Perfekter Girlcrush: Jessi verkauft Unperfektes

Wir sind verliebt: in Jessica Könnecke, die das Online-Outlet für Öko-Produkte „Mit Ecken und Kanten“ gelauncht hat.

  1. Interview: Inga Schörmann
  2. Fotos: Elpomstudio
Jessica Könnecke steht in einem Palmenhaus, spiegel sich im Fenster

Heute geht dein Pop-up-Onlineshop „Mit Ecken und Kanten“ live – erzähl mal, was dahintersteckt.

Mit Ecken und Kanten“ ist mein Herzensprojekt. Durch meinen Blog stecke ich tief im  Thema Nachhaltigkeit und habe gemerkt, wie viel Freude es mir macht, Unternehmen zu unterstützen, die anders denken und etwas verändern wollen. So ist mir im Spätsommer die Idee gekommen, dass auch solche Unternehmen Produkte haben müssen, die sie im regulären Handel nicht verkaufen können – etwa Muster oder Produkte, die kleine Macken und Schönheitsfehler haben. Was passiert damit? Eine Online-Plattform gab es bis dato noch nicht. Da dachte ich, das ist genau mein Projekt: ein Outlet, das faire und nachhaltige Produkte anbietet. Zu einem günstigeren Preis versteht sich. Das Besondere: Es ist ein Pop-up-Shop. Sprich, ein Onlineshop der nur für eine bestimmte Zeit geöffnet ist – diesmal vom 15. November bis 23. Dezember.

Jessica Könnecke, 25, lebt in Nürnberg und hat in Schweden Internationales Marketing studiert. Seither ist sie selbstständig. Seit 2016 bloggt sie darüber, wie einfach sich Nachhaltigkeit in den Alltag integrieren lässt.

Logisch: So müssen die Hersteller der Produkte Fehlerhaftes nicht wegwerfen und machen sich auch nicht dauerhaft selbst Konkurrenz. Aber warum, glaubst du, werden Menschen Produkte kaufen, die unperfekt sind?

Ich glaube, dass viele Menschen es heutzutage satthaben, immer perfekt wirken zu müssen. Ich kenne das von mir selbst nur zu gut. Gerade wenn es um Nachhaltigkeit geht, zeigen wir sehr oft mit dem Zeigefinger auf die anderen. Oftmals wird uns suggeriert, dass wir es, wenn wir nur eine Sache nicht richtig machen, gleich ganz bleiben lassen sollten.

Aber das ist meiner Meinung nach der falsche Ansatz! Wir müssen uns gegenseitig in dem bestärken, was wir tun, anstatt immer zu viel voneinander zu erwarten. Und genau deshalb denke ich, dass gerade unperfekte Produkte einen Nerv unserer Zeit treffen. Wir geben damit eigentlich einwandfreien Produkten eine zweite Chance und setzen so ein Zeichen. Ein Zeichen dafür, dass Unperfektsein vor allem Individualität und Einzigartigkeit bedeutet und nicht als Schwäche anzusehen ist, wie es uns oft durch die Medien eingebläut wird.

„Wir müssen uns gegenseitig in dem bestärken, was wir tun, anstatt immer zu viel voneinander zu erwarten.“

Mal indiskret gefragt: Wie finanzierst du dich und das Projekt eigentlich? Von der Idee zur Umsetzung von „Mit Ecken und Kanten“ ging es jetzt so schnell, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass du nebenher noch gearbeitet haben könntest. Oder?

Nein, da liegst du ganz richtig. „Mit Ecken und Kanten“ ist seit Oktober mein Hauptprojekt und ich habe mich ganz bewusst für diesen Schritt entschieden. Ich habe zuvor, direkt nach meinem Master, zwei Monate in einem Start-up gearbeitet. Die Arbeit dort hat mir Spaß gemacht, aber ich habe schnell gemerkt, wie sehr es mich in die Selbstständigkeit zieht. Ich glaube, dass mir diese Entscheidung noch einmal einen großen Motivationsschub verpasst hat, der es mir ermöglicht hat, mein Projekt wirklich so fokussiert umzusetzen.

Ich kann auch jedem nur raten, dass man, wenn man den Wunsch verspürt, ein eigenes Projekt zu realisieren, es riskieren sollte. Ein Gedanke, der mir den Schritt in die Selbstständigkeit enorm erleichtert hat, war die Gewissheit, dass ich nichts verlieren kann. Ich habe immer die Möglichkeit, mir wieder einen Job zu suchen und in einem Unternehmen zu arbeiten. Ich glaube, dass das sehr dabei hilft, solch wichtige Entscheidungen zu treffen.

Why so perfect, honey? Claim Mit Ecken und Kanten

Machst du das alles eigentlich ganz allein?

Ich habe das große Glück meinen Freund Georg an meiner Seite zu haben. Georg hat mich von Anfang an in meiner Entscheidung, den Schritt in die Selbständigkeit zu wagen, bestärkt und unterstützt mich in Themen, in denen ich nicht so stark bin, wie beispielsweise IT, Fotografie und Buchführung. Meiner Meinung nach ist es super wichtig, dass man gerade am Anfang Personen um sich hat, die einen unterstützen und ehrliches Feedback geben.

