Welthunger: Wasser macht satt

Wie sollen wir bald zehn Milliarden Menschen ernähren, wenn fruchtbarer Boden und andere Ressourcen jetzt schon knapp werden? Experten sehen die Zukunft unserer Ernährung im Wasser.

  1. Autorin: Steffi Schmitz
  2. Illustrationen: Catharina Feist

Auf einem ehemaligen Industriegelände mitten in Dortmund, zwischen alten Werkshallen und Backsteingebäuden, steht ein Gewächshaus, das nur auf den ersten Blick wie ein Gewächshaus aussieht. „Hier, das ist unser Salat, gerade geerntet.“ Rolf Morgenstern vom Dortmunder Verein „Die Urbanisten“ hält einen Salatkopf wie aus einem Werbeprospekt hoch. Der stammt aus einem Hydrokultur-Beet, das über Pumpen, Filter, Schläuche und Wassertanks mit einem Fischbecken verbunden ist, in dem Graskarpfen und Schleien, sogenannte Friedfische, leben. Fischzucht trifft Pflanzenzucht; das nennt sich Aquaponik.

Aquaponik kannten schon die alten Chinesen

„Das Wasser aus dem Fischtank wird filtriert, Bakterien wandeln Ammonium in Nitrat um und damit werden die Pflanzen, Tomaten, Rucola, Kohl oder eben Salat, gewässert und gedüngt. Sie entziehen dem Wasser die Nährstoffe, dann leiten wir es wieder zu den Fischen zurück“, erklärt Diplom-Chemieingenieur Morgenstern das System, in dem das Wasser in einem nahezu geschlossenen Kreislauf zirkuliert. „Wir müssen hier eigentlich nur die Verdunstung durch die Zufuhr von Frischwasser ausgleichen. Das sind etwa 10 bis 30 Liter pro Tag.“

Schon im alten China und bei den Azteken wurde dieses System angewendet. „Der Einsatz von Aquaponik eignet sich besonders dort, wo der Boden schlecht ist, das Land zu teuer und Wasser als knappe Ressource gilt. Also in Wüsten oder Trockengebieten, auf sandigen Inseln oder in urbanen Zentren“, schreibt die Ernährungswissenschaftlerin und Foodtrend-Forscherin Hanni Rützler in ihrem Food-Report 2017. Neben Aquaponik-Farmen auf Großstadtdächern entstehen auch immer mehr große, hochtechnisierte Systeme.

„Aquaponik eignet sich dort, wo der Boden schlecht ist und Wasser knapp.“

„Smart Floating Farms“ als Fisch- und Gemüselieferant

Das IGB, das Leibniz-Institut für Gewässer-Ökologie und Binnenfischerei, etwa testet gerade auf großen Versuchsanlagen in Deutschland, Spanien, Belgien und China ein Verfahren mit Buntbarschen und Tomaten, unterstützt mit Millionen von EU-Geldern. Und wer weiß, vielleicht kaufen Bewohner großer Hafenstädte irgendwann statt im Supermarkt in einer „Smart Floating Farm“ ein, die direkt vor ihrer Küste ankert. Der spanische Architekt Javier Fernandéz Ponce hat sich einen schwimmenden, mehrstöckigen Gebäudekomplex mit Solaranlagen auf dem Dach ausgedacht, in dem pro Jahr acht Tonnen Gemüse und Salat in Hydrokulturbeeten wachsen sollen; bewässert durch entsalztes Meerwasser, was allerdings sehr teuer ist.

Eine Etage tiefer könnten rund zwei Tonnen Fisch in großen Meerwasserbecken gezüchtet werden. Futuristisch, aber allein schon wegen der teuren Liegeplatzmieten kostspielig in der Umsetzung und noch lange nicht realisiert. Unterdessen wächst der weltweite Fischhunger. „Überfischt und unterversorgt“ heißt eine aktuelle Studie des WWF zum Fischkonsum, die davor warnt, dass Europa auf dem besten Weg ist, den ärmeren Ländern den Fisch wegzuessen. Über die Hälfte der Fisch-Importe in die EU stammt mittlerweile schon aus Entwicklungsländern. Wenn die Preise durch die hohe Nachfrage aus Europa weiter ansteigen, wird noch mehr exportiert. Davon profitieren in den Entwicklungsländern mit hohen Fischvorkommen aber nur wenige. Wenn dieser Prozess so weitergeht, müssten Millionen Menschen entlang der Küsten Afrikas oder Lateinamerikas auf Fisch als lebenswichtige Quelle für Proteine, Fettsäuren und Spurenelemente verzichten, befürchtet der WWF.

