Überzuckert

Zucker liefert uns Energie so schnell wie kein anderes Lebensmittel. Doch zu viel von diesem Treibstoff macht krank. Was passiert, wenn man ihn einfach weglässt?

  1. Autor: Andreas Kraft
  2. Illustrationen: Florian Bayer

Ich liebe Zucker. Dieser süße Geschmack auf der Zunge. Dieser Kick fürs Gehirn, der alle Anstrengung vergessen lässt. Zucker ist das pure Glück zum Runterschlucken.

Es ist mein zweiter Tag ohne Zucker. Schon nach dem Aufstehen habe ich Kopfschmerzen, ich bin noch grummeliger als ohnehin am frühen Morgen. Wie gern würde ich jetzt ein, zwei Löffel Zucker in meinen Kaffee rühren und zusehen, wie sich mit den weißen Kristallen auch all meine Sorgen auflösen.

Zucker wirkt im Körper wie eine Droge

Kein Wunder, dass Zucker so ein riesengroßes Geschäft ist. 3,5 Milliarden Euro verdient die deutsche Zuckerindustrie pro Jahr mit der Herstellung von Haushaltszucker aus Zuckerrüben. Aus einem Teil wird Biosprit hergestellt. Der Großteil aber landet in Limonaden, Speiseeis, Marmeladen und Schokoriegeln.

Zucker wirkt wie eine Droge. Kommt er im Gehirn an, schüttet der Körper das Glückshormon Dopamin aus. Aber er berauscht nicht. Das Gehirn arbeitet zuverlässig weiter. Auf Dauer macht zu viel Zucker allerdings krank. Er kann zu Übergewicht, Diabetes und Bluthochdruck führen. Deshalb habe ich vor zwei Tagen meinen Zucker-Detox gestartet.

„Wie gern würde ich jetzt Zucker in meinen Kaffee rühren.“

Ich will auf den sogenannten freien Zucker verzichten. Darunter verstehen Ernährungswissenschaftler den Zucker, der Speisen und Getränken zugesetzt wird oder von Natur aus in Fruchtsaft und Honig steckt. Das bedeutet: keine Gemüsekonserven, kein Ketchup, keine Müslimischung – überall ist Zucker drin. Und der hat viele Namen: Malzextrakt, Agavendicksaft, Zuckerrübensirup, Dextrose, Inulin und 70 weitere. Auf Konserven und Limo zu verzichten ginge ja noch. Aber dann frage ich beim Bäcker nach den Zutaten in meinem Lieblingsvollkornbrot: Zuckerrübensirup. „Bleibt mir nur, mein Müsli selbst zu mischen“, denke ich. Doch ein Blick auf die Cranberrys-Packung offenbart: auch hier ist Zucker zugesetzt. Und auch beim Metzger mache ich ein langes Gesicht: In meiner Lieblingssalami steckt Dextrose.

Früher war Zucker ein Luxusprodukt. Angebaut und verarbeitet in den Kolonien, versüßte er vor allem der europäischen Oberschicht das Leben. Anbau und Verarbeitung wurden immer weiter optimiert, Zucker wurde immer billiger und Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem Massenprodukt. Seitdem ist der Konsum rapide gestiegen. Heute liegt der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland bei 35 Kilogramm im Jahr. Das ist rund viermal so viel wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für unbedenklich hält. Nicht mehr als 25 Gramm freien Zucker sollte jeder am Tag essen. Das sind sechs Teelöffel.

„Unser Stoffwechsel tickt immer noch auf Steinzeit-Niveau“, sagt die Kinderärztin Susanna Wiegand, Vizepräsidentin der Deutschen Adipositas Gesellschaft und Leiterin der Adipositas-Ambulanz an der Charité Berlin. „Damals gab es im Sommer ein paar Beeren und mit viel Glück etwas Honig. Das war es dann.“ Heute betanken wir unseren Körper mit viel zu viel Energie. Mit dem Überschuss legt der Körper Reserven für Notzeiten an. Nur – die Notzeiten kommen nicht mehr. „Die Zahl der ­Adipositas-Fälle bei Kindern nimmt zu und die Erkrankungen werden immer gravierender“, sagt Wiegand.

Die Kopfschmerzen sind weg – gut fühlen geht auch ohne Zucker

ch bin bei Tag vier ohne Zucker angekommen. Die Kopfschmerzen sind weg. Die Gereiztheit auch. Ich fühle mich ganz normal, auch ohne Zucker. Nur wenn es mental anstrengend wird, schleiche ich noch durch die Küche auf der Suche nach Süßigkeiten. Doch die habe ich vor meinem Detox-Programm vorsichtshalber alle aufgegessen. Tage- und wochenlang habe ich den Start vor mir hergeschoben. Jetzt weiß ich: Das Anfangen war das Schwierigste am Aufhören.

Überzeugt hat mich ein Gespräch mit Stefanie Gerlach, Leiterin Gesundheitspolitik bei der Deutschen Diabetes Hilfe, über die fatalen Folgen des Diabetes: Jedes Jahr erblinden 2.000 Menschen in Deutschland, versagen die Nieren bei 2.300 Menschen, werden 40.000 Zehen, Unterschenkel und Beine amputiert. Jeder sechste Todesfall ist durch Diabetes verursacht. Bei sieben Millionen Deutschen ist Diabetes Typ II diagnostiziert; etwa zwei Millionen leiden daran, ohne es zu wissen.

Den ganzen Artikel lest ihr in der aktuellen Ausgabe mit dem Schwerpunkt „Energie“. Ihr findet Ö in einem gut sortieren Kiosk oder Bahnhofsbuchhandel in eurer Nähe. Oder aber ihr bestellt Ö direkt bei uns.

Andreas Kraft
Andreas hat schon als Kind am liebsten im Wald gespielt. Jetzt wünscht er sich, dass sich die Automobilwirtschaft in Sachen Nachhaltigkeit ein Beispiel an der Forstwirtschaft nimmt. Mehr ...

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