Wo Sarahs vegane Revolution beginnt

Sarah Kaufmann findet, die Diskussionskultur rund ums Fleisch lässt zu wünschen übrig. Weshalb es ihr egal ist, ob ihre vegane Fleischalternative Schnitzel heißt oder nicht, erzählt die Bloggerin von „Vegan Guerilla“ im Interview.

  1. Interview: Daniela Nickel
  2. Fotos: Björn Lexius, Sarah Kaufmann
Rezept „Champignon Ceviche“ aus dem Buch Outdoor Cooking – vegane Rezepte für den nächsten Roadtrip, Ventil Verlag

Du bist schon viel in der Welt herumgekommen, besonders in Lateinamerika – eine Region, deren Küche sehr durch Fleischzubereitung geprägt ist. Sicher ist es da nicht immer einfach, vegane Alternativen zu finden?

Ich war mittlerweile fünf Mal in Lateinamerika, insgesamt über einen Zeitraum von 32 Monaten und in 15 verschiedenen Ländern. Die regionalen Küchen variieren stark, teils auch innerhalb einzelner Länder. Dass sehr viele traditionelle lateinamerikanische Gerichte und Küchen fleischlastig sind, ist aber korrekt. In großen Städten finden sich jedoch auch einige vegane oder vegetarische Restaurants und in ländlicheren Regionen gibt es immer wieder mal zufällig veganes Streetfood – oder welches, das sich easy vegan bestellen lässt. Etwa gefüllte Tacos an Streetfood-Ständen. Nicht so einfach wie in einer europäischen Großstadt, aber irgendwie immer machbar.

Kulinarisch liebe ich den Subkontinent der Rice and Beans, frittierten Kochbananen, Salsas, Tortillas, köstlicher Fruchtsorbets, des Bohnenmus’, der Guacamole, der tausenden Kartoffel- und Knollensorten sowie der tollsten tropischen Früchte trotzdem sehr. Und ich vermisse hier sehr viele der dort gängigen Lebensmittel, weil sie in Deutschland gar nicht oder nur unreif in grausiger Qualität erhältlich sind. Um auf Reisen aber auf jeden Fall in den Genuss dieser Zutaten zu kommen, koche ich sehr gerne einfach selbst – und dann eben mit allem, was sich auf den bunten Märkten findet.

Sarah Kaufmann vom Blog „Vegan Guerilla“, blondes kurzes Haar, schwarzes Top, Tättowierungen am linken Arm.
Sarah Kaufmann hat ihren Blog „Vegan Guerilla“ 2010 gestartet. Seither inspiriert sie ihre Leser mit Rezepten und vielem mehr rund ums vegane Leben.

Einige dieser Rezepte verrätst du in deinem Buch „Outdoor Cooking – vegane Rezepte für den nächsten Roadtrip“.

Ja, ich habe es während meiner letzten längeren Reise gemeinsam mit meinem Lieblingsmenschen geschrieben. Ich zeige darin, was bei mir unterwegs auf dem Teller landet – vor allem auch in den Fällen, wenn mal nur sehr wenige Zutaten verfügbar sind.

Deine Reisen scheinen dich beruflich und kulinarisch sehr zu inspirieren. Wie sieht es mit der persönlichen Ebene aus?

Da haben mich diese Reisen noch viel mehr bereichert als auf kulinarischer! Sogar so sehr, dass ich es für einen ziemlich guten Plan halte, dem nassgrauen Deutschland irgendwann in meinem Leben noch den Rücken zu kehren.

Kochbananen-Curry aus dem Buch „Outdoor Cooking – vegane Rezepte für den nächsten Roadtrip“, Ventil Verlag
Dieses und das Bild ganz oben stammen aus Sarahs Buch „Outdoor Cooking – vegane Rezepte für den nächsten Roadtrip“. Sie zeigen ihr Champignon-Ceviche und hier ein Kochbananen-Curry.

Da könnte man denken, dass der Name deines Blogs „Vegan Guerilla“ von deinem Fernweh zeugt. Das spanische Wort Guerilla steht ja für „Widerstandskämpfer“ – steht bei dir die Revolution in der Küche im Vordergrund oder engagierst du dich auch auf politischer Ebene?

In meiner Jugend und meinen ersten Jahren in Hamburg war ich immer wieder politisch aktiv, jedoch nicht in Sachen Tierrecht, sondern in verschiedenen Umweltschutz- und anderen Polit-Gruppen. Die Idee zur Guerilla im Namen meines Blogs stammt jedoch eher aus einem der Schwerpunkte meines mittlerweile hinter mir liegenden Studiums, Lateinamerika Studien. Während der Namensuche für den Blog habe ich grad eine Hausarbeit zu den Zapatisten verfasst, die gerne auch als „Diskurs-Guerilla“ oder „Cyber-Guerilla“ betitelt werden.

Diskutieren wollte ich aber nicht, sondern einfach mit leckeren Rezepten von der Ernährungs- und Konsumweise überzeugen, die meiner Meinung nach die korrektere ist. Bewusst zu konsumieren und vor allem bestimmte Dinge bewusst nicht zu konsumieren, sehe ich dabei auch als kleinen alltäglichen Protest, der sich eben nicht nur auf Lebensmittel beschränkt, sondern auch Bereiche des Lebens außerhalb der Küche mit einschließt. Daher beginnt die Revolution eben auch nur in der Küche – wie weit sie geht, darf jede und jeder einzelne für sich selbst herausfinden.     

Und trägt dieser Ansatz Früchte – etwa in deinem persönlichen Umfeld?

Die meisten meiner Freunde lebten schon vegetarisch oder vegan, als ich mit meinem Blog angefangen habe. Von denen, die es damals nicht waren, sind über die Jahre tatsächlich einige vegan geworden und haben mir im Nachhinein gesagt, dass ich darauf großen Einfluss hatte. Allerdings habe ich nie versucht diese Menschen mit Diskussionen von meiner Lebensweise zu überzeugen, sondern ihnen lediglich vorgelebt, dass mir nichts fehlt – und ihnen ganz nebenbei ab und an mal etwas Veganes zum Essen untergejubelt.

Lemongras-Tofu, Kurkuma-Rollen, Sesam-Dip – alles vom Blog „Vegan Guerilla“
So sieht Sarahs Essen aus, wenn sie aus den Resten kocht, die noch im Kühlschrank waren. Zum Rezept geht's, indem ihr aufs Bild klickt.

Leider ist die öffentliche Diskussion zwischen Veganern, Vegetariern und Omnivoren häufig durch Aggressivität und Vorurteile bestimmt und führt meist zu Frustration auf beiden Seiten. Warum denkst du, spitzt sich der Austausch zu diesem Thema oft so derartig zu?

Niemand mag es, wenn andere an einem rummäkeln oder rumkritisieren – etwas so Persönliches wie das eigene Ernährungs- oder auch komplette Konsumverhalten natürlich eingeschlossen. Fühlen wir uns angegriffen – ob berechtigt oder nicht sei dahingestellt – reagieren die meisten wenig entspannt und die Situation eskaliert auch gerne schnell dank dummer Sprüche und absurder Behauptungen. Dass die Fronten sich dabei nur verhärten, verwundert mich kaum und lässt sich auch bei sehr vielen anderen Themen beobachten. Vielleicht sollten wir einfach mal ein bisschen an unserem Umgang miteinander und unserer Diskussionskultur arbeiten. So ganz allgemein – und vor allem im Internet.   

Wie verhältst du dich in öffentlichen oder auch persönlichen Gesprächen über den Konsum tierischer Produkte und wie könnten wir alle zu einer konstruktiveren Debatte zu diesem Thema beitragen?

Andere Menschen nicht aufgrund ihrer Lebensweise zu beschimpfen und sich selbst ebenfalls nicht sofort auf den Schlips getreten zu fühlen, wäre ein sehr guter Anfang, ebenso wie das Gegenüber ausreden zu lassen. Das gilt übrigens für beide Seiten.

Knusprige panierte Avocado-Sticks von Sarah Kaufmann, Vegan Guerilla
Diese knusprigen Avocado-Sticks hat Sarah selbst erfunden. Zum Rezept kommt ihr, wenn ihr aufs Bild klickt.

Was rätst du Leuten, die selbst gern auf ein veganes Leben umsteigen wollen?

Vor allem rate ich dazu, offen und mit Neugierde an die Sache heranzugehen. Neues auszuprobieren und zu entdecken, statt etwas nachzuahmen und exakt den gleichen Geschmack zu erwarten. Und auch: zu Gemüsesorten oder Gewürzen zu greifen, mit denen man noch nie experimentiert hat. Wer seine Ernährung nicht von heute auf morgen komplett umstellen möchte, tastet sich einfach langsam heran – so wie ich es, wenn auch nicht bewusst, ebenfalls getan habe.

„Mich hat es schon als Kind davor geekelt, Fleisch zu essen, da mir etwas Totes auf dem Teller schlichtweg den Appetit verdorben hat. Ist mir mit meinem veganen Schnitzel noch nie passiert.“

Auf deinem Blog stellst du dennoch einige Rezepte vor, die bestimmte Fleischgerichte in ihrer pflanzlichen Variante direkt nachahmen. Viele Veganer sagen, die rein pflanzliche Ernährung bedeutet keinen Verzicht. Ketzerisch gefragt: Spiegelt die Nachahmung von Fleischprodukten aber nicht doch wider, dass da etwas fehlt?

Letztlich geht es doch überhaupt nicht darum, was fehlt oder nicht, sondern darum, seinen Konsum so zu gestalten, dass er halbwegs umweltfreundlich ist und vor allem den eigenen ethischen Ansprüchen genügt, das heißt in meinem Fall, dass eben keine Tiere dafür ausgebeutet werden. Mich hat es schon als Kind und Jugendliche davor geekelt, Fleisch zu essen, da mir etwas Totes auf dem Teller schlichtweg den Appetit verdorben hat. Ist mir mit meinem veganen Schnitzel aus Seitan oder Soja noch nie passiert. Natürlich kann man darüber streiten, ob das Teil nun Schnitzel genannt werden muss oder eben nicht. Mir selbst ist das ehrlich gesagt völlig egal, solange ich ganz in Ruhe auf meinem panierten und gebratenen Pflanzenlappen rumkauen darf. Davon abgesehen haben in der asiatischen Küche sowohl Soja- als auch Seitan-Produkte eine jahrhundertelange Tradition. Da gelten sie nicht als Fleischersatz, sondern einfach als eigenständige Produkte.  

vegane Taquitos von Vegan Guerilla
Sarah liebt Taquitos – oder Flautas, wie sie auch genannt werden. Fürs Rezept klickt aufs Bild.

Kommt es öfter vor, dass du dich rechtfertigen oder Widerstand leisten musst?

Schwierige Frage, da rechtfertigen und Widerstand gegen etwas leisten meiner Ansicht nach zwei völlig unterschiedliche Dinge sind. Mich für meine Lebensweise rechtfertigen, also verteidigen, tue ich schon aus Prinzip nicht. Zumal das meiner Ansicht nach auch zu nichts Konstruktivem führen kann. Aktiv gegen etwas Widerstand zu leisten, ist eine andere Geschichte, bei der ich gerne dabei bin. 

Wir folgen Sarah bei Facebook und Instagram – und können euch beide Accounts wärmstens empfehlen.

Daniela Nickel
Daniela ist unsere Online-Redakteurin mit waschechter Berliner Schnauze. Wenn sie nicht gerade mitten in einem groß angelegten Bastelprojekt steckt, wuselt die leidenschaftliche Naschkatze wahrscheinlich beim Backen in der Küche herum. Mehr ...

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