Marlene, du bist Sahne, Baby!

Marlene ist eine der Gründerinnen des Labels „Nata Y Limón“. Gemeinsam mit Anne macht sie wunderschöne nachhaltige Wohnaccessoires und schafft damit Arbeit für Weberinnen in Guatemala.

  1. Interview: Jessica Könnecke
  2. Fotos: Jorge Estuardo de León
Marlene von Nata y Limón mit ihren Kissen

Sahne und Zitrone – das bedeutet euer Name „Nata Y Limón“ auf Deutsch. Ich spreche ein bisschen Spanisch und war überrascht, dass sich dahinter eure schönen Wohnaccessoires befinden.

Wir haben ziemlich lange über den richtigen Namen für unser Unternehmen nachgedacht. Er sollte Spanisch sein, weil die Ursprungsidee in Guatemala entstanden. Und möglichst exotisch. Ein richtiger Markenname also. Der Vorschlag zu „Nata Y Limón“ kam dann tatsächlich von einem spanischen Freund. Wir fanden es super: Sahne & Zitrone – zwei Dinge, die unterschiedlicher nicht sein können, zusammen aber doch etwas ganz Tolles ergeben. Eine perfekte Symbiose. Symbolisch für uns passt das super, weil wir mit unserem Unternehmen zwei verschiedene Welten miteinander verbinden.

Marlene Walter (l.) und Anne Schneider kennen sich noch aus dem Studium – die Idee zu „Nata Y Limón“ reifte aber viel später. Heute führen sie ihr gemeinsames Unternehmen und stärken damit auch andere Frauen.

Du meinst Guatemala und Deutschland? Warum eigentlich? Ihr hättet doch auch prima nur hier in Deutschland ein Projekt starten können.

Die Idee, in Guatemala ein Projekt zu starten, ist aus einem sehr persönlichen Bezug zu dem Land entstanden. Anne und ich kennen uns bereits seit unserem Tourismusstudium 2005 und sind seitdem sehr gute Freundinnen. 2015 haben wir unabhängig voneinander beide unsere festen Jobs in Berlin und München gekündigt. Der Drang, unsere Energie in etwas Sinnvolles zu stecken, wurde einfach zu groß. Wir haben uns dazu entschieden, eine längere Zeit als Freiwillige in sozialen Projekten zu arbeiten und unsere Marketingerfahrungen aus unseren vorherigen Jobs sinnstiftend einzusetzen. Dabei hat es uns beide stark nach Mittelamerika gezogen. Anne hat in einem Bildungsprojekt in Costa Rica gearbeitet und ich in einem Frauenprojekt in Guatemala.

Nach unserer Freiwilligenzeit haben wir uns in Nicaragua getroffen und für ein paar Wochen gemeinsam das Land bereist. Gleich an unserem ersten Abend entstand die Projektidee zu Nata Y Limón. Als wir wieder in Deutschland angekommen waren, haben wir sofort die Marktrecherche und Business-Planung gestartet. Im August 2016 sind wir ein zweites Mal nach Guatemala gereist, um zu recherchieren und Partnerschaften mit lokalen Webereien aufzubauen.

„For every marginal pound a woman gets, she puts 90 per cent of it back into her family. So if you invest in a woman, you invest in everyone else.“

Soweit ich weiß, arbeitet ihr in Guatemala ja vor allem mit Frauen zusammen. Welche Bedeutung hat für euch die gezielte Förderung von Frauen?

Ich möchte an der Stelle ein Zitat von Melinda Gates erwähnen, das mir, seitdem ich es das erste Mal gehört habe, nicht mehr aus dem Kopf geht: „For every marginal pound a woman gets, she puts 90 per cent of it back into her family. So if you invest in a woman, you invest in everyone else.“

Das trifft inbesondere auf die Länder zu, in denen die Benachteiligung und Unterdrückung von Frauen noch sehr stark verbreitet ist. Gleichzeitig sind es aber auch Frauen, in denen ein enormes Potenzial steckt und die selbst zur Verbesserung ihrer Lebenssituation beitragen könnten. Daran glauben wir zu 100 Prozent. Während meiner Zeit in Guatemala habe ich sehr viel über das Leben indigener Gemeinden gelernt und über die schwierige Rolle der Frau vor Ort. Die Kultur Guatemalas ist stark geprägt von der Maya-Textilkunst. Die Meisterinnen dieser uralten Handwerkskunst sind überwiegend Frauen. Für sie ist die Handarbeit oftmals die einzige Möglichkeit, zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizutragen. Im häuslichen Umfeld bekommen sie die Webkunst bereits als Kind beigebracht und üblicherweise sind sie es, die das Handwerk auch an die kommenden Generationen weitergeben. Genau das wollen wir mit unserem Projekt fördern.  

