Diese Designerin schmeißt nichts weg

Natascha von Hirschhausen macht minimalistische und nachhaltige Mode, bei der es kaum Verschnitt gibt.

  1. Autorin und Fotos: Jessica Könnecke

Natascha, du als Modedesignerin, wie ist dein Eindruck: Denken die meisten Menschen bei nachhaltiger Mode immer noch an altmodische Ökooutfits?

Ja, auf jeden Fall, sehr oft. Das ist immer noch ein großes Thema. Viele Menschen verbinden mit Bio oder Öko etwas Schlechtes. Sei es, dass Bio-Mode schlecht gestaltet ist oder dass die Materialien und damit die Qualität schlechter sind. Aber das ändert sich glücklicherweise so langsam.

Natascha von Hirschhausen designt Mode, bei deren Herstellung sehr wenig Abfall entsteht – und trotzdem sieht sie super aus.

Deine Mode ist ja sehr clean. Spielt Minimalismus eine wichtige Rolle in deinem Leben?

Für mich ist es im Alltag befreiend, nicht zu viel zu besitzen. Sprich: keinen Kleiderschrank voller Sachen zu haben, die mir eigentlich gar nicht richtig passen. Eine minimalistische Lebensweise ist mir deshalb wirklich wichtig. Aber mir ist es mindestens genauso wichtig, diese Entscheidung nicht für andere Menschen zu treffen. Ich bin niemand, der anderen Menschen vorschreibt, weniger zu besitzen. Ich glaube nur, dass man sich schon darüber bewusst sein sollte, was man wirklich möchte und dass man mit seinen Sachen bewusst umgehen sollte. Wenn jemand sagt, dass es ihn glücklich macht, einen riesigen Kleiderschrank voll mit Kleidung zu haben, dann los.

Ein voller Kleiderschrank bedeutet aber ja häufig, viele sehr günstige Teile zu haben. Solch eine Fast-Fashion-Mentalität führt auch dazu, dass den Menschen, die unsere Kleidung herstellen, oft nur ein Hungerlohn bleibt.

Das stimmt leider. Ich habe aber das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren eine ganz neue Generation an Modelabels entwickelt hat, die es von Anfang an richtig und anders machen möchte – dazu gehöre auch ich. Wir wollen qualitativ hochwertige Kleidung anbieten, die dann natürlich auch teurer verkauft wird, weil sie eben sozial und nachhaltig ist.

Die konventionelle Modeindustrie sehe ich deshalb schon kritisch. Gerade, weil so viel verkauft werden soll, halten diese Labels die Produktionskosten so niedrig wie möglich. Der Preis hängt ja unmittelbar damit zusammen, wie etwas produziert wird und aus welchen Materialien.

Mit so einer mächtigen Konkurrenz ist der Start für eine Jungunternehmerin wie mich sehr schwierig und arbeitsreich. Trotzdem bin ich fest überzeugt, dass gerade diese neue Generation Modelabels gebraucht wird. Zum Glück beobachte ich, dass sie sich langsam professionalisiert und etabliert. Bei allen Schwierigkeiten macht dieser gefühlte Umbruch die Zeit gerade total aufregend.

 

Was dich von den anderen unterscheidet, ist insbesondere deine Minimal-Waste-Strategie bei der Herstellung deiner Kleidungsstücke. Das kannte ich bis jetzt nur von der Vermeidung von Müll und Plastik im Alltag. Wie bedeutet das denn konkret in der Modeindustrie?

In der konventionellen Modeindustrie entsteht viel Müll. Das passiert vor allem dadurch, dass man die Kleidung zuschneidet. Man hat einzelne Schnittteile, die etwa Kurven haben und Rechtecke. Diese legt man dann aneinander und schneidet darum herum. Dadurch entsteht natürlich eine Menge Verschnitt, der dann entsorgt wird.

Dazu kommt die Überproduktion. Wenn eine Fast-Fashion-Firma 10.000 Teile bei ihrer Produktionsstätte bestellt, werden außerdem höchstwahrscheinlich 12.000 produziert, weil man davon ausgeht, dass einige Teile fehlerhaft sind. Diese werden dann natürlich ebenfalls entsorgt.

Bedeutet das, dass du genau diesen Müll vermeidest? 

Genau. Den Verschnitt, von dem ich gerade schon gesprochen habe, kann man auf verschiedene Arten minimieren. Etwa indem man im Gestaltungsprozess darauf achtet, dass erst gar keiner entsteht. Das geht zum Beispiel mithilfe von speziellen Schnitten, die zwar auch Kurven beinhalten, aber bei denen die Schnitteile genau ineinandergreifen. Das kann man sich im Prinzip wie eine Art Puzzle vorstellen.

 

Was genau hat dich dazu gebracht, nach diesem Prinzip zu arbeiten?

Die Idee ist mir durch meinen Aufenthalt in Bangladesch 2014 gekommen. Dort habe ich gesehen, wie viel Müll eigentlich durch die Textilindustrie produziert wird. Es gab zu dieser Zeit schon Upcycling-Labels, die aus diesem Müll etwas Neues produziert haben. Ich habe mir aber gedacht, dass es doch besser wäre, wenn der Müll gar nicht erst entsteht. Also habe ich angefangen, mich intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen und im Rahmen meiner Masterarbeit ein Jahr lang daran geforscht, wie man Schnittteile so ineinanderlegen kann, um am Ende so wenig Verschnitt wie möglich zu erhalten.

Abschließend: Was ist deine Vision für die Zukunft, Natascha? 

Mir ist es total wichtig, dass meine Mode auch außerhalb der – ich nenne es mal – Nachhaltigkeitsblase wahrgenommen wird. Ich möchte auch Leute erreichen, die sich noch nicht mit nachhaltiger Mode auseinandergesetzt haben. Am Ende verkauft sich ein Produkt nicht, das nur nachhaltig ist. Auch ein nachhaltiges Produkt muss gut aussehen! Mir ist es wichtig zu zeigen, wie schön nachhaltige Kleidung sein kann und wie angenehm sie zu tragen ist.

Zurzeit läuft noch Nataschas Crowdfunding Kampagne auf Kickstarter. Ihr könnt dort die Kooperation von Natascha und dem kleinen Label „Living Blue“ aus Bangladesch unterstützen. Sie möchten zusammen eine Kollektion aus natürlich gefärbter und kompostierbarer Mode produzieren. Außerdem findet ihr zur Zeit einige Stücke von Natascha im Online-Outlet „Mit Ecken und Kanten“ zu günstigeren Preisen. Und bei Instagram und Facebook ist sie auch unterwegs.

Jessica Könnecke
Jessi ist ein Tausendsassa: Bloggerin, Marketing-Profi, Journalistin und Unternehmerin. Zuletzt hat sie ihren eigenen Online-Pup-up-Shop „Mit Ecken und Kanten“ veröffentlicht – und verkauft hier nur nachhaltige Produkte mit kleinen Fehlern, die sonst nicht mehr auf dem Markt gelandet wären. Mehr ...

Diese Themen
in der aktuellen
Ausgabe lesen: