Minimalistisches Design für minimalistische Schränke

Gegen die große schnelllebige Modeindustrie anzugehen, ist ein Kampf gegen Windmühlen. Wie Lia und Lydia vom Label „Myrka Studios“ es dennoch geschafft haben – und was ein Kompliment damit zu tun hat.

  1. Interview: Inga Schörmann

Ihr sagt, ihr wollt der Fast-Fashion etwas Nachhaltiges entgegenstellen. Findet ihr eure eigene Mode erschwinglich?

Lia: Unsere Mode findet sich ganz klar und auch bewusst in einem anderen Preissegment als viele Fast-Fashion-Unternehmen. Das ist darauf zurückzuführen, dass wir nicht nur mit nachhaltigen Materialien arbeiten, sondern außerdem fair und regional hier in Deutschland produzieren. Die preisliche Positionierung unseres Labels kam daher nicht aus einer Entscheidung der Zielgruppe heraus, sondern ist notwendig um unsere hohen Ansprüche an Nachhaltigkeit zu erfüllen.

Lydia: Unsere Mode soll die Konsumenten dazu anregen weniger, aber wertiger und bewusster zu konsumieren. Wir legen großen Wert auf die Qualität und die gute Kombinierbarkeit unserer Kleider, sodass unsere Kunden langfristig weniger Teile kaufen müssen.

Lia Bernard (links) und Lydia Hersberger leben in Berlin, kommen aber eigentlich aus Hessen und aus der Schweiz. Neben der Arbeit bei „Myrka Studios“ ist Lia als Stylistin tätig, Lydia als Fotografin und Grafikdesignerin.

Ihr nennt eure aktuelle Kollektion „Capsule Collection“ – ich nehme an frei nach der „Capsule-Wardrobe-Methode“, mit der man es schafft, wenig Teile im Schrank zu haben, die aber so gut kombinierbar sind, dass man sich immer gut und abwechslungsreich anziehen kann. Warum ist das erstrebenswert?

Lia: Tatsächlich heißt unsere Kollektion Capsule Collection, weil es eine kleine erste Kollektion ist, die zeigt, was wir zukünftig planen, und die nur limitiert produziert wird. Dennoch passt unser Grundgedanke hinter der Kollektion auch zu dem Prinzip des Capsule Wardrobe, denn unser Design ist minimalistisch mit besonderen Details, gut kombinierbar und qualitativ hochwertig. Sie bietet also jede Möglichkeit, mit wenigen tollen Teilen bessere Kombinationsmöglichkeiten zu entwickeln als mit vielen Fast-Fashion-Stücken.

Habt ihr selbst Lieblinge unter euren Kleidungsstücken?

Lydia: Unsere persönlichen Favoriten sind der Mantel und der Pullover. Wir beide tragen diese Teile sehr gerne, weil sie sich perfekt in unsere Alltagslooks integrieren lassen und wir nach solchen Kleidungsstücken schon lange gesucht hatten, bevor wir sie selbst umgesetzt haben. Der Pullover kam auch im Crowdfunding am Besten an und war schnell ausverkauft. Deshalb und auch weil wir selbst ihn so gerne tragen, haben wir ihn nach der Kampagne noch einmal neu aufgelegt und um eine weitere Farbe ergänzt. Er ist jetzt sowohl in Nude als auch in Anthrazit in unser Basissortiment aufgenommen.

Lia: Und der Mantel ist durch sein tolles Material und sein zeitloses Design zu unserem persönlichen Lieblingsteil geworden. Er wertet jedes Outfit auf und wirkt immer lässig und stylish.

Lia Bernard von Myrka Studios in selbst designten Pullover.
Lia in ihrem Lieblingsteil: der Jumper Madeleine.
Lydia Hersberger von Myrka Studios im Mantel Yaël.
Lydia favorisiert den Coat Yaël.

Wieso ist euch Nachhaltigkeit so wichtig?

Lydia: Der blinde Konsum auf Kosten von Umwelt und Menschen kann so nicht mehr lange gut gehen. Es muss wieder Wege geben, Kleidung mit Wertschätzung zu konsumieren und dabei weder der Umwelt zu schaden, noch Menschen durch die Massenindustrie auszubeuten. Nachhaltigkeit ist ein Wert, der dringend und besonders in der Modebranche ankommen muss. Und da wir selbst viel Wert auf Nachhaltigkeit in unserem Konsum legen und so auch immer auf der Suche nach kompromisslos nachhaltigen und transparenten Labels waren, arbeiten wir von Anfang an bis ins letzte Detail nachhaltig und transparent.


Wie sichert ihr ab, dass wirklich alles so nachhaltig und fair wie möglich von statten geht?

Lia: Wir designen unsere Kollektionen selbst in Berlin. Die Materialien beziehen wir von verschiedenen Lieferanten, wobei wir sehr genau darauf achten, woher der Rohstoff kommt und wie der Stoff produziert wurde. Uns ist sehr wichtig, dass der Lieferant uns seine Produktionskette offenlegen kann und wir so nachvollziehen, wie das Produkt, mit dem wir arbeiten, entstanden ist. Unsere Materialien kommen aus Italien, der Türkei, Portugal und auch Deutschland. Wir arbeiten außerdem mit mehreren Schneiderinnen in Berlin zusammen. Manche Teile fertigen wir auch selbst bei uns im Studio.

Wie habt ihr zwei euch kennengelernt?

Lia: Lydia hat mir ein Kompliment für meine Bluse gemacht. So kamen wir ins Gespräch. Das war bei einer Infoveranstaltung zum Studiengang Kommunikationsdesign an Lydias späterer Uni. Ich habe dann doch das Studium Modedesign gewählt – aber die Freundschaft blieb. Manchmal ist es verrückt, welche kleinen Zufälle später so große Auswirkungen auf das Leben haben.

Und wie kamt ihr auf die Idee, nachhaltige Mode zu machen?

Lydia: Ganz typisch bei einem Glas Wein vor einem Kinobesuch. Ich habe zu der Zeit ein Praktikum bei dem Fair-Fashion-Magazin Noveaux gemacht und Lia steckte mitten in ihrem Modedesign-Studium. Durch mein Praktikum aber auch durch die ständige persönliche Suche nach schöner nachhaltiger Kleidung ist uns klar geworden, dass das Angebot noch nicht groß genug ist für die steigende Nachfrage.

Lia hat sich auch im Studium schon mit der nachhaltigen Umsetzung von Modeprojekten beschäftigt. Wir haben deshalb ein bisschen herumgesponnen, was wir mit dieser Idee machen könnten. Als wir uns am nächsten Tag wieder gesehen haben, waren wir beide immer noch von unseren Ideen überzeugt, da war uns klar, dass wir es wagen würden.

Bluse Luna Coat Nils khaki, Myrka Studios.
Auch schön: die Bluse Luna und die Jacke Nils.
Culotte Bella, Myrka Studios
Mein Favorit: Die Culotte Bella.

Wie wurde aus der Idee Realität?

Lia: Nach dem Kinoabend mussten wir uns zunächst eine ganze Zeit lang durch die Bürokratie schlagen, die nötig ist, um zu gründen. Das war für uns beide Neuland und schwierig. Aber nach der offiziellen Gründung im Juni 2016 konnten wir gleich mit einer Kooperation mit dem Noveaux-Magazin starten. Da haben wir als erstes Projekt nachhaltige Handschuhe aus Kork auf den Markt gebracht und schon wenig später, Anfang 2017, unsere erste Kollektion im Crowdfunding präsentiert.

Lydia, du bist eigentlich Fotografin – fotografieren kann man ja aber eigentlich erst, wenn alles fertig ist. Was machst du bei Myrka Studios?

Lydia: Am Ende der Kollektion bin ich natürlich auch für die Fotos zuständig aber auf dem gesamten Weg dazwischen arbeite ich an sehr vielen anderen Dingen. Ich bin für PR und Sales zuständig, kümmere mich um unseren Auftritt, ob in den Sozialen Medien oder in der realen Öffentlichkeit. Außerdem habe ich unseren Onlineshop aufgebaut und stehe deshalb hinter den gesamten Vertriebswegen.

Durch unsere unterschiedlichen Ausbildungen ergänzen wir uns sehr gut und finden in der gemeinsamen Vorstellung von Design zusammen. Die Geschäftsführung des Labels meistern wir gemeinsam.

Das Crowdfunding war erfolgreich, im Herbst habt ihr euren Onlineshop gelauncht – und zuletzt habt ihr mit einer T-Shirt-Zwischenkollektion zusammen mit den „Fashion Changers“ auf euch und alle aufmerksam gemacht, die die Modeindustrie ändern wollen. Welche Meilensteine stehen als Nächstes an?

Lia: Im Februar kommt unsere zweite Kollektion auf den Markt. Im Moment arbeiten wir außerdem als Pilotunternehmen an einem Projekt zur vollständigen Kreislauffähigkeit von Mode mit. Somit ist das ein Projekt, das uns im nächsten Jahr begleiten wird und das wir so in unseren zukünftigen Kollektionen umsetzen werden.

Wir finden, es lohnt sich, im Online-Shop der beiden zu stöbern und ihnen bei Instagram zu folgen. Zur Zeit findet ihr ihre Stücke auch auf der Fashion Week Berlin beim „Fashion Changers x Pre Peek“.

Inga Schörmann
Inga ist eine ökologisch und feministisch motivierte Wortklauberin – im besten Sinne. Weder sprachliche Ungenauigkeiten noch gesellschaftliche Ungerechtigkeiten entgehen unserer leitenden Redakteurin. Allerdings entwischen ihr immer wieder Würmer aus der Wurmkiste. Daran arbeitet sie noch. Mehr ...

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