagte sie mit ihrem Label „Lipfein“ einen beruflichen Neuanfang.

Und warum ist es bei der Lippenpflege geblieben?

Das hat im Prinzip zwei Gründe. Erstens: Es ist ein sehr dankbares Thema in Sachen Marketing. Lippen sind emotional besetzt, damit können sich die meisten Menschen verbinden. Unsere Lippen können sprechen, essen, küssen. Vor allem küssen. So ist dann auch der Hashtag #weilküssenfetzt entstanden.

Zweitens spielen pragmatische Überlegungen für mich eine große Rolle. Wenn ich mich nur auf eine Sache fokussiere, dann kann ich die richtig gut machen. Also besetze ich lieber diese kleine Nische und biete ein Produkt an, hinter dem ich wirklich stehen kann, als dass ich ein umfangreiches Produktportfolio habe, bei dem die Qualität nicht stimmt. Außerdem stemme ich meine Selbstständigkeit neben der Familie, da ist weniger meistens mehr.

Klar. Steht die denn völlig hinter dir?

Meine kleine Tochter trägt sogar immer ganz stolz ein Säcklein mit Lippenbalsam bei sich! Und mein Mann stand von Anfang an hinter der Selbständigkeit als solcher, denn es passt einfach zu mir und zu der Art und Weise, wie wir unser Leben gestalten wollen. Einzig mit dem Thema Lippenpflege konnte er zuerst nicht viel anfangen. Er hat so etwas wie Lippenbalsam gar nicht benutzt und fand das Gefühl, etwas auf den Lippen zu haben, ganz furchtbar. Aus Liebe hat er aber doch begonnen, meine Balsame zu testen. Mittlerweile ist er einer meiner besten Verkäufer, auch weil er von den Produkten überzeugt ist und sie regelmäßig nutzt.

„Unsere Lippen können sprechen, essen, küssen. Vor allem küssen.“

Die Umwelt liegt dir ja sehr am Herzen. Was war dir deshalb im Bezug auf die Inhaltsstoffe und die Herstellung besonders wichtig?

Hach, das ist ein schwieriges, weil so dermaßen komplexes Thema. Ich würde gern behaupten, dass alle meine Rohstoffe und der komplette Produktionsvorgang unglaublich umweltfreundlich und ethisch korrekt sind. Leider ist es schwierig, diesem Anspruch zu 100% zu entsprechen.

Mir geht es deshalb vor allem darum, Entscheidungen zu treffen, welche die geringsten negativen Auswirkungen auf Natur, Tiere und Menschen haben. In Bezug auf die Rohstoffe schaue ich auf Herkunft aber auch auf die Art und Weise der Gewinnung. Das lässt sich leider nicht immer genau überprüfen und nachvollziehen, aber ich habe viel Recherchezeit investiert, um die Rohstoffe zu finden, hinter denen ich am besten stehen kann. Wenn es geht, sind sie bio-zertifiziert und aus fairer Erzeugung. Später möchte ich unbedingt alle meine Produzenten einmal direkt besuchen.

Mehr Einfluss habe ich bei der Produktion. Die Entscheidung pro Handarbeit war für mich von Anfang an eine pro Umwelt. Ich möchte so wenig Müll wie möglich erzeugen und so wenig Energie wie möglich verschwenden. Eigentlich benötige ich nur Strom, um die Balsam-Masse herzustellen, also um Öle, Sheabutter und Wachs einzuschmelzen und die Balsame nach dem Abfüllen kurz im Gefrierschrank abzukühlen. Alle anderen Arbeitsschritte erledige ich gänzlich ohne die Hilfe von Maschinen.

Lipfein Schoko-Peeling, Duo Schoko Minze, Klassik
So hübsch sind die kleinen Döschen von Lipfein.

Auch die Verpackung eines Produkts ist ja meist eine große Herausforderung, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Was hat es mit deinen Döschen auf sich?

Ja! Die Suche nach den perfekten Verpackungen hat mich lange beschäftigt. Kunststoff habe ich als Material ausgeschlossen, ebenso wie Aluminium. Eine gute Alternative war dann für mich Weißblech, also verzinntes Stahlblech. Alle meine Döschen sind aus diesem Material. Es ist recycelbar und auch super für meine Produkte geeignet, denn Zinn kann sich nur herauslösen, wenn es mit Säure oder Flüssigkeit in Berührung kommt, was bei den Lipfeins nicht der Fall ist.