Der weltweite Fischhunger steigt, aber die Fangmengen stagnieren

Gleichzeitig stagnieren die Fangmengen von Wildfisch seit Jahren auf einem Niveau von etwa 100 Millionen Tonnen pro Jahr. Das Limit ist erreicht, aktuell ist ein Drittel der Gewässer überfischt. Die Autoren der Studie glauben aber, dass sich die Bestände wieder erholen können. Voraussetzung: ein weltweites, ökologisches Fischereimanagement, das Rücksicht auf die vorhandenen Ökosysteme nimmt und den Beständen eine Chance gibt, wieder zu wachsen. Im Idealfall könnte die Fangmenge dann bis zum Jahr 2050 sogar auf rund 137 Millionen Tonnen anwachsen. Ob sich das aber so einfach durchsetzen lässt, sei dahingestellt. Zumal die illegale Fischerei schwer in den Griff zu bekommen ist. Bleibt erstmal das Ziel, den Fisch gerechter zu verteilen.

Für uns reiche Industrieländer im Norden heißt es deshalb: Fisch bewusster konsumieren, auf nachhaltigen Fang achten und statt der Makrele aus dem Atlantik vor Westafrika lieber der Scholle aus der Nordsee den Vorrang geben. Oder dem Karpfen aus nachhaltiger Teichbewirtschaftung? Der führt ein gutes Karpfenleben, etwa in einem der 1.000 Teiche im österreichischen Waldviertel, wo man schon seit dem Mittelalter Karpfenzucht betreibt. Er hat genug Platz, kann Wasserpflanzen, Schnecken und Würmer fressen und ganz in Ruhe in natürlicher Umgebung wachsen, bis er dann irgendwann als dicker Brocken gefangen wird.

Ein Lachs aus einer chilenischen Fischfarm wird anders groß. Er lebt in dicht besetzten Netzkäfigen, wird gemästet, mit Antibiotika vollgepumpt und schnell Opfer von Epidemien. Beides ist Aquakultur, die eine in ihrer ältesten und nachhaltigsten Form, die andere in einer nur auf Profit ausgerichteten Form der Massentierhaltung. Laut FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, stammte 2015 bereits die Hälfte des weltweit verzehrten Speisefisches aus Aquakulturen. In nur 20 Jahren hat sich die Produktionsmenge verdreifacht. Ein lukrativer Markt, der weiter wächst.

Ein Problem dabei: unsere kulinarische Vorliebe für Raubfische wie Lachs und Thunfisch. Denn in deren Zucht steckt man mehr Fisch rein, als hinterher herauskommt. Hinzu kommt, dass die meisten Aquakulturen in natürlichen Gewässern liegen: im Meer, in Seen oder Flussläufen. Hier können Fische zum einen Schwermetalle oder Quecksilber aufnehmen, zum anderen verschmutzen ihre Ausscheidungen das Wasser. In geschlossenen Systemen mit Filteranlagen müssen täglich 10 Prozent des Wassers ausgetauscht werden.

Unsere Vorliebe für Raubfische ist ein ökologisches Problem

Ökologische Aquakulturen gehen schonender mit den Ressourcen um, noch ist ihr Marktanteil allerdings verschwindend gering. Forscherin Rützler geht dennoch davon aus, dass die Phase der konventionellen Erzeugung beim Fisch deutlich schneller überwunden sein werde als beim Fleisch, da beim Fischkauf das Bewusstsein für nachhaltigen Konsum bei vielen Verbrauchern schon stärker verankert sei.

Wer auch den glücklichsten Karpfen nicht auf dem Teller sondern lieber im Teich sehen will, der sollte vielleicht mal den Auberginen-Dulse-Burger von Jörg Ullmann probieren. „Der ist vegan, hat aber eine ganz tolle deftige Note“, sagt der Biologe und Algenexperte, der letztes Jahr ein Algenkochbuch veröffentlicht hat. Dulse, auch Lappentang genannt, ist eine Rotalge, die bereits vor Hunderten von Jahren von irischen Männern wie Kautabak gekaut wurde. Leicht geröstet schmeckt sie ein bisschen nach Schinken und erobert gerade US-amerikanische Küchen.

Nemo’s Garden – eine Unterwasser-Utopie

Vor der italienischen Rivieraküste schweben in fünf bis zehn Metern Tiefe Unterwassergärten, in denen Kräuter wie Basilikum wachsen. Diese „Biosphären“-Ballons sind am Meeresboden verankert, nach unten offen und im Innern mit Luft gefüllt. Die Sonneneinstrahlung lässt das Meerwasser an der Ballonhülle kondensieren, sodass die Pflanzen in einem geschlossenen Kreislauf bewässert werden. Die Nachteile: Flache Küsten gibt es nicht so viele und außerdem muss zum Düngen und Ernten jedes Mal ein Taucher eingesetzt werden.

Was können Wasserlinsen?

In Thailand stehen Wasserlinsen (im Volksmund Entengrütze) schon lange auf dem Speiseplan. Die grünen Kügelchen, die oben auf Gewässern schwimmen, schmecken wie milde Erbsen und könnten mit ihren wertvollen Proteinen und Omega-3-Fettsäuren gegen Mangelernährung helfen, sagen Forscher von der Universität Jena. Problematisch: Sie nehmen nicht nur leicht Nährstoffe, sondern auch Gifte auf, deshalb spielt die Wasserqualität eine große Rolle. In Jena will man jetzt Wasserlinsen züchten.

Dulse ist nur eine von zigtausend Algenarten. Bislang fristeten viele von ihnen ein eher unspektakuläres Dasein, im Sushi beim Japaner, in Nahrungsergänzungs-Pillen oder als blauer Farbstoff und Verdickungsmittel. Aber Hanni Rützler sagt Algen in ihrem Food-Report eine große Zukunft voraus, „ob als Lebensmittel oder Nährstoffquelle, als Fleischersatz oder als Gesundheitselixier.“

Und Jörg Ullmann, der schaut als Geschäftsführer einer der weltgrößten Mikroalgenfarmen in Sachsen-Anhalt schon seit Jahren über den Tellerrand hinaus ins Wasser. Und zwar in sehr, sehr grünes Wasser, das durch ein kilometerlanges Glasröhrensystem fließt. Hier gedeiht Chlorella, eine schnellwachsende Photosynthese-Künstlerin, die zur Hälfte aus Protein besteht und einen Vitamin-B12-Gehalt hat, von dem selbst eine Rinderleber nur träumen kann. Sie macht beispielsweise grüne Smoothies und Säfte zur Vitaminbombe oder ersetzt Butter und Ei in Backwaren.

Algen stecken voller gesunder Inhaltsstoffe und sind leicht zu züchten

Wenn Jörg Ullmann anfängt, die weiteren Vorzüge von Algen aufzuzählen, hört er so schnell nicht auf: „Die einen enthalten wertvolle ungesättigte Fettsäuren, die anderen besonders viel Jod, mit manchen Makroalgen kann man den Salzgehalt von Lebensmitteln reduzieren. Sie lassen sich leicht züchten, ob als Mikroalgen in geschlossenen Systemen oder als Makroalgen im Meer. Sie sind vegan und sie schmecken!“ Und er berichtet von seinem Hilfsprojekt in Kolumbien, wo man durch die Gabe von ein paar Gramm der Blaualge Spirulina Mangelernährung bei Kindern bekämpft. Nun sollen die Kolumbianer lernen, wie man die Alge selbst vor Ort züchtet.

Wenn die Zukunft unserer Ernährung im Wasser liegt, dann brauchen wir eben nicht nur Visionäre, sondern auch Macher, die praktikable Lösungen anbieten. Rolf Morgenstern und seine Mitstreiter von den „Urbanisten“ in Dortmund haben gerade ein Heim-Aquaponiksystem entwickelt. Das könnte vielen Garten- und Fischfans hierzulande ein neues Hobby bescheren. Doch da ist noch mehr drin: In ärmeren Ländern könnten solche Systeme Familien helfen, sich selbst zu versorgen oder ihr Einkommen aufzubessern.

Steffi Schmitz
Eigentlich ist Steffi eine Radiotante, aber oft schreibt sie lieber statt zu reden. Privat Gedichte, beruflich viel über Naturkosmetik und Eco-Fashion. Dabei schaut sie auf einen großen Baum und freut sich als Naturschützerin über Stieglitze, Blaumeisen und Eichelhäher, die mitten in der Dortmunder City leben. Mehr ...

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