Schweine an die frische Luft!

Die Situation von Millionen von Mastschweinen findet er nicht gut. Doch Bert Mutsaers kennt als Inhaber einer Wurstmanufaktur auch die Zwänge der Bauern. Mit seinem Verein Offenstall.com versucht er, so viele Schweine wie möglich an die frische Luft zu bekommen.

  • Interview: Rebecca Sandbichler
  • Fotos: Offenstall.com
Stroh statt Spaltenboden. Tageslicht statt künstlicher Beleuchtung. Witterung statt Abluftanlage. Im Offenstall leben Mastschweine ganz anders als ihre konventionellen Verwandten.

Herr Mutsaers, Sie setzen sich als Wurstmacher dafür ein, dass Schweine im Offenstall großwerden sollen. Warum tun Sie das?

Ich spüre ein großes Unwohlsein, dass wir in der Schweinehaltung immer so weiter machen wie bisher. Wenn heute neu gebaut wird und große Summen investiert werden, dann stellt man wieder dieselben geschlossenen Systeme hin, wie sie vor zwanzig, dreißig Jahren schon gebaut wurden. Natürlich sind Ställe heute moderner, aber das Prinzip ist dasselbe. Dabei ist die gängige Haltungsform für Schweine überhaupt nicht optimal. Man kann sie eigentlich keinem Verbraucher zeigen.

Was ist denn für Schweine im Offenstall besser?

Zunächst atmen die Schweine in einem teilweise offenen Stall frische Luft von draußen, die zirkulieren kann. Sie schnuppern verschiedene Gerüche, spüren die Sonne oder auch mal den Regen auf der Haut. Das führt dazu, dass sie später auf dem Weg zur Schlachtung nicht so einen Stress haben, wie jene Tiere, die in ihrem Leben noch nie so viele Sinneseindrücke hatten. Man merkt das auch später an der Qualität, wobei ich aber keine Geschmackswunder versprechen will. Es geht schon vorwiegend darum, dass die Schweine ihr artgerechtes Verhalten im Offenstall besser ausleben können.

Bert Mutsaers ist der Geschäftsführer der Wurstmanufaktur Bedford in Osnabrück. Dort sitzt auch sein Verein Offenstall.com, der Mastschweinen ein Leben an der frischen Luft ermöglichen will.

Offenstall-Schweine behalten ja meist auch den Ringelschwanz, macht das nur die bessere Luft aus?

In einem Offenstall haben Schweine doppelt so viel Platz wie im konventionellen Stall, und zwar mindestens 1,5 Quadratmeter pro Tier. Die Landwirte streuen frisches Stroh ein, es gibt verschiedene Zonen fürs Ruhen, fürs Fressen und Wühlen. Auch das frische Raufutter macht einen Unterschied, weil die Schweine genug Material zum Kauen haben. Alle diese Faktoren führen dazu, dass die Tiere sich nicht langweilen müssen und sich nicht gegenseitig in die Schwänze beißen.

Warum brauchen Schweine überhaupt einen Ringelschwanz?

Der Ringelschwanz ist regelrecht ein Kommunikationsmittel. Als Landwirt können Sie am Schwanz enorm viel ablesen und so zu jedem Zeitpunkt besser erkennen, wie es ihren Tieren geht. Wenn man also Schwänze von Ferkeln kupiert, kann man nicht nur den Zustand der Schweine später viel schlechter kontrollieren. Es ist auch ein Zeichen dafür, dass die Lebensbedingungen der Tiere im Stall nicht optimal sind.

Um einen Offenstall zu bauen, kann man auch einen konventionellen Stall adaptieren: Wände ab, Buchten vergrößern, verschiedene Zonen einrichten.

Was Sie über den Offenstall erzählen, kostet den Landwirt aber vermutlich viel mehr als ein normaler Stall?

Ja, es entstehen höhere Arbeitskosten und man kann weniger Tiere pro Quadratmeter halten. Dafür spart man in der Errichtung des Stalls Einiges ein und auch die laufenden Kosten sind günstiger: Man muss ja keine Abluftanlage, weniger künstliches Licht und keine Klima-Anlage betreiben. Weil mehr Menschen den Stall betreten, können Sie auch schneller eingreifen, wenn ein Tier krank wird. Wir gehen davon aus, dass man auf diese Weise im Offenstall für bedeutend besseres Tierwohl nur ungefähr 20 Prozent beim Preis draufschlagen muss.

Einen Offenstall betreibt ein Landwirt aber trotzdem eher aus Idealismus, oder?

Noch gibt es dafür jedenfalls keine garantierten Mehreinnahmen und keine etablierte Vertriebsstruktur. Als mir ein Bauer zu Beginn seinen Offenstall zeigte, sagte ich auch: ‚Das ist alles toll, aber ich kann dir leider nicht mehr bezahlen, wenn ich nicht selbst mehr dafür bekomme.’

Das Offenstall-Prinzip

Als alternative Haltungsform zur konventionellen Schweinemast, leben die Tiere im Offenstall in einem – zumindest teilweise – offenen Gebäude. Diese offenen Ställe sind auch als so genannte pig ports bekannt und wissenschaftlich erforscht. Darin sind die Tiere zwar der Witterung stärker ausgesetzt, erfahren aber auch natürliche Phänomene wie Sonne, Regen oder Wind. Um die Gesundheit der Tiere zu gewährleisten, braucht es im Offenstall ein gutes Stallmanagement,warme Rückzugsorte, täglich frisches Stroh und Beschäftigung. Die Tiere können zwischen unterschiedlichen Funktionsbereichen frei auswählen und sich selbstständig bewegen.

Besonderheiten

Offenställe bieten Mastschweinen meist doppelt so viel Platz (mindestens aber 1,3qm pro Tier) als in der konventionellen Haltung (da gelten 0,75qm pro ausgewachsenem Mastschwein). Die Tiere erhalten Raufutter und Stroh zum Wühlen, ihre Schwänze müssen meist nicht kupiert werden. Im Offenstall fallen weniger Energiekosten an, da auf künstliches Licht oder Heizung weitgehend, und auf die Abluftanlage sogar ganz verzichtet werden kann. Durch die großen Einsparungen im Stallbau kommt es, dass Schweinfleisch aus Offenstallhaltung "nur" etwa 20 bis 30 Prozent teurer ist als konventionelles, während Bio-Fleisch mit seinen noch strengeren Tierwohl- und Umwelt-Auflagen eher doppelt so teuer ist.

Wer soll den Mehrpreis also zahlen?

Ich bin davon überzeugt, dass unsere Kunden mehr für bessere Tierhaltung bezahlen. Wir haben als Wurstmanufaktur den Vorteil, dass wir nur über Bedienungstheken verkaufen und darum eh meistens sehr viel Kommunikation mit dem Kunden im Spiel ist. Aber es muss schon klar sein, was an diesem Fleisch nun wirklich besser ist. Darum haben wir gemeinsam mit Landwirten und Wissenschaftlern den Verein gegründet, um die Offenstall-Haltung bekannt zu machen.

Es gibt sogar schon ein Offenstall-Logo. Ist das nicht fast wie ein weiteres Siegel, das Kunden nur verwirren wird?

Im Alleigang wird es schwer. Wir warten im Prinzip auf den Gesetzgeber, der ja an einem staatlichen Tierwohl-Label arbeitet. Wir sind ziemlich sicher, dass wir mit dem Offenstall schon sehr viele Kriterien eines solchen Labels erfüllen oder sogar über-erfüllen würden. Konkrete Details gibt es aber leider noch nicht. Wir haben die Vision, dass sich mit einer verständlichen Auszeichnung die Offenstall-Haltung als gute Alternative zur konventionellen Haltung durchsetzen kann.

Verschiedene Funktionsbereiche helfen den Tieren, ihr artgerechtes Verhalten besser auszuüben. Wie es den Schweinen im Offenstall geht, können Kunden auf der Seite von Offenstall.com auch per Webcam überprüfen.

Eignen sich die verbreiteten Schweinezüchtungen eigentlich überhaupt für den Offenstall? Die müssen ja Wind und Wetter trotzen können?

Es gibt jedenfalls schon kommerzielle Züchtungen, die dafür bestens geeignet sind. Man darf natürlich kein Tier nehmen, das rein auf große Masse in kürzester Zeit optimiert ist. Die Tiere sollten auf Gesundheitsmerkmale gezüchtet und möglichst robust sein, da sie alle Jahreszeiten miterleben. Man darf nicht immer nur auf den maximalen Zuwachs schauen, dann funktioniert der Offenstall wunderbar. Das ist ja eines unserer Grundprobleme im System: dass wir immer alles so übertreiben müssen.

Rebecca Sandbichler
Die Tiroler Journalistin hat ihr ökologisches Gewissen erst spät entwickelt: 20 Jahre lang eine Liebhaberin von Fleisch, Käse und Co., wurde sie durch eine vegane Woche mit Studienfreunden moralisch bekehrt. Zumindest vorübergehend. Heute sind die seltenen tierischen Produkte in ihrem Fünf-Personen-Haushalt aber immerhin Bio. Mehr ...

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