Ich bleibe trotzdem weiterhin auf der Suche nach guten Verpackungsmaterialien. Mittlerweile gibt es ja auch Bio-Kunststoffe, die aber auch nicht ganz unumstritten sind. Bambus fände ich toll. Als kleine Herstellerin habe ich bei solchen innovativen Geschichten aber immer das Problem, dass ich keine riesigen Abnahmemengen realisieren kann, derer es für eine individuelle Verpackungsentwicklung bedürfte.

Welche Arbeitsschritte machen dich besonders glücklich?

Es fällt mir schwer, da einen besonderen Arbeitsschritt herauszustellen. Denn bis aufs Saubermachen am Schluss finde ich alles toll. Als studierte Politologin und Mediatorin ist die Arbeit mit den eigenen Händen für mich nach wie vor etwas ganz Besonderes.

Wobei: Wenn es nach dem Abwiegen, Zusammenrühren, Vorbereiten und Warten ans Abfüllen in die kleinen Weißblechdöschen geht, das freut mich vielleicht am meisten. Es ist einfach erfüllend zu sehen, wie aus einer großen Masse diese vielen kleinen Unikate entstehen. Dabei ist höchste Konzentration, aber auch Schnelligkeit gefordert.

Marie Herrmann füllt ihre noch flüssige Lippenpflege in die Döschen.
Gleich füllt Marie Herrmann ihre noch flüssige Lippenpflege in die Döschen – ihr liebster Arbeitsschritt.

Du bist auf vielen Märkten unterwegs und beobachtest schon länger die Naturkosmetik-Szene. Was hat sich die letzten Jahre deiner Meinung am Konsumverhalten verändert?

Ich habe den Eindruck, dass sich immer mehr Menschen dafür interessieren, was in ihren Pflegeprodukten drin ist und welche Auswirkungen dies auf den Körper hat. Es setzt sich so langsam das Bewusstsein dafür durch, dass alles, was auf den Körper drauf kommt, auch irgendwie in den Körper hineingelangt. Vielen wird das vor allem dann bewusst, wenn sie Kinder bekommen.

Ich finde diese Entwicklung fantastisch, auch weil die Leute heute gut informierte Entscheidungen treffen können. Durch Apps wie „Codecheck“ oder „ToxFox“ wird das nämlich super einfach!
Außerdem geht in meinen Augen der Trend weg von „viel hilft viel“ hin zu „weniger ist mehr“. Es gibt mittlerweile so viele tolle Anleitungen, wie man Zahnpasta oder Deo aus ganz einfachen Inhaltsstoffen selbst herstellen kann. Das hilft, Müll zu vermeiden und Geld zu sparen.

Und noch etwas fällt mir auf: Immer mehr Leute werfen einen ganzheitlichen Blick auf die Produkte, fragen ganz gezielt nach: Ist die Verpackung nachhaltig? Sind die Rohstoffe fair und bio? Stehen hinter den Produkten echte Menschen oder große Konzerne?

Marie Herrmann von Lipfein arbeitet in ihrer Küche.
Marie Herrmann experimentiert in ihrer Küche.

Welche Message hast du für alle, die – ähnlich wie du – etwas verändern wollen und ihre Träume verwirklichen möchten, sich aber bisher nicht getraut haben?

Es ist so unglaublich banal, dass ich mich kaum traue, dies zu sagen. Aber: einfach machen. Echt. Das hilft. Wer einmal ins Tun kommt und merkt, wieviel ein einzelner Mensch bewirken kann, der kommt da auch nicht mehr so schnell raus.

Wundervolle Momentaufnahmen und neue Produkte postet Marie übrigens auch regelmäßig auf Facebook und Instagram.

Lisa „Litchi“ Nora Völker
Die Wahlberlinerin vom Bodensee liebt die Natur und hat ein Faible für Design und Mode. In ihrem Onlineshop „Look of Litchi“ verbindet sie diese Interessen mit ihrer Leidenschaft fürs Schreiben. Ob handgemacht, vegan oder innovativ – sie ist immer auf der Suche nach besonderen Produkten und den außergewöhnlichen Menschen dahinter. Mehr ...

Diese Themen
in der aktuellen
Ausgabe lesen: