Morgen essen wir Maden

Ernährungsfreaks verkaufen Mehlwürmer und Heuschrecken als Nahrung der Zukunft: Proteinreiche Insekten sollen die ökologische Alternative zu Fleisch sein. Aber schmecken die?
Rebecca Sandbichler hat es mit der ganzen Familie ausprobiert.

  1. Autorin/Fotos: Rebecca Sandbichler
Heuschreckenspieße schmecken erstaunlich gut, etwas wie Fisch.
Heuschreckenspieße schmecken erstaunlich gut, etwas wie Fisch.

Das Schlimmste sind die Widerhaken an den Füßen. Da sind mein Mann und ich uns einig, als wir die getrockneten Wanderheuschrecken fürs Abendessen aufspießen. Die langen, dünnen Beine würden uns sicher im Hals stecken bleiben. Auch die zarten Flügel der Tiere reißen wir ab, bevor wir sie mit Zahnstochern durchbohren. Ganz vorsichtig, denn hin und wieder lösen sich der Kopf oder das längliche Hinterteil schon beim Aufspießen. Heuschrecken sollen einen fischigen Geschmack haben, also braten wir sie wie Gambas. Wir schütten Olivenöl in die Pfanne, dazu Knoblauch, Salz und Zitronensaft. Fertig ist der Insektenspieß auf Salat. Geschmacklich sind wir überzeugt – tatsächlich wie Fisch, fast wie im Spanienurlaub. Mein Mann Josef zerkaut eine Heuschrecke noch mal ganz bewusst: „Viel dran ist aber nicht.“

Dass wir schon am zweiten Tag des Selbstversuchs wagen würden, dicke Brummer zu essen, hätte ich nicht gedacht. Am ersten Abend verzieht Josef angeekelt das Gesicht, als er die knusprigen Knoblauch-Buffalo-Würmer auf seiner Kürbissuppe entdeckt. Je länger er zögert, desto aufgeweichter werden sie. Tapfer löffelt er weiter. Aber mein fünf Jahre alter Sohn schreit und schiebt den Teller demonstrativ von sich. Ganz sicher wird er diese Getreideschimmelkäferlarven niemals anrühren. Und die Art, wie unsere Kleinste die braunen Kringel auf den Tisch spuckt, kann man nur so interpretieren: „Was soll DAS denn?“ Nur der große Bruder pickt mit Begeisterung die Larven aus der Suppe. Er füllt später noch ein paar in ein Schälchen. Zum Knabbern vor dem Fernseher.

Erst noch neugierig, verschmäht Rebeccas Sohn später die Larven.
Erst noch neugierig, verschmäht Rebeccas Sohn später die Larven.
Rebecca Sandbichler beißt in einen Heuschreckenspieß.
Rebecca beißt herzhaft zu.

„Warum machst du das, Mama?“

Nach diesen sehr gemischten Reaktionen bereite ich die Heuschrecken vorerst nur für uns Erwachsene zu. Die kulinarische Neugier der Kinder will ich nicht über-reizen und zum Ausspucken sind mir diese Spezialitäten zu schade. Auch hallt die Frage des Mittleren noch nach: „Warum machst du das, Mama?“ Ja, warum nicht? Wir sollten der Insektennahrung doch mindestens eine Chance geben. Erstens sind Insekten gesund: Mehlwürmer etwa enthalten so viel Protein wie Rindfleisch, mehr Vitamin B12 als Eier und haben eine ähnliche Aminosäuren-Struktur wie Tofu. Vor allem aber sind Insekten für die Umwelt deutlich weniger belastend als Fleisch: In der -Aufzucht brauchen Mehlwürmer nur ein Fünftel so viel Nahrung wie eine Kuh und belasten vom Schlüpfen bis zum Teller die Atmosphäre nur mit etwa einem Dreißigstel des Kohlenstoffdioxids. Vorausgesetzt, sie werden nicht in extra beheizten Terrarien gezüchtet.

