Deshalb solltet ihr keine Diät mehr machen

Joachim Westenhöfer weiß, warum dünne Körper en vogue sind. Er weiß aber auch, warum es ungesund ist, ständig auf Diät zu sein.

  1. Interview: Anne Hansen
Ein dicker Mann in Badehose und mit Rettungsring überm Arm schaut am Strand in die Ferne.

Herr Westenhöfer, haben Sie schon einmal eine Diät gemacht?

Nein. Warum sollte ich?

Mit Verlaub – aber das kann auch nur ein Mann fragen, oder?

(lacht). Sie haben Recht: Bei Frauen sind die Motive Schlankheit und Aussehen verbreiteter und wesentlich dominanter als bei Männern. Bei Männern steht das Ziel im Vordergrund, muskulös zu sein. Das lässt sich nicht mit einem geringen Gewicht vereinbaren.

Joachim Westenhöfer ist Professor für Ernährungs- und Gesundheitspsychologie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg.

Die Schönheitsideale wandeln sich. Früher galt nur ein beleibter Mensch als gesund und reich. Warum nur ist es heute schick, Mohrrüben zu knabbern?

In den 60er- und 70er-Jahren haben sich unsere Ideale maßgeblich verändert. Lebensmittel gab es im Überfluss und die oberen Schichten konnten es sich wortwörtlich leisten, schlank zu sein. Die Models wurden in dieser Zeit immer schlanker, die Miss America war plötzlich dünn. Bis zu den 60er-Jahren hatten die Psychiater hierzulande nie eine magersüchtige Patientin gesehen.

Auch Frauen, die nach gesellschaftlichen Maßstäben eigentlich eine gute Figur haben, mäkeln gerne an sich herum. Woher kommt das?

Zum einen liegt es am Vergleichsmaßstab. Wenn sich eine Frau mit einer durchschnittlichen Figur mit einem Model aus einem Modemagazin vergleicht, ist da natürlich eine deutliche Diskrepanz zu sehen. In den 90er-Jahren hatten Models teilweise einen Body-Mass-Index von 15: hochgradig untergewichtig – trotzdem wurden sie öffentlich als Schönheitsideal gehandelt. Heute gibt es zwar die eine oder andere Gegentendenz, aber insgesamt ist die Mehrzahl der Models oder Stars immer noch sehr dünn. Zum anderen handelt es sich um einen psychologischen Effekt. Wenn ich mit einem Körperteil von mir nicht zu- frieden bin, beobachte ich diese Stelle besonders häufig und intensiv. Doch durch die gesteigerte Aufmerksamkeit erscheint sie umso problematischer – obwohl sie dies von außen betrachtet überhaupt nicht ist.

Ist der erste Punkt nicht etwas hanebüchen? Vergleicht sich die Durchschnittsfrau wirklich mit Heidi Klum?

In der Redaktion der „Lindenstraße“ rufen auch schon mal Zuschauer an, die sagen: „Wenn bei euch eine Wohnung frei wird, wäre ich bereit einzuziehen.“ Das Beispiel ist ein wenig extrem, aber es verdeutlicht, dass zwischen Realität und Fiktion oftmals kein Unterschied gemacht wird. Obwohl auch die Models mit der Realität kaum etwas zu tun haben, haben diese Ideale Auswirkungen auf uns. Und wir sind ja auch ständig damit konfrontiert: Sehen Sie sich nur die Schauspielerinnen an, die Erfolg haben. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber insgesamt wird uns vorgegaukelt, dass alle sehr schlank sind. Liz Taylor oder Marilyn Monroe hätten heute keine große Chance mehr, Karriere zu machen.

Was macht es mit der Psyche, wenn man sich in seinem Körper unwohl fühlt?

Unzufriedenheit ist eine starke Emotion. Sie wirkt sich auf die gesamte Person aus. Die Selbstsicherheit leidet darunter und das allgemeine Wohlbefinden. Auch die körperliche Verfassung kann beeinträchtigt werden, wenn man seinen Körper nicht akzeptiert.

Heißt?

Man sollte den Körper so annehmen, wie er ist.

Sagen Sie jetzt nicht, das wäre einfach.

Nein. Aber es ist machbar. Ein Ansatz ist: Achten Sie nicht auf Dinge, mit denen Sie unzufrieden sind. Wenden Sie sich Punkten zu, die Sie an sich mögen. Man sollte sich grundsätzlich klarmachen, dass das Gewicht nicht das Einzige ist, was eine Person ausmacht. Im Gegenteil: Wenn jemand mit sich im Reinen ist, dann ist das viel entscheidender als das eine oder andere Kilo mehr. Natürlich, echte Adipositas wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus, da muss man was ändern. Aber wenn wir von Menschen sprechen, die nur etwas füllig sind, ist es entscheidender, dass man mit Genuss isst und nicht ständig Kalorien zählt und besessen auf die Kohlenhydrate achtet. Was man nicht vergessen darf: Essen ist etwas Schönes. Es wirkt sich positiv auf die Psyche aus – wenn man es genießen kann.

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