Stress’ mal runter!

Juttas Leben ist eine Baustelle. Zeit für ein Coaching von Lisbeth.

  1. Autorin: Jutta Koch

Um Selbstoptimierung habe ich mich bis vor Kurzem nicht gekümmert. Nicht, dass ich sie nicht nötig gehabt hätte. Wie defizitär die Lage, die sich mein Leben nennt, aber in Wahrheit ist, wusste ich nicht. Nun haben meine dreijährigen Zwillinge Baustellen an mir zutage gefördert, gegen die die Hamburger Elbphilharmonie und der Berliner Flughafen anmuten wie putzige Sandkasten-Projekte.

Was fehlt, ist die Resilienz-Kompetenz

Was mir fehlt, ist die Resilienz-Kompetenz. Also die Fähigkeit, dem Wahnsinn mit souveräner Widerstandskraft zu begegnen. Wie Angela Merkel. Fels in der Brandung und so. Meine Nerven dagegen sind so runter wie die Reifen eines sibirischen Lastwagens nach 37 harten Wintern.

Als höflicher, rücksichtsvoller und friedfertiger Mensch entspreche ich dem Anforderungsprofil für Kleinkindmütter leider nicht hinreichend. Meine Softskills sind eine unbrauchbare Mischung an nutzlosen Tugenden, jedenfalls in akuten Stresssituationen.

In Situationen wie dieser: Ich stehe im Bio-Laden meines Vertrauens. Die Stammkundschaft schätzt diese Oase des Friedens. Allerdings nur dann, wenn sich meine Tochter nicht gerade brüllend auf dem Boden wälzt. Ich habe ihren Unmut auf mich gezogen, weil ich nicht schon wieder einen Dreierpack Fruchtsaft kaufen möchte. Mein Sohn probt derweil mit einem Feuerwehrauto riskante Rettungseinsätze zwischen den engen Regalen.

An der Kasse wühle ich hektisch nach meinem Geldbeutel. Finde in der Tasche aber nur Schnuller, gebrauchte Taschentücher und einen vertrockneten Apfelgrips. Um Fassung ringend, erkläre ich meiner Tochter, dass ich ihren Protest zur Kenntnis nehme, meine Meinung aber nicht ändern werde. Mir ist heiß und ich bekomme wieder dieses Gefühl, als hätte jemand in mir den Schleudergang eingeschaltet. Wir haben es eilig, gleich steht Besuch vor der Tür, das Auto ist nicht wirklich vorschriftsmäßig geparkt, und hinter mir steht der nächste Kunde, dessen schweren Atem ich quasi schon im Nacken spüre.

Der Stefan kann warten

Hinter der Kasse steht Lisbeth. Sie ist Dänin – eine dieser gut aussehenden Däninnen, die auch in Gummistiefeln wirken, als kämen sie gerade vom Mode-Shooting. Sie sagt fröhlich: „Spar’ dir den Stress. Der lohnt sich gar nicht. Hinter dir steht nur der Stefan, der kann warten. Der hat Zeit.“ Ich drehe mich um zu Stefan, der so aussieht, als sei ihm das mit seinem Zeit-Kontingent völlig neu.

Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe: Noch öfter in den Laden gehen und mich von Lisbeth coachen lassen. Resilienz bedeutet nämlich auch: Krisen als Anlass für Entwicklungen zu nutzen. Mein neues Mantra lautet: Entwicklungspotenzial. Es ist nie zu spät!

Jutta Koch
Jutta ist eine der zwei leitenden Redakteurinnen von Ö – und unsere Kolumnistin! Und ja, so ulkig und bunt sie schreibt, erzählt sie auch. Das Arbeiten mit ihr ist immer wieder ein Fest. Mehr ...

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