Nicht nur ein paar kulinarische Spinner, sondern die Experten der globalen „Food and Agriculture Organization“ (FAO) sind seit einer großen Studie im Jahr 2013 überzeugt: Insekten bilden in drei Jahrzehnten für uns eine sichere Nahrungsquelle, wenn schon neun Milliarden Menschen den Planeten bevölkern. Wir dürfen dann nicht alle Fleisch essen, weil das furchtbar schlecht fürs Klima ist, durch den Futtermittel-Anbau ganze Regenwälder draufgehen und Grundwasser-Quellen versiegen.

Teures Vergnügen: Ein Kilo Mehlwürmer kostet mindestens 170 Euro.
Teures Vergnügen: Ein Kilo Mehlwürmer kostet mindestens 170 Euro.
Josef spießt vorsichtig Heuschrecken auf, sonst zerbrechen sie
Josef spießt vorsichtig Heuschrecken auf, sonst zerbrechen sie

Maikäfersuppe war einst Spezialität in Deutschland

Da könnte doch Entomophagie ein Teil der Lösung sein. So heißt der Fachbegriff für den Verzehr von Insekten, der bei uns nun wirklich nicht üblich ist. Weltweit essen aber schon etwa zwei Milliarden Menschen ganz selbstverständlich alle möglichen Krabbler und Kriecher – ob Heuschrecken, Larven, Fliegen oder Käfer. In China, Thailand, Tansania oder Peru kann man sie auf Märkten kaufen und als Snack am Straßenrand essen. Sogar in Deutschland war bis in die Nachkriegszeit die Maikäfersuppe eine saisonale Leckerei, angeblich mit einem feineren Geschmack als Krebssuppe.

Unser Überfluss hat uns so manche Nahrungsquelle vergessen lassen, sagt Christoph Thomann. Der ausgebildete Gesundheitsmanager betreibt den Onlineshop insektenessen.at und bringt in seinem Wiener Küchenstudio mutigen Menschen das Kochen mit Insekten bei. Thomann rät mir, bei den ersten Insekten-Happen den Kopf auszuschalten. Es dauere seine Zeit, bis man den kulturell antrainierten Ekel überwindet. Er selbst knabbert Heuschrecken inzwischen gern bei der Arbeit, sogar mit Flügeln dran. Brrr, so weit sind wir noch nicht.

Im Internet könnte ich Salzheuschrecken oder Müsli aus Insekten schon fertig bestellen. Ich wähle aber für den Anfang ein Starterpaket mit kleinen und großen Heuschrecken und verschiedenen Larven aus. Ungekühlt kommen sie im Karton bei uns zu Hause an, denn getrocknete Insekten bleiben wenigstens drei Monate lang genießbar.

Mehlwürmer aus der eigenen Küche

Eine Tüte Heimchen lege ich für meinen Schwiegervater zurück. Der offizielle Gourmet der Familie war gleich interessiert an unserem Selbstversuch: Die kleinen Grillen wolle er nur zu gern probieren. In den edel gestalteten Papiertüten wirken sie gar nicht so eklig. Tot sind sie natürlich trotzdem. Anders als bei der gelegentlichen Bio-Putenbrust sehen die Kinder hier gleich, dass es sich um Tiere handelt. Und wollen wissen, wie sie denn in die Packung gekommen sind.

Gäbe es das Zuchtgerät „Hive“ schon im Handel, könnte ich ihnen das anhand des Mehlwurms vom Ei bis zum Tier genau zeigen. Die Industriedesignerin Katharina Unger entwickelt es mit ihrem Unternehmen „Livin Farms“ gerade im chinesischen Startup-Mekka Shenzen. Sie will damit jedem eine tägliche Portion Insekten-Protein ermöglichen. Momentan sind Insekten nämlich noch eine unverschämt teure Spezialität: Ein Kilogramm Mehlwürmer kostet mindestens 170 Euro. Zu solchen Preisen können sich normale Familien nicht dauerhaft von Insekten ernähren.