Es klingt trotzdem, als wärest du ein leidenschaftliches Arbeitstier.

Ja, ich arbeite super gerne und momentan auch ziemlich intensiv an meinem Projekt, achte aber darauf, dass ich mir immer zwischendurch kleine Auszeiten schaffe, etwa durch Yoga oder Meditation.

Im ersten Pop-up-Shop gibt es nur Produkte von Frauen – warum?

Während meines Masters in Schweden habe ich nebenbei ehrenamtlich bei zwei Fair-Fashion-Start-ups mitgearbeitet. Beide Start-ups wurden von Frauen gegründet, die viel Herzblut in ihre Unternehmen stecken. Deshalb habe ich mich mit den Themen Entrepreneurship und „Female Empowerment“ auseinandergesetzt und auch meinen Blog stärker auf das Thema Frauenförderung ausgerichtet. Da war es mir eine Herzensangelegenheit mit meinem ersten Pop-up-Onlineshop tolle Frauen zu unterstützen, die etwas verändern wollen und Sachen anders angehen.

Und wer ist beispielsweise dabei?

Bei dieser Frage werde ich wieder ganz euphorisch! Es sind ganz unterschiedliche Unternehmen dabei. In punkto Fair Fashion wären da etwa Natascha von Hirschhausen oder Trikotesse zu nennen. Aber auch recycelten Silberschmuck von Ninalu und Die Wohlmacherin habe ich im Shop. Wenn jemand auf der Suche nach tollem Interieur oder schöner Deko ist, dann sollte er sich unbedingt die von Nata y Limón, VNF Handmade oder Laureanne Kootstra anschauen. Taschen von Yakmandu und Bridge & Tunnel gibt es aber auch, genauso wie tolle Naturkosmetikprodukte von Ponyhütchen und Seifendealer.

„Mit Ecken und Kanten“ will ja nicht nur Produkte verkaufen, sondern auch die Geschichten hinter den Produkten und ihren Herstellerinnen erzählen. Warum?

Genau, das ist mir ein besonderes Anliegen. Wie ich ja bereits erklärt habe, hat mich meine Zeit als ehrenamtliche Unterstützung in den beiden Startups sehr geprägt und ich habe mitbekommen, dass eine Karriere als selbständige Unternehmerin keineswegs gradlinig verläuft, sondern im Gegenteil: eher kurvig mit vielen Auf und Abs. Etwas, das ich auch kennengelernt habe, war die Changemaker-Mentalität der Frauen. Also der Wille und die Überzeugung, wirklich etwas verändern zu wollen. Das hat mich so fasziniert und geprägt, dass ich genau diese Geschichten mit anderen Menschen teilen muss.

Wirst du denn in Zukunft auch die Geschichten von Männern erzählen und ihre unperfekten Produkte verkaufen?

Ja, auf jeden Fall! Das habe ich mir fest vorgenommen. Meiner Meinung ist es ein super wichtiger Ansatz, Frauen zu fördern und ihnen gezielt Möglichkeiten zu bieten, ihrer Projekte vorzustellen – keine Frage! Aber ich denke auch, dass man dabei nicht vergessen sollte, worum es allen nachhaltigen Unternehmern und Unternehmehrinnen gleichermaßen geht: unsere Welt zu verbessern und alternative Denkweisen voranzubringen. Und das können Männer doch mindestens genauso gut wie Frauen, oder?

Eigentlich bist du ja Bloggerin. Kommst du dazu gerade noch? Erzähl doch mal, was hier so ansteht.

Ich würde mich persönlich wahrscheinlich nicht als typische Bloggerin bezeichnen. Ich wollte mit meinem Blog nie Geld verdienen, sondern sehe es eher als Medium, um Menschen darin zu bestärken, selbst aktiv zu werden und einfach mal Sachen auszuprobieren. Deshalb mache ich mir da gerade auch keinen großen Druck, wenn ich unregelmäßiger Blogbeiträge veröffentliche, weil ich durch „Mit Ecken und Kanten“ momentan einfach nicht dazu komme. Was ich aber schon verraten kann, ist mein Podcast-Projekt. Ich bin selbst ein riesiger Podcast-Fan und habe mich dazu entschlossen, selbst einen zu starten. Ich freue mich schon sehr, diesen in den nächsten Wochen zu veröffentlichen. 

Ö ist Medienpartner von „Mit Ecken und Kanten“ – in den nächsten Tagen werdet ihr hier Hintergrundgeschichten der Unternehmerinnen lesen, deren Produkte im Pop-up-Shop zu kaufen sind. Wir verdienen damit kein Geld, sondern unterstützen Jessica einfach, weil wir an ihre Idee glauben. Ihr findet „Mit Ecken und Kanten“ übrigens auch bei Facebook und Instagram.

Inga Schörmann
Inga ist eine ökologisch und feministisch motivierte Wortklauberin – im besten Sinne. Weder sprachliche Ungenauigkeiten noch gesellschaftliche Ungerechtigkeiten entgehen unserer leitenden Redakteurin. Allerdings entwischen ihr immer wieder Würmer aus der Wurmkiste. Daran arbeitet sie noch. Mehr ...

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