Und wie läuft die Zusammenarbeit zwischen euch hier in Deutschland und den Weberinnen in Guatemala? Das stelle ich mir gar nicht so einfach vor.

Ja, da hast du vollkommen Recht. Es sind wirklich zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein können. Sahne und Zitrone eben. Anne und ich kümmern uns von Deutschland aus zusammen mit unserer Designerin um das Design, die Logistik, das Marketing und den Vertrieb. Die Produktion unserer Wohnaccessoiries findet dann komplett in Guatemala statt. Dass diese Partnerschaft komplett anders ablaufen würde, als wir es bisher gewohnt waren, lag auf der Hand. Da ist gute Kommunikation alles. Hinzu kommen dann aber noch Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und die räumliche Distanz. Gerade jetzt in der Produktionsphase kommunizieren wir täglich per E-Mail und Whatsapp. Zusätzlich versuchen wir zweimal im Jahr persönlich hinzufliegen, um langfristig Vertrauen aufzubauen.

Marlene Walter, Anne Schneider, Nata y Limon, Stoff
Marlene Walter, Anne Schneider, Nata y Limon, Stoff

Ihr schreibt auf eurer Website, dass ihr „Schönes schaffen wollt, das allen zugute kommt“. Wie wichtig ist der, verzeih den Anglizismus, Social Impact eures Projekts?

Sozialen Einfluss zu nehmen, treibt uns an und ist unser oberstes Ziel. Wir wissen aber auch, dass größtmöglicher Social Impact nur dann möglich ist, wenn wir ein professionelles Produktdesign umsetzen, das wettbewerbsfähig ist. Ohne das eine funktioniert das andere nicht. Aber alles, was wir tun, ist darauf ausgerichtet, so viel für die Menschen vor Ort zu erreichen wie möglich. Trotzdem ist Nata Y Limón ein Unternehmen. Wir müssen davon leben können und finanzielle Mittel haben, um ein Team hier aufzubauen. Nur so können wir langfristig etwas in Guatemala bewirken.  

Vor einem Monat ist ja eure Crowdfunding-Kampagne erfolgreich zu Ende gegangen. Wie hast du persönlich diese Zeit erlebt?

Es war wahnsinnig aufregend und sehr motivierend, weil wir in kurzer Zeit viel Zuspruch bekommen haben. Letztendlich haben uns 300 Menschen finanziell dabei unterstützt, den Start für unser Unternehmen und die erste Produktion zu realisieren. Etwas Schöneres kann man sich nicht vorstellen. Es war aber auch wahnsinnig viel Arbeit und emotional eine extrem anstrengende Zeit.

Die Kissen von Nata Y Limón
Nata Y Limón machen auch tolle Boho-Taschen

Plant ihr, zukünftig mit der Produktion in Guatemala zu bleiben oder gibt es schon Pläne, auch in andere Länder zu gehen?

Kurz- und mittelfristig wollen wir erstmal planbare Kapazitäten für unsere bestehenden Kooperativen in Guatemala sicherstellen und mit Überschüssen Bedarfe vor Ort durch Projektarbeit angehen. Wir wollen auch weitere Webereien aus Guatemala für unsere Projekte gewinnen. Wenn wir dann strukturierte Abläufe etabliert haben, geht es vielleicht eines Tages in neue Länder. Aber das wollen wir langsam angehen. Nichts überstürzen. Die Arbeit ist hart und man braucht viel Geduld bis etwas sehr gut und selbstständig läuft. Unsere Arbeit soll nachhaltig sein.

Nata Y Limón bauen sich gerade ihren eigenen Onlineshop auf. Bis der fertig ist, könnt ihr die Produkte über erste Händler kaufen, etwa bei Akjumii oder ihr trefft Marlene und Anne persönlich bei Verkaufsmessen, wie am Wochenende beim Weihnachtsrodeo in Berlin. Etwas günstiger bekommt ihr gerade einige ihrer aussortierten Kissen beim Online-Outlet „Mit Ecken und Kanten“. Hier findet ihr sie außerdem bei Facebook und Instagram.

Jessica Könnecke
Jessi ist ein Tausendsassa: Bloggerin, Marketing-Profi, Journalistin und Unternehmerin. Zuletzt hat sie ihren eigenen Online-Pup-up-Shop „Mit Ecken und Kanten“ veröffentlicht – und verkauft hier nur nachhaltige Produkte mit kleinen Fehlern, die sonst nicht mehr auf dem Markt gelandet wären. Mehr ...

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