Mit Ungers intelligenter Mehlwurmfarm könnte jeder die Tiere selbst aufziehen und sie mit Küchenabfällen füttern. Aber am Ende muss man die ausgewachsenen Larven auch töten, indem man sie für einen Tag in die Tiefkühltruhe stellt. Klingt grausam, doch Unger sagt, dass die Larven wie in der freien Wildbahn zuerst in einen Winterschlaf fallen. Und das enge Leben in der Schublade? Sei für die Würmer sogar wichtig, denn nur durch direkte Reibung mit Artgenossen entwickeln sie ihre feste Haut.

Mmh, Maden-Karamell an Roter Grütze!
Mmh, Maden-Karamell an Roter Grütze!
Snack für zwischendurch: ein paar deftige Maden!
Snack für zwischendurch: ein paar deftige Maden!

Eine Vegetarierin isst Insekten

Sind Insekten also womöglich eine moralisch bessere Alternative zu üblichem Fleisch? Immerhin habe man dabei keine Säugetiere auf dem Gewissen, findet Unger. Die ethischen Grenzen einer überzeugten, jahrelangen Vegetarierin teste ich am fünften Tag beim Übernachtungsbesuch meiner jüngeren Schwester: Ganz freiwillig, mit etwas gutem Zureden probiert sie einen Mehlwurm-Schoko-Vanille-Keks. Die habe ich schon zu Beginn fabriziert, denn bekanntlich schmeckt alles besser mit Schokolade. Leider sehen die aber nur auf den ersten Blick aus wie Mandel-Splitter-Häufchen, auf den zweiten sieht man braune Larvenhintern aus der Milchschokolade ragen. Es kostet meine Schwester große Überwindung, doch sie beißt zu.

Ihr Gesicht erhellt sich schnell beim Kauen und sie bescheinigt meiner Kreation ein Aroma von Haselnuss-Schokolade. Nachschlag will sie trotzdem keinen, bloß nicht! „Es ekelt mich ziemlich, dass ich grade Tiere gegessen habe. Hast du was zum Runterspülen?“ Auch der deutsche Vegetarierbund (Vebu) erteilt der Entomophagie eine Abfuhr: Die wissenschaftlichen Ergebnisse zur Leidensfähigkeit von Insekten seien nicht eindeutig. Und man könnte sich ja auch rein pflanzlich vollwertig ernähren.

Dieser Feststellung stimme ich auf rationaler Ebene schon lange zu. Sie ist allerdings nicht der Grund, warum unsere Neugier auf Insekten inzwischen abgeflaut ist. Angebratene Mehlwürmer und Heuschrecken reizen mich kulinarisch schlichtweg nicht sonderlich. Würde man abends zu mir sagen: „Was willst du essen? Such dir was aus.“ Die Antwort wäre wahrscheinlich nicht: „Irgendwas Trockenes, Nussiges.“ Eine deftige Made hingegen ... Moment, habe ich das wirklich gerade gedacht? Vielleicht haben die Kritiker dennoch recht, die sagen, dass Insekten nur als Extrakt oder Mehl die Mägen der Massen erobern werden.

Insekten für die Massen?

Das Bundesamt für Risikobewertung untersuchte 2015 in einer Studie, wie bekannt Insekten als Lebensmittel sind. Die meisten Befragten wussten, dass Larven und Heuschrecken als Nahrung oder Futtermittel taugen. 14 Prozent hatten sogar selbst schon irgendwann welche probiert. Fast die Hälfte schätzte Insekten außerdem als gesund oder sehr gesund ein; ihr Potenzial für die Welternährung stufte sie als hoch ein. Trotzdem glaubt die Mehrheit der Deutschen, dass Insekten sich als Lebensmittel nicht durchsetzen werden.

Wo kriegt man die Krabbler?

Es gibt bereits mehrere etablierte Onlineshops, die ganze Heuschrecken oder Larven führen und sogar verarbeitete Produkte wie Nudeln – etwa unter www.wuestengarnele.de oder www.besteinsekten.de.

Rezepte für den Anfang

Larven wie Mehlwürmer lassen sich gut zerkleinern und sind in Muffins oder Keksen nicht mehr zu erkennen. Wer jedoch gerade den Schock-Effekt schätzt, ist mit einem Heuschreckenspieß gut beraten. Weitere Ideen hier.

Ich habe noch einige Larven übrig, also mache ich mich auf die Suche nach einschlägigen Rezepten. Wie wär’s mit einem Buffalo-Wurm-Burger? Der Schweizer Lebensmittel-Händler Coop will tatsächlich noch in diesem Jahr Hackbällchen und Burger aus Insekten ins Sortiment aufnehmen. Die Schweiz erlaubt seit Mai den Verkauf, denn sie kann die Novel-Food-Verordnung der EU gepflegt ignorieren. Diese Regelung wurde Ende der 90er-Jahre erlassen und besagt, dass isolierte Nahrungsmittel aus Tieren ein Zulassungsverfahren durchlaufen müssen. Künftig werden Insekten-Händler laut dem Bundesamt für Risikobewertung mit Studien nachweisen müssen, dass ihre Produkte unbedenklich sind. Für die junge Branche könnte das eine Hürde werden.

Das Amt listet in einem offiziellen Papier auch einige mögliche Gefahrenquellen auf: Bakterien im Insektendarm, Pestizid-Rückstände von der Fütterung oder art-eigene Krankheiten, die sich in der Massenzucht schnell ausbreiten könnten. Eines weiß man jetzt schon: Wer auf Krustentiere allergisch ist, sollte die Finger von Heuschrecken und Co. lassen.

Das sind wir in unserer Familie zum Glück alle nicht. Aber mein mittlerer Sohn bleibt allergisch auf den Gedanken, Insekten zu essen. Er hilft mir gern, die Buffalo-Würmer für eine Falafel-Masse zu zerkleinern. Aber er kann sich nicht überwinden, in die fertigen Bällchen zu beißen. Meine kleine Tochter isst sie anstandslos, den Zusammenhang mit den Würmern zu Beginn kann sie mit ihren zwei Jahren noch nicht herstellen.

„Unsere Kleinste spuckt die braunen Kringel wieder auf den Tisch.“

Keine Schrecken in der Schule

Weil ich zum Schluss noch mal in Schwung bin, backe ich für meinen Ältesten ein Buffalo-Wurm-Knuspermüsli im Ofen. Solange irgendwo genug Honig drin ist, isst er fast alles. Die nussig-süße Mischung schmeckt ihm so gut, dass er gerne eine Dose davon mit in die Schule nehmen möchte – seine Freunde sollen auch probieren. Das ist mir nach all den Experimenten ein wenig peinlich, aber: Ich kneife. Mein Kind soll im ersten Jahr an der Grundschule nicht als der Freak mit den Würmern in der Brotbox bekannt werden. Zu gut ist mir aus meiner eigenen Schulzeit der Junge in Erinnerung, der zur Belustigung aller Mitschüler lebendige Ameisen verspeist hat.

So schnell bin ich an den Grenzen unserer mitteleuropäischen Esskultur zum Stehen gekommen. Aber dieser kurze Ausflug über den Tellerrand hinterlässt ein Kribbeln im Bauch.

Rebecca Sandbichler
Die Tiroler Journalistin hat ihr ökologisches Gewissen erst spät entwickelt: 20 Jahre lang eine Liebhaberin von Fleisch, Käse und Co., wurde sie durch eine vegane Woche mit Studienfreunden moralisch bekehrt. Zumindest vorübergehend. Heute sind die seltenen tierischen Produkte in ihrem Fünf-Personen-Haushalt aber immerhin Bio. Mehr